Ukraine - unterirdisches Krankenhaus
Hospital 8 Meter unter der Erde
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Die Menschlichkeit zieht unter die Erde: Ich habe mich seit Beginn des russischen Überfalls immer wieder gefragt, ob es richtig war, auf die Gewalt mit militärischer Gewalt zu antworten. Die Frage lässt mich nicht los. Denn mit jeder Entscheidung, weiterzukämpfen, wird einer Bevölkerung zugemutet, noch einen Winter in Kälte, noch eine Nacht in Kellern, noch einen Morgen vor den Trümmern ihres Hauses zu verbringen.
Aber auch die andere Antwort ist keine friedliche. Wer sich einem Angreifer unterwirft, bekommt nicht notwendig Frieden. Er bekommt vielleicht Besatzung, Verschleppung, Gefängnisse, den Verlust seiner Sprache und das fremde Bild eines Herrschers an der Wand. Zwischen Widerstand und Unterwerfung liegt kein sauber gedeckter Verhandlungstisch. Dort liegen die Toten.
Museen und Schulen, Kraftwerke und Wohnblöcke wurden von Russland rücksichtslos angegriffen. Selbst Krankenhäuser, Entbindungsstationen und Ambulanzen blieben nicht verschont. Die Weltgesundheitsorganisation hat seit Beginn der großen Invasion mehr als dreitausend Angriffe auf die medizinische Versorgung in der Ukraine bestätigt. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, der auf einer Trage lag, als über ihm die Decke einstürzte. Oder eine Ärztin, die weiteroperierte, obwohl draußen bereits die nächste Drohne zu hören war.
In solchen Stunden denke ich an Abraham Maslow und seine berühmte Ordnung der menschlichen Bedürfnisse. Unten stehen Wasser, Nahrung, Wärme und Schlaf. Danach kommen Sicherheit und Schutz. Erst weiter oben beginnen Anerkennung, Selbstverwirklichung und jene großen Ideen, über die Menschen gern auf Kongressen und in Fernsehstudios sprechen.
Maslow hat damit keine Gebrauchsanweisung für Regierungen und schon gar keinen Friedensplan geschrieben. Aber seine Gedanken erinnern daran, wie verrückt eine Politik wird, die von Freiheit, Nation und historischem Auftrag redet, während Menschen kein Dach mehr über dem Kopf haben. Was nützt die schönste Fahne, wenn unter ihr ein Kind friert?
Wolodymyr Selenskyj entschied sich nicht für die Unterwerfung. Die Ukraine verteidigt sich, und viele Menschen halten dies für die einzig realistische Antwort auf einen Angreifer, der ihnen das Recht auf eine eigene Zukunft abspricht. Ich kann dieses Argument verstehen. Dennoch bleibt in mir das Unbehagen des Pazifisten. Denn jedes noch so überzeugende Recht auf Selbstverteidigung endet irgendwo in einem zerrissenen Körper.
Vielleicht ist es genau dieser Widerspruch, der mich an einer neuen niederländischen Initiative so berührt.
Die Stiftung "Protect Ukraine" will gemeinsam mit der norwegischen Organisation HMM Healthcare in der Nähe der Front das größte unterirdische Krankenhaus der Ukraine bauen. Der genaue Standort bleibt geheim. Schon die Adresse eines Krankenhauses ist in diesem Krieg zu einer gefährlichen Information geworden. Sechshundert Quadratmeter soll der Bau umfassen, acht Meter unter der Erde liegen und vollständig aus Stahlbeton gegossen werden. Vorgesehen sind sechs Operationsräume. Dort sollen Splitter aus inneren Organen entfernt, Blutungen gestillt und Verwundete mit Blutkonserven versorgt werden.
Es wird kein Krankenhaus sein, in dem man wochenlang an einem Fenster liegt und den Bäumen beim Wachsen zusieht. Es wird keine Cafeteria geben, in der Angehörige mit einem Pappbecher in der Hand auf eine gute Nachricht warten. Es ist ein Stabilisierungszentrum: ein Ort für die wenigen Stunden zwischen Verwundung und Weitertransport.
