Trump gegen Kanada
Krieg der Worte - Lake Ontario wird Lake America

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Im Weißen Haus muss es inzwischen eine Abteilung für angewandte Geografie geben. Sie besteht vermutlich aus einem großen Schreibtisch, einem sehr großen Filzstift und einem einzigen Mitarbeiter, der morgens Donald Trump fragt: „Herr Präsident, welches Gewässer gehört uns heute noch nicht?“ Den Golf von Mexiko hat Trump bereits zum „Golf von Amerika“ erklärt. Das war verblüffend einfach. Kein Kriegsschiff musste auslaufen, kein Marinesoldat an einem Strand landen. Ein Federstrich genügte, und schon hatte Mexiko einen Golf weniger und Amerika einen mehr.

Nun soll der Lake Ontario in „Lake America“ umbenannt werden. Der Grund ist nicht etwa eine neue geologische Erkenntnis. Auch wurde unter dem See kein vergessenes Dokument gefunden, auf dem George Washington mit zittriger Hand Eigentumsrechte eingetragen hätte. Nein: Donald Trump ist mit den Geschäften unzufrieden, die Amerika mit der kanadischen Provinz Ontario macht. Das ist die neue Weltordnung in einem Satz: Wer nicht genügend bei Amerika kauft, verliert seinen Namen.

Man darf gespannt sein, wie diese Methode weiterentwickelt wird. Vielleicht heißt der Ärmelkanal demnächst „Trump Channel“, weil die Briten zu wenig amerikanische Erdnussbutter importieren. Der Rhein könnte zum „Ronald-Reagan-River“ werden, sobald Deutschland wieder nicht genügend Flüssiggas bestellt. Und die Straße von Hormuz wird vorsorglich in „Straße von Amerika“ umbenannt.

Ob amerikanische Schiffe danach unbehelligt auf ihr herumschippern können, ist allerdings eine andere Frage. Raketen, Drohnen und Seeminen sind erfahrungsgemäß wenig beeindruckt von präsidialen Namensschildern. Auch eine Flugzeugträgergruppe findet unter einem neuen Substantiv keinen Schutz.

Besonders hübsch ist Trumps Idee beim Ontariosee. Denn nicht der See wurde nach der Provinz benannt, sondern die Provinz nach dem See. Das Wort „Ontario“ stammt aus der Sprache der indigenen Wyandot und bedeutet ungefähr „Großer See“ oder „schönes Wasser“.

Der Name war also lange vor Trump da. Wahrscheinlich sogar lange vor Truth Social.

Doch genau darin liegt möglicherweise das Problem. Ein Name, den kein amerikanischer Immobilienmakler erfunden hat, gilt im Weißen Haus vermutlich als unerschlossenes Sprachgebiet. Wo andere Menschen Geschichte sehen, sieht Trump eine freie Fläche für sein Logo.

Der Ontariosee gehört außerdem nicht allein den Vereinigten Staaten. Die Grenze zu Kanada verläuft mitten durch ihn. Aber Grenzen sind für Trump offenbar nur dann heilig, wenn Menschen sie illegal, aus Südamerika kommend, überqueren. Bei seinem eigenen Filzstift gelten sie als unverbindliche Empfehlung.

Der Premierminister von Ontario, Doug Ford, hatte Trump zuvor aufgefordert, er könne ihn „am Arsch lecken“. Das ist gewiss nicht die Sprache klassischer Diplomatie. Früher überreichten Staatsmänner einander kunstvoll formulierte Protestnoten. Heute ruft der eine: „Leck mich!“, und der andere antwortet: „Dann nehme ich dir deinen See weg!“ Die Weltpolitik ist auf dem Schulhof angekommen. Leider verfügt dieser Schulhof über Atomwaffen, Stromnetze und Strafzölle.

Trump belegt kanadische Waren mit Zöllen von 50 Prozent. Kanada antwortet mit Gegenzöllen von bis zu 50 Prozent. Man spielt Zolltennis und benutzt Fabriken als Bälle, Beschäftigte als Netz und Verbraucher als Zuschauer, die für jede Eintrittskarte doppelt bezahlen.

Autos, Stahl, Mineralien und Elektrizität kennen diese nationale Kraftmeierei eigentlich nicht. Sie überqueren seit Jahrzehnten die Grenze, weil beide Volkswirtschaften eng miteinander verbunden sind. Aber nun soll jede Schraube vor dem Grenzübertritt offenbar einen Treueeid ablegen.

Ontario liefert Strom nach New York, Michigan und Minnesota. Während Trump also auf der Landkarte den See amerikanisch anmalt, könnten die Kanadier theoretisch ein paar Lichtschalter bedienen. Dann säßen Michigan & Minnesota, New York & North Dakota womöglich im Dunkeln.

Das wäre eine jener Pointen, die selbst ein Satiriker kaum erfinden dürfte.

Doch hinter der Komik steckt eine unangenehme Wahrheit. Trump benennt Gewässer nicht nur um. Er benutzt Wörter als Loyalitätstest. Als die Nachrichtenagentur Associated Press sich weigerte, den „Golf von Amerika“ einfach in ihren Sprachgebrauch zu übernehmen, wurden ihre Reporter von bestimmten Regierungsterminen ausgeschlossen.

Plötzlich ging es nicht mehr um einen Namen auf einer Landkarte, sondern um Pressefreiheit.

Autoritäre Politik beginnt gern im Wörterbuch. Ein Herrscher behauptet etwas Absurdes und wartet ab, wer es gehorsam wiederholt. Wer den alten Namen benutzt, ist ein Gegner. Wer den neuen Namen nachspricht, hat die Prüfung bestanden. So wird aus einer geografischen Albernheit ein politischer Kniefall.

Vielleicht wird Trump irgendwann auch unangenehme Tatsachen umbenennen. Eine Niederlage heißt dann „historischer Sieg“. Inflation wird zu „patriotischer Preissteigerung“. Isolation heißt „amerikanische Unabhängigkeit“. Und wenn das Licht tatsächlich ausgeht, nennt man die Dunkelheit einfach „Golden American Sunshine“.

Nur das Wasser wird davon nichts erfahren.

Der Ontariosee liest kein Truth Social. Er kennt keine Strafzölle und keine Pressekonferenzen. Seine Wellen schlagen an ein kanadisches und an ein amerikanisches Ufer, ohne vorher den Pass zu zeigen. Er trug seinen Namen, bevor Donald Trump geboren wurde, und wird ihn vermutlich noch tragen, wenn dessen goldene Filzstifte längst ausgetrocknet sind.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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