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Beschreibung einer Stadt
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Der Song „Dirty Old Town“ brachte mich auf den Gedanken, über die Stadt meiner Kindheit zu schreiben: Wuppertal. Schon der Titel gefiel mir. Er klang nicht nach Fremdenverkehrsamt, nicht nach frisch gewischter Fußgängerzone und auch nicht nach jener amtlichen Begeisterung, mit der Städte sich gern als „lebenswert“, „dynamisch“ oder „zukunftsfähig“ bezeichnen. Eine Stadt, die wirklich geliebt wird, darf schmutzig sein. Sie darf Narben haben, Hinterhöfe, rostige Geländer und Häuser, die sich ein wenig müde aneinanderlehnen. Vielleicht lieben wir Städte sogar gerade wegen jener Stellen, die sie in keinem Prospekt zeigen.
In Wuppertal erlebte ich meinen ersten Kuss. Nicht unter blühenden Kastanien und nicht auf einer Bank mit Blick über das Tal mit der einzigartigen Schwebebahn über der Wupper, sondern in der Nähe rangierender Eisenbahnwaggons. Metall schlug gegen Metall. Bremsen quietschten. Dazu blökten tausend Lämmer, die in Waggons auf ihren Weitertransport zum Schlachthof warteten. Es war eine merkwürdige Begleitmusik für einen ersten Kuss. Aber vielleicht war sie wahrhaftiger als jedes Liebeslied. In diesem Augenblick standen das beginnende Leben und der bevorstehende Tod eng nebeneinander. Zwei 6-jährige Kinder entdeckten die Zärtlichkeit, während neben ihnen Tiere ihre Angst in die Nacht riefen. So ist mir Wuppertal geblieben: nicht als Postkarte, nicht als Erzählung über Tuffi, den kleinen Elefanten, der aus der Schwebebahn fiel, nicht als Theaterstück von Else Lasker-Schüler, sondern als ein Kuss zwischen Eisenbahngleisen und dem Blöken der Lämmer.
Später versuchte ich, New York zu beschreiben. Ich saß am Washington Square und hielt einen kleinen Lyrikband von Lawrence Ferlinghetti auf dem Schoß. Um mich herum bewegte sich die Stadt in alle Richtungen gleichzeitig. Menschen liefen, redeten, stritten, musizierten. Schachspieler hockten lauernd voreinander. Autos hupten. Irgendwo schlug jemand eine Trommel, als müsse er den Herzschlag Manhattans persönlich in Gang halten. John Dos Passos hatte vom Rhythmus der Schienenschläge der Subway von Manhattan nach Queens geschrieben. Ferlinghetti hatte von Städten geschrieben, in denen aus Bäumen Bücher gemacht wurden. Ich saß unter einem solchen Baum und hielt eines dieser Bücher in der Hand. Der Baum spendete Schatten, das Buch Gedanken. Vielleicht war das die friedlichste Verbindung von Natur und Zivilisation, die New York an diesem Tag zu bieten hatte.
Auch Arnsberg habe ich zu beschreiben versucht. Dort musste ich lange leben, bevor mir die Flucht gelang. Das klingt ungerecht, denn Arnsberg besitzt eine Bezirksregierung, eine Papiermühle, einen Straßentunnel, wasserdunstige Wälder, eine Schlossruine, schiefe Fachwerkhäuser, ein altsprachliches, rechtskonservatives Gymnasium und jenes ordentlich gefegte Stadtbild, mit dem manche Städte versichern, es sei bei ihnen alles in bester Ordnung. Heute lebt dort auch der Bundeskanzler Friedrich Merz. Aber Städte können sich ihre Bewohner ebenso wenig aussuchen wie Menschen ihre Geburtsorte. Man kann eine Stadt offenbar auch dadurch beschreiben, indem man erzählt, wie man sie verlassen hat: im VW-Käfer mit durchtrennter Heckscheibe und angeschlagenen Bremsen. Manche Orte tragen wir als Sehnsucht in uns, andere als überwundene Entfernung. Auf manchen Bahnhöfen steigt man aus und fühlt sich angekommen. Auf anderen steigt man ein und atmet zum ersten Mal wieder frei.
Aktuell versuche ich, Magdeburg zu beschreiben. Dort steht ein Hundertwasserhaus mit bunten Fassaden, schiefen Linien und goldenen Kugeln. Es sieht aus, als habe jemand der deutschen Verwaltungsarchitektur ein Märchen erzählt. Gleichzeitig greift in dieser Stadt eine Partei nach der Macht, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Wie beschreibt man eine Stadt, in der ein Haus fröhlich gegen die gerade Linie rebelliert, während Menschen einer Ideologie folgen, die am liebsten alle Menschen wieder in gerade Reihen stellen möchte? Vielleicht muss man beides zeigen: die goldenen Kugeln und den dunklen Schatten, die verspielten Fenster und die geschlossenen Weltbilder. Eine Stadt ist niemals nur das, was in ihr gebaut wurde. Sie ist auch das, was in ihr gedacht, gefürchtet, gewählt und erhofft wird.
Am vergangenen Wochenende besuchte uns ein langjähriger Freund. Dirk Vestdijk hatte ein Gedicht seines Vaters vertont, des niederländischen Schriftstellers Simon Vestdijk. Dieser hatte während des Zweiten Weltkriegs selbst erfahren, wie rasch eine scheinbar geordnete Welt in eine kafkaeske Bedrohung umschlagen kann. Deutsche Besatzer hatten zahlreiche niederländische Intellektuelle festgesetzt. Plötzlich wurden Schriftsteller, Lehrer und Wissenschaftler nicht mehr nach ihren Gedanken beurteilt, sondern als mögliche Gefahr bewacht.
