Kultur - nonverbale Kunst
Musik - Rettung jenseits der Sprache

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
2Bilder
  • Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
  • hochgeladen von Didi van Frits

Musik ist eine Sprache. Wenn einem die Wörter unerträglich geworden sind in einer vom politischen Streit zerrissenen Gesellschaft, in einer vergifteten Atmosphäre aus Lügen, Cliquenbildung und Herrschsucht, dann flüchten manche von uns in die Kunst der nonverbalen Mitteilung: in die Malerei und die Fotografie, in den Sport oder in die Musik. Vielleicht ist das gar keine Flucht. Vielleicht ist es die Suche nach einer Sprache, die noch nicht verdorben wurde.

So waren die wertvollsten Momente meiner gestrigen Einladung an Freunde diejenigen, in denen die Gespräche für eine Weile verstummten und erfindungsreiche Musik entstand. Niemand musste recht haben. Niemand musste gewinnen. Niemand musste dem anderen beweisen, dass dessen Erinnerung falsch, dessen Haltung töricht oder dessen Hoffnung naiv sei. Es gab keine Rednerliste und keine Gegenrede. Tom am Piano spielte etwas, Dirk Vestijk griff es mit seiner Jazz-Geige auf, und ich betonte mit meiner Gitarre, mit Körper und Seele, mit Händen und mit Füßen, eine neue rhythmische Ergänzung.

Musik kann eine Gesellschaft im Kleinen sein, wie wir sie uns im Großen wünschen: Jeder bringt seine eigene Stimme mit, aber keiner muss deshalb die anderen zum Schweigen bringen.

In den sozialen Netzwerken gibt es übrigens Musiker, die ihren Fokus darauf gelegt haben, zu erkunden, wie Tiere auf ihre Musik reagieren. Der Künstler Plumes gehört zu ihnen. Man sieht in solchen Videos Menschen, die sich mit einem Instrument irgendwo in die Natur setzen und zu spielen beginnen. Nach einer Weile erscheinen die ersten Zuhörer.

Gänse kommen herangewatschelt, noch ein wenig misstrauisch und mit jenem würdevollen Ernst, den Gänse selbst dann bewahren, wenn ihre Füße etwas anderes behaupten. Esel stellen die langen Ohren auf. Hühner unterbrechen ihre wichtige Bodeninspektion. Erdmännchen richten sich neugierig auf. Giraffen neigen ihre langen Hälse, als wollten sie einen besonders hohen Ton auch von unten betrachten. Selbst Elefanten, deren Gedächtnis vermutlich mehr von der Welt bewahrt als manche Bibliothek, verharren und lauschen.

Natürlich kann die Biologie dafür nüchterne Erklärungen anbieten. Viele Tiere sind neugierig. Ein sanfter, unbekannter Klang weckt ihr Erkundungsverhalten. Ruhige Melodien können entspannend wirken, während die still sitzenden Musiker mit ihren langsamen Bewegungen keine Gefahr signalisieren. Es gibt keinen Anlass zur Flucht.

Das ist gewiss richtig. Aber vielleicht ist es noch nicht alles.

Wir wissen nicht, ob eine Giraffe eine Melodie als Melodie hört. Wir wissen nicht, ob ein Esel einen Rhythmus empfindet oder ein Elefant einen einzelnen Ton mit einer Erinnerung verbindet. Tiere leben in Klangwelten, die sich von unseren unterscheiden. Manche hören Frequenzen, die für uns im Unsichtbaren liegen. Andere nehmen Erschütterungen über den Boden wahr. Wahrscheinlich ist ihre Musik nicht unsere Musik.

Doch sie kommen näher.

Und dieses Näherkommen berührt mich. Denn Tiere haben allen Grund, vor Menschen davonzulaufen. Seit Jahrhunderten erleben sie uns als Jäger, Fänger, Züchter, Abrichter, Ausbeuter und Vernichter ihrer Lebensräume. Der Mensch erscheint in ihrer Geschichte selten mit einer Gitarre auf dem Schoß. Meist kommt er mit einem Gewehr, einem Transporter, einem Käfig, einer Motorsäge oder einem Stück Papier, auf dem gerade beschlossen wurde, dass der Wald, die Wiese oder das Wasser nun jemandem gehört.

Vielleicht folgen die Tiere deshalb einer lange gehegten Hoffnung: dass die Menschheit eines Tages doch noch eine Sprache entwickeln könnte, die auch ihnen einen positiven Horizont eröffnet – statt jenes nie endenden Schreckens, der nur panische Flucht auszulösen vermag.

Das ist gewiss eine menschliche Vorstellung. Aber manchmal brauchen wir solche Vorstellungen, um menschlicher zu werden.

Vielleicht lieben Tiere nicht die Musik in demselben Sinne wie wir. Vielleicht lieben sie zunächst nur die Abwesenheit von Gefahr. Sie hören einen Menschen, der nichts fordert. Der ihnen keine Befehle gibt, keine Grenzen zieht und keinen Besitzanspruch erhebt. Einen Menschen, dessen Hände für einige Minuten damit beschäftigt sind, Saiten zu berühren, statt nach ihnen zu greifen.

Die Tiere bleiben stehen, weil da jemand ist, der sie nicht verfolgt.

Welch ein bescheidenes Wunder.

Ein Tier, das sich einem musizierenden Menschen nähert, gewährt unserer ganzen Art einen winzigen Vertrauensvorschuss. Es sagt nicht: Ihr Menschen seid gut. Dazu kennt es uns vermutlich zu genau. Es sagt lediglich: Dieser eine Klang könnte ungefährlich sein. Ich will ihn mir anhören.

Mehr Vertrauen kann man nach allem, was geschehen ist, kaum verlangen.

Auch wir Menschen könnten von diesen vorsichtigen Zuhörern lernen. Wir müssten nicht auf jedes fremde Geräusch sofort mit Abwehr reagieren. Wir könnten die Ohren aufstellen wie ein Esel, den Kopf neigen wie eine Giraffe und erst einmal prüfen, ob im Unbekannten vielleicht etwas Freundliches verborgen liegt. Wir könnten uns annähern, ohne uns gleich anzuschließen. Wir könnten zuhören, ohne uns zu unterwerfen.

Vielleicht besteht die tiefste Wirkung der Musik nicht darin, dass sie alle Unterschiede beseitigt. Eine Gans bleibt eine Gans, ein Elefant bleibt ein Elefant, und auch wir Menschen legen beim gemeinsamen Musizieren unsere Geschichten, Verletzungen und Überzeugungen nicht einfach ab. Aber für eine kleine Weile müssen die Unterschiede keine Feindschaften sein. Sie dürfen sich in einem gemeinsamen Raum aufhalten.

Genau das geschah gestern unter meinen Freunden. Die Musik löste keine politischen Probleme. Sie beendete keinen Krieg und entgiftete keine öffentliche Debatte. Aber sie schuf für einige kostbare Augenblicke eine Welt, in der keiner den anderen besiegen musste.

Vielleicht ist Frieden manchmal nichts Größeres als das: Ein Mensch setzt sich hin und beginnt zu spielen. Ein anderer hört zu. Und irgendwo am Rand hebt ein Tier den Kopf, überwindet für einen Augenblick seine berechtigte Angst – und kommt ein paar Schritte näher.

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

Webseite von Didi van Frits
Didi van Frits auf Facebook
Didi van Frits auf YouTube

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

26 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.