Stephanus Geburtstagsandacht am 27. Juni 2025
Ein Leuchtfeuer der Nächstenliebe
1Der HERR ist König und herrlich geschmückt; /
der HERR ist geschmückt und umgürtet mit Kraft.
Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt.
2Von Anbeginn steht dein Thron fest; du bist ewig.
3HERR, die Wasserströme erheben sich, /
die Wasserströme erheben ihr Brausen,
die Wasserströme heben empor die Wellen;
4die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig;
der HERR aber ist noch größer in der Höhe.
5Dein Wort ist wahrhaftig und gewiss;
Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses, HERR, für alle Zeit.
Diesem Psalm 93 sind die Gründungsworte unserer Stiftung entnommen, die
der Stiftungsgründer Pfarrer Ernst Berendt vor 147 Jahren wie eine Art Leuchtfeuer für diesen Dienst ausgesucht hat:
die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig;
der HERR aber ist noch größer in der Höhe.
Wir feiern diese Andacht im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Liebe Geschwister,
in dieser Woche feiern wir den Geburtstag der Stephanus-Stiftung. Und es ist schön, dass wir dafür jetzt die Geburtstagskerze hier angezündet haben. Sie wird an vielen Tagen des Jahres auf dem Altar ein Licht für die kleinen und großen Menschen sein, an die wir an ihrem Geburtstag denken.
Als Kind habe ich mich über eine Kerze zu meinem Geburtstag immer sehr gefreut. Sie stand in der Mitte eines Schokoladenkuchens, den mir meine Mutter gebacken hat. Und das Tolle war, dass er nicht nur einen dicken Schokoladenüberzug mit bunten Zuckerstreuseln hatte, sondern auch innen ganz viele kleine Schokoladenstückchen. Ich liebte es, wenn mir als Geburtstagskind im Schein der Kerze das erste Kuchenstück auf den Teller gelegt wurde.
Ich finde, Kerzen sind etwas Wunderbares. Sie geben ein besonderes Licht. Sie wärmen und wenn ein leichter Windhauch kommt, dann flackern sie auch etwas.
Weil wir heute selbstverständlich mit elektrischem Licht umgehen, zünden wir eine Kerze nur noch selten an. Daher ist das für mich immer wieder etwas besonders Schönes.
Unsere Kerze ist eine große Kerze. Wenn es jetzt hier in der Kirche dunkel wäre, würde sie sicher ein gutes Licht abgeben. Vielleicht gerade so, wie Leuchtfeuer, die es an bestimmten Stellen an den Meeresküsten gibt. Sie sind meist auf hohen Türmen oder Masten angebracht, damit sie weit hinausleuchten können, um den Schiffen die Einfahrt in den sicheren Hafen zu erleichtern. Gerade dann, wenn es dunkel wird, bei Nacht oder bei Regen und Sturm.
Vielleicht hatte Pfarrer Ernst Berendt solche oder ähnliche Gedanken, als er die damals noch Bethabara genannte Stiftung gründete. Als Gefängnispfarrer im Berliner Frauengefängnis kannte er die Not der Frauen, die dort inhaftiert waren. Meist wegen kleinerer Diebstahldelikte oder Prostitution. Manche von ihnen waren schwanger oder brachten ihre Kinder mit in das Gefängnis, während der Haftzeit. Und das Schlimme war, wenn die Frauen wieder freigelassen wurden, hatten sie keine Orientierung, wie es nun weitergehen sollte. Sie wurden wieder zurückgeworfen in das Meer der Großstadt Berlin und oft genug schlugen die Wellen erneut über ihnen zusammen. Für die meisten gab es keinen sicheren Hafen, kein rettendes Ufer für sie und ihre Kinder. Daher dauerte es oft nicht lange, da wurden viele von ihnen erneut wegen irgendwelcher Straftaten verurteilt und kamen wieder ins Gefängnis.
Doch Pfarrer Ernst Berendt wollte diesen unglücklichen Kreislauf durchbrechen. Er gründete die Bethabara Stiftung mit dem Ziel, einen sicheren Ort des Überganges für diese Frauen zu schaffen. Mit Hilfe von Spenden gutwilliger Unterstützer konnte er hier in Weißensee zunächst ein Haus und ein Gelände erwerben. Darauf ließ er später weitere Häuser errichten, in denen Frauen mit ihren Kindern sicher waren, etwas lernen konnten und so einer besseren Zukunft entgegensahen.
Die Stiftung wurde damit so etwas wie ein sicherer Hafen für viele Menschen, in den nächsten 147 Jahren. Ein Ort, wo sie sich geschützt und begleitet auf eine bessere Zukunft vorbereiten konnten.