Doch das Gedicht, das Dirk uns vortrug, handelte nicht von Gefängnissen. Es handelte von Harlingen, der Stadt, in der unser Besuch seine Kindheit verbracht hatte.
Drei Inseln am Horizont
Drei Inseln stehen am Horizont,
wenn Nebel sie nicht ganz verhüllt.
Jungen kommen, um zu schauen,
wenn das Postschiff wendet
und entlang des Deiches
eine Rauchfahne hinter sich herzieht,
hellbraun im Sonnenlicht.
Der Winter dauert hier lange.
Das spärliche Grün
bewahrt einen stillen Winter
in seinen Zweigen.
Und in den kleinen Innenhöfen,
auf diesen ruhigen Flächen,
würde selbst ein gewohnheitsmäßiger Mörder
keinen Mord begehen.
Das dreifarbige Pflaster,
gelbe Klinker, bunte Kiesel,
blaue, gewölbte Steine –
seit Jahren tragen sie
dieselben Beine.
Denn abends, im Schritt
der stillen Trinker,
schlendern Männer rauchend
zum Dock,
am Hafen entlang –
und wieder zurück zum Dock.
Was für eine ungewöhnliche Beschreibung einer Stadt! Kein Rathaus wird erwähnt, keine Kirche, kein Denkmal und keine Einwohnerzahl. Vestdijk benötigt drei Inseln, ein Postschiff, eine Rauchfahne, ein wenig Wintergrün und die Beine der Männer, die seit Jahren über dasselbe Pflaster gehen. Mehr braucht er nicht, um Harlingen vor unseren Augen entstehen zu lassen.
Am schönsten und zugleich rätselhaftesten ist für mich der Gedanke, dass in diesen stillen Innenhöfen nicht einmal ein Mörder einen Mord begehen könnte. Der Frieden der Stadt ist so mächtig, dass selbst das Böse dort seine Absicht vergisst. Vielleicht setzt sich der Mörder auf eine niedrige Mauer, hört eine Möwe über den Dächern und weiß plötzlich nicht mehr, weshalb er gekommen ist.
Das ist natürlich keine Wirklichkeit. Es ist eine Hoffnung. Aber manchmal ist die Hoffnung die genaueste Beschreibung, die ein Dichter von einer Stadt geben kann.
Wer im Zweiten Weltkrieg selbst die Gewalt einer Diktatur erlebte, wusste, dass Frieden niemals selbstverständlich ist. Vielleicht klingen die ruhigen Innenhöfe deshalb so kostbar. Vielleicht bewahrte Vestdijk mit seinem Gedicht nicht bloß eine Kindheit, sondern eine Vorstellung davon, wie Menschen miteinander leben könnten: so friedlich, dass sogar der Hass für einen Augenblick seine Arbeit einstellt.
Seit Dirks Besuch denke ich, dass Städte nicht aus Häusern bestehen. Sie bestehen aus Geräuschen, Wegen und Erinnerungen. Aus dem Quietschen rangierender Eisenbahnwaggons. Aus einem Gedicht auf dem Schoß. Aus einem Bahnhof, von dem man endlich abreisen darf. Aus einem bunten Haus, das sich einer braunen Zukunft entgegenstellt. Aus Männern, die am Hafen entlang zum Dock gehen und wieder zurück.
Die amtliche Beschreibung einer Stadt nennt ihre Fläche, ihre Einwohnerzahl und ihre Sehenswürdigkeiten. Die persönliche Beschreibung nennt einen Kuss, ein Buch, eine Flucht, eine Angst und ein Lied.
Mein Wuppertal blökt noch immer in der Nähe der Bahngleise. Mein New York sitzt unter einem Baum am Washington Square. Mein Arnsberg steht an einem Bahnsteig und sieht mir nach. Mein Magdeburg schwankt zwischen den goldenen Kugeln Hundertwassers und dem dunklen Griff nach der Macht. Und über Harlingen liegen drei Inseln am Horizont, sofern der Nebel sie nicht verbirgt.
Vielleicht hat jede Stadt ein geheimes Lied. Man muss nur lange genug in ihr leben, sie verlassen oder sich an sie erinnern, um es zu hören.
Denn am Ende beschreiben nicht wir die Städte.
Die Städte beschreiben uns.
Mein kleines YouTube-Video,
entstanden in unserer Wohnküche:
Gitarre & Gedicht
STAD AAN DE WADDEN
Drie eilanden staan aan de horizon,
Als 't niet zeer nevelt. Jongens komen kijken,
Wanneer de postboot keert, die langs de dijk een
Rookpluim doet strijken, licht-bruin voor de zon.
De winter duurt hier lang; het spaarzaam groen
Bevat een stillen winter in zijn takken.
En in de binnentuintjes, kalme vlakken,
Zou zelfs geen moordenaar een moord gaan doen.
Het drievuldig plaveisel, gele klinkers,
Gekleurde keien, blauwe, bolle stenen:
Zij dragen jaren reeds dezelfde benen,
Want 's avonds, in hun pas van stille drinkers,
Slenteren mannen rokend naar het dok -
De haven langs - en weer terug naar 't dok.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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