Gedanken aus dem ganz normalen Wahnsinn
Wo ist eigentlich unsere Zeit geblieben?
- Keine App - kein Passwort - kein Stress .. nur gucken!
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Früher hatte man Zeit. Nicht unbedingt im Überfluss, aber sie war irgendwie da. Man stand an der Bushaltestelle und stand eben. Man schaute aus dem Fenster, beobachtete die Leute oder dachte über irgendetwas nach, was heute wahrscheinlich schon als Achtsamkeitsübung verkauft würde.
Während ich dies hier schreibe, muss ich selber grinsen - weil - heute stehen wir auch an der Bushaltestelle. Nur merkt das keiner mehr, weil alle auf ihr Handy schauen. Vermutlich, um nachzusehen, ob sie noch Zeit haben. Dabei vergehen die fünf Minuten genauso schnell wie früher. Nur mit mehr Wischen und Tippen.
Manchmal habe ich den Eindruck, wir haben uns die ganze moderne Technik angeschafft, damit wir mehr Zeit haben. Herausgekommen ist allerdings etwas ganz anderes. Jetzt erledigen wir in derselben Zeit einfach doppelt so viele Dinge und wundern uns am Abend, warum wir schon wieder nicht fertig geworden sind.
Früher brauchte man zum Einkaufen einen Einkaufszettel. Heute braucht man zusätzlich eine App, ein Passwort, einen QR-Code, ein Kundenkonto - ach ja, und die Bezahlkarte.
Apropos .. neulich stand ich an der Kasse hinter einem jungen Mann. Top gepflegt sah er aus. Jedenfalls hielt er sein Handy an das Kartenlesegerät und - nichts passierte. Er versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Dann schräg. Dann gerade.
Dann wahrscheinlich nach den Sternzeichen ausgerichtet.
Die Kassiererin bekam langsam diesen Blick, den nur Menschen beherrschen, die seit sieben Uhr morgens im Dienst sind und schon einiges erlebt haben.
Schließlich zog der junge Mann mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihn gerade zu einer Steuererklärung gezwungen, eine ganz gewöhnliche Karte aus der Tasche. Und siehe da, es funktionierte.
Ich musste mir schwer auf die Lippen beißen, um nicht zu sagen: „Beeindruckend, was diese neumodischen Karten alles können. Und nicht einmal ein Ladegerät brauchen sie.“
Ich habe es natürlich nicht gesagt. Konnte ich ja auch nicht, weil ich hüsteln musste, während ich im hinteren Fach meiner Geldbörse schon mal den 20-Euo-Schein hervorholte.
Überhaupt scheinen wir alle ständig in Eile zu sein. Der Autofahrer hinter mir hat es eilig. Der Mann vor mir im Supermarkt hat es eilig. Sogar Menschen, die mit dem Hund spazieren gehen, sehen aus, als müssten sie pünktlich zu einem wichtigen Termin. Da wird aus Gassigehen ein Gassirennen.
Früher ging man spazieren, weil man spazieren gehen wollte. Heute misst die Uhr am Handgelenk jeden Schritt und meldet sich beleidigt, wenn man zu gemütlich unterwegs ist. Und wehe, man setzt sich einfach mal auf eine Bank und tut gar nichts.
Dann fehlt wahrscheinlich irgendein Fitnessziel.
Dabei konnten wir früher problemlos eine halbe Stunde aus dem Fenster schauen. Kissen unter den Ellenbogen und gucken. Nichts weiter. Einfach nur gucken. Heute würde man dafür vermutlich einen Kurs besuchen und am Ende ein Zertifikat erhalten ...
Vielleicht ist das die eigentliche Ironie unserer Zeit. Wir besitzen Waschmaschinen, Geschirrspüler, Mähroboter und Computer. Alles Dinge, die uns Arbeit abnehmen sollen. Und trotzdem haben wir ständig das Gefühl, keine Zeit zu haben.
Außer Rentner natürlich. Die haben angeblich immer Zeit. Bis man einen fragt, ob er nächsten Dienstag um halb drei auf einen Kaffee kommen möchte.
„Um halb drei? Nein, das geht nicht. Da habe ich den Orthopäden. Und um vier kommt die Fußpflegerin. Können wir nicht in drei Wochen?“
Früher habe ich über solche Sätze gelacht. Inzwischen ertappe ich mich dabei, wie ich selber sage:
„Mittwoch wäre schlecht. Da muss ich zum Markt und am Nachmittag zum Wertstoffhof.“ Und plötzlich wird einem klar, dass man älter geworden ist.
Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Vielleicht besteht ein gutes Leben gar nicht darin, jede Minute sinnvoll zu nutzen.
Vielleicht reicht es schon, ab und zu einfach nur dazusitzen, aus dem Fenster zu schauen und sich zu wundern