Und das großartige ist, Pfarrer Ernst Berendt hat auch Frauen und Männer gewonnen, die sich um die Menschen kümmerten, die auf Unterstützung angewiesen waren. Sie gaben Orientierung, zeigten neue Wege auf und machten Mut, wo es kaum noch Hoffnung gab. Unzählige Menschen haben hier in der Stiftung gearbeitet, haben sich hier ausbilden lassen, um anderen Menschen so etwas wie ein Licht zu sein.
An einige von ihnen haben wir am letzten Montag erinnert, als wir das Ehrengrab der Familie Berendt besuchten. Dort haben auch mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Anfangszeit ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Wer viel gibt, der muss auch immer wieder neue Kraft dafür aufladen. Wie mit einem Handy, dass wir täglich neu mit Energie aufladen müssen, damit es funktioniert. Auch Menschen benötigen Kraftquellen, aus denen sie schöpfen können, um den Anforderungen des Lebens begegnen zu können. Gerade in schwierigen Momenten oder Zeiten der Veränderung ist es gut, wenn es eine Zuversicht schenkende Kraft gibt, die uns trägt und stärkt.
Der Gründungstext aus dem Psalm 93 gibt uns da einen Hinweis:
Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig;
der HERR aber ist noch größer in der Höhe.
Hier weist uns die Bibel darauf hin, dass es außer uns Menschen noch eine andere Kraft gibt, die sehr viel stärker und mächtiger ist, wenn ein Sturm die Wellen hochschlagen lässt. Für Pfarrer Ernst Berendt und für viele andere Menschen damals wie heute, ist der christliche Glaube so eine Kraftquelle, aus der sie schöpfen. Es ist der Glaube an die Zusage Gottes, dass wir uns auf seinen Beistand und seine Zuwendung verlassen können. Im Gebet tanken viele spirituelle Menschen neue Energie auf und können dann wieder anderen ein helles Leuchtfeuer sein.
Denn das ist wichtig, gerade in dunklen Zeiten. Es braucht Menschen, die mit ihrer Leuchtkraft Licht ins Dunkel bringen. Auch mal etwas ausleuchten, was im Verborgenen liegt. Das können vielleicht Ereignisse von Fehlverhalten sein. Vielleicht aber auch lang eingefahrene, feste Strukturen und Verhaltensmuster. Aber vielleicht können es auch verborgene Begabungen und Talente von Menschen sein, die erst dann zum Vorschein kommen, wenn das richtige Licht auf sie fällt.
Was wäre unsere Welt ohne Menschen die mutig und mit einem klaren Ziel beherzt ein Licht in die Hand nehmen, um das Dunkel zu erhellen. Was wäre aus der Stephanus-Stiftung geworden, wenn es nicht auch hier viele Menschen gegeben hätte, die sich sehr für andere eingesetzt hätten. Im Laufe der letzten 147 Jahre hat diese Stiftung verschiedene politische Systeme überstanden, weil es immer mutige und kreative Menschen gab, die mit ihrem Dienst und ihrem christlichen Selbstverständnis anderen ein verlässliches Licht waren.
Deshalb steht für mich diese große Kerze heute symbolisch für alle Menschen in der Stephanus-Stiftung, die sich an der Entwicklung dieses guten Werkes beteiligen. Dabei schöpfen sie aus unterschiedlichen Kraftquellen für ihren Dienst. Und das ist auch gut so.
Heute erlebe ich es oft, dass unsere Dienstgemeinschaft selbst eine ganz besondere Lichtquelle ist. In den Wohnbereichen der Häuser, in den Teams oder in den verschiedenen Arbeitsgruppen. Überall gibt es kleine und größere Kraftquellen, die uns gemeinsam zum Strahlen bringen.
Und wenn es einmal dunkel wird, und wir uns um die Orientierung sorgen machen, wenn wir das Gefühl haben, die Wellen schlagen über uns zusammen, dann können wir an die Geburtstagskerze hier auf dem Altar denken. Sie leuchtet auf dem Weg, sie leuchtet in das Dunkel hinein, sie erhellt unsere Gedanken.
Und wenn sich mehrere Menschen hier mit ihrer Leuchtkraft zusammentun, dann ergibt das ein starkes Licht. Und was daraus alles werden kann, sehen wir heute in der Stephanus-Stiftung. Auch wenn die Wellen schon manches Mal sehr hochschlugen, es gab immer diese göttliche Kraft, die Menschen zu hellen Leuchtfeuern werden ließ.
Ich wünsche uns, dass wir in unserem Lebensalltag von diesem Licht beschienen werden. Dass es unsere Wege ausleuchtet und uns sicher an die Orte unserer Bestimmung führt. Es soll uns ermutigen, Licht in das Dunkel zu bringen, auch wenn es stürmisch ist.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen
Bürgerreporter:in:Martin Jeutner aus Potsdam |
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