Kriegsende in Friedberg
Weiße Fahne der Kapitulation wehte vom Schloss

Eine Stadtführung bringt eine überraschende Neuigkeit ans Licht

Als ich nach einer Stadtführung die Gäste verabschiedet hatte, blieb ein Herr wartend zurück und sprach mich an: Seine Familie lebte zum Kriegsende 1945 im Schloss. Er selber hätte Ende März 1945 im Krankenhaus Friedberg das Licht der Welt erblickt und die Anfangszeit seines Lebens im Schloss verbracht. Dann wartete er mit einer Überraschung auf: Seine Mutter hatte als junge Frau und inzwischen Mutter von drei Kindern Kontakt mit anderen Frauen aus dem Ort. In der Familie hatte sich die mündliche Überlieferung erhalten, dass diese Frauen seine Mutter bedrängten, sich dafür einzusetzen, dass am Friedberger Schloss die weiße Fahne herausgehängt wird. Und das tat sie, wohl um den 27./28. April 1945, ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen. Damit war die Kapitulation für das Schloss erklärt und die gewaltsame Erstürmung des Schlosses durch die Amerikaner abgewendet. Als er noch beiläufig erwähnte, dass sein Vater die Ereignisse der letzten Kriegstage niedergeschrieben hätte, bat ich ihn, mir eine Kopie zukommen zu lassen. Besagter Herr, Diplomingenieur E.G,*) sandte mir eine Kopie der handschriftlichen Aufzeichnungen seines Vaters K.G. zu.

Umzug in das Schloss in Friedberg

Offenbar auf Grund seiner hohen Position im Vermessungsamt in Augsburg wurde der Großvater von E., L.G. (*1877 + 1964), wegen der Luftangriffe in Augsburg nach Friedberg ins Schloss einquartiert. Er hatte gewusst, dass im 1. Obergeschoss des Schlosses an der Südwest-Ecke (über dem jetzigen Cafe) zwei große Zimmer ungenutzt waren, und setzte sich dafür ein, dass auch sein Sohn K.G. (*1911 +2001) mit seiner hochschwangeren Ehefrau und zwei Kindern dort unterkommen konnte. Das Haus der Familie K.G. in München-Laim war durch eine Brandbombe unbewohnbar geworden. Am 29.März kam dann durch Geburt das dritte Kind - E. - hinzu.

Wertvolle Tagebucheinträge

In den Aufzeichnungen von K.G. sind die Tage von Donnerstag, 19. April bis zum Himmelfahrtstag, 10. Mai 1945 beschrieben.
An jenem 19. April war er schon frühmorgens nach München gereist, um unter anderem beim Kriegschädenamt vorzusprechen. Bei der Ankunft in Laim gab es Vollalarm. Ziemlich in der Nähe fielen Bomben. Gegen ½ 4 Uhr, kaum dass er in die Straßenbahn Richtung Pasing eingestiegen war, ertönten erneut die Sirenen. Nach der Entwarnung - Donauwörth war bombardiert worden - marschierte er zu Fuß bis Nannhofen. Mit einen Dampfzug gelangte er gegen 1 Uhr nachts, es war bereits Freitag, 20. April, in Hochzoll an.
Unterwegs sprach man offen über den verlorenen Krieg und ein vorauszusehendes baldiges Kriegsende. Und so steht weiter zu lesen: „Nach vernünftigen und menschlichen Grundsätzen hätte schon längst Schluss gemacht werden müssen, und es war wenig glaubhaft, was unsere Propaganda über neue Waffen wissen wollte, die demnächst eine plötzliche Wendung der Lage bringen sollten.“ Es folgte eine heftige Anklage an die Führung.

Lieber bleibt man im Schloss in Friedberg

Am Samstag, 21. April, fuhren L.G und Sohn K. in L.s Wohnung in der Weldishoferstr. in Augsburg, nahe dem Oberhauser Bahnhof. Kohlen wurden verpackt, um sie nach Friedberg zu bringen. Zurück in Friedberg wurde hin und her überlegt, vielleicht doch lieber in diese kommode Wohnung von L. G. zu fahren. Am Sonntag stand der Entschluss fest: Wir reisen. Doch am Montag, 23. April, kam die alarmierende Nachricht, die Amerikaner seien schon auf 20 km nahe gerückt. So blieb man lieber in Friedberg.
Die „Waschküche“ unten im Schloss wurde für den Fall von Artillerie-Beschuss vollends wohnlich gestaltet und mit einem Ofen ausgestattet. Auch das Radio kam mit hinunter. Mit der notwendigen Habe umgeben, verbrachte man die Nächte nun dort unten. Wegen der häufiger hereinbrechenden Tiefflieger wagte man sich tagsüber nicht mehr auf die Straße.
Am Freitag, 27. April, war die Familie zum letzten Mal beim „Ziegler“ zum Essen. K.G. schreibt: „Es ist immer noch unklar, ob Augsburg und Friedberg verteidigt werden sollen, ob die Brücken gesprengt werden usw. Als die Panzersperren geschlossen wurden, machten sich die Frauen Friedbergs mit Ochsen auf, um sie wieder zu öffnen. Abends haut das ganze Wehrmeldeamt ab, wir sind froh, brachten sie doch immer Unruhe ins Schloss.“ Mitten in der Nacht um 1 Uhr, es war Samstag, 28. April, wurde Feindalarm geschlagen. „Wir hören Artillerieabschüsse und Einschläge: Dazwischen pfeifen die Granaten über das Schloss. Nun wird das Nachtquartier im Turm aufgeschlagen. H. (Anm: Ehefrau von K.) und die Kinder liegen übereinander in einem Wandregal. An Schlaf ist wenig zu denken. Viele Einwohner Friedbergs haben die Luftschutzkeller im Schloss aufgesucht.[ …] In Scharen laufen die Leute durch das Schloss und nehmen mit, was sie brauchen können. Gegen Mittag sieht man SS [...] sich, die Bergstraße herauf, zurückziehen. Die Aufregung ist groß, weil man fürchtet, dass es zum Kampf um die Stadt kommt. Da flattert gegen 17 Uhr vom Kirchturm die weiße Fahne. Was sich ereignet hatte, erfahren wir später, auch nur bruchstückweise. Die Stadt hatte entgegen dem Willen des Häufleins SS, die in unsinniger Weise auch Friedberg opfern wollten, kapituliert und war damit gerettet. Alles atmete auf. Der dramatische Nachmittag war von Gewittern begleitet, auch der Himmel machte mit.“
Am Sonntag, 29. April. durfte man nur von 11 bis 13 Uhr das Haus verlassen. Am Rathaus wehte das Sternenbanner, in den Straßen die weißen Tücher der Kapitulation.
Es folgten Tage der äußeren Ruhe, da der Strom ausblieb, ging man mit “der Sonne schlafen“. Am 2. Mai setzte die Stromversorgung wieder ein. Milch gab es nun wieder wie zuvor, aber Brot und Butter sind knapper.
Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland und am 9. Mai wurde die Verdunkelung aufgehoben. „Hoffentlich wird es auch sonst Licht“ und K. G. fügt als letztes noch an: „Hoffen wir für die Zukunft das Beste“.

*) Vor – und Nachnamen sind der Autorin bekannt – Datenschutz!

Bürgerreporter:in:

Regine Nägele

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