„Stabilisierung“ ist ein merkwürdig nüchternes Wort. Es bedeutet: einen Menschen so lange am Leben halten, bis er an einen sichereren Ort gebracht werden kann.
Früher sprachen Militärmediziner von der „goldenen Stunde“. Wer innerhalb der ersten Stunde nach einer schweren Verwundung behandelt wurde, hatte eine erheblich bessere Überlebenschance. Doch über den ukrainischen Frontgebieten kreisen heute Aufklärungs- und Angriffsdrohnen. Ambulanzen können am helllichten Tag kaum noch fahren, ohne selbst zum Ziel zu werden. Verwundete müssen manchmal bis zur Nacht warten. Einige werden von kleinen unbemannten Fahrzeugen aus der Kampfzone geholt. Die goldene Stunde ist zu einer bleiernen Nacht geworden. Deshalb zieht die Medizin nun unter die Erde. Nicht weil Erde heilt, sondern weil der Himmel tödlich geworden ist.
Die Niederlande wissen, dass russische Gewalt nicht erst im Februar 2022 begann. Im Juli 2014 wurde die Passagiermaschine MH17 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine mit einer russischen Buk-Rakete abgeschossen. Alle 298 Menschen an Bord starben, darunter 196 Niederländer. Dieses kleine Land hat das nicht vergessen. Vielleicht ist seine Entschlossenheit auch aus jener Trauer entstanden, die über Jahre hinweg nicht kleiner, sondern nur stiller wird.
Doch die niederländische Antwort besteht nicht allein aus Waffenlieferungen. Sie besteht auch aus Betonwänden, Operationslampen, Blutkonserven und gepanzerten Rettungsfahrzeugen. Hinter Protect Ukraine stehen etwa hundert Menschen, die ehrenamtlich arbeiten. Der Schriftsteller Jaap Scholten gehört zu den prägenden Kräften der Stiftung; auch sein Kollege Tommy Wieringa wirbt öffentlich für das Projekt. Es gefällt mir, dass Schriftsteller sich nicht nur mit Worten gegen den Krieg stellen. Sie helfen dabei, einen Raum zu bauen, in dem Worte für einen Augenblick verstummen müssen, weil ein Chirurg seine ganze Aufmerksamkeit einer offenen Wunde schenkt.
Das Vorhaben soll zweieinhalb Millionen Euro kosten. Ein Teil des Geldes ist bereits gesammelt, ein großer Teil fehlt noch. Zweieinhalb Millionen – im Haushalt eines Staates kaum mehr als ein Rundungsfehler. Im Inneren dieses Krankenhauses aber könnte jeder einzelne Euro zu einem Herzschlag werden.
Im Februar 2027 soll der unterirdische Bau einsatzbereit sein. Ich hoffe, dass er dann nicht mehr gebraucht wird. Ich fürchte, dass er gebraucht werden wird.
Natürlich wäre es besser, man baute dort Kindergärten, Musikschulen und kleine Cafés. Natürlich wäre es besser, ein junger Mann hielte eine Geige in der Hand statt eines Gewehrs. Aber Pazifismus darf nicht bedeuten, aus sicherer Entfernung den Angegriffenen zu erklären, sie müssten nur aufhören, sich zu wehren. Und militärischer Widerstand darf niemals so selbstverständlich werden, dass wir seine verstümmelten Opfer nur noch als notwendige Kosten verbuchen.
Vielleicht ist dieses Krankenhaus deshalb mehr als ein Bunker. Es ist ein steingewordener Widerspruch. Es erzählt davon, dass Menschen einander zerstören – und andere Menschen acht Meter tief in die Erde steigen, um wenigstens einige von ihnen zu retten.
Oben kreisen die Drohnen. Oben werden Grenzen verschoben, Siegesmeldungen verfasst und neue Waffen bestellt.
Unten beugt sich eine Ärztin über einen Verwundeten. Eine Hand reicht ihr das Instrument. Eine andere hält den Blutbeutel hoch. Niemand fragt in diesem Augenblick nach Maslow, nach Nationen oder nach den großen Reden der Präsidenten.
Es geht nur darum, dass dieser eine Mensch den nächsten Morgen erlebt.
Vielleicht beginnt alle Zivilisation genau dort.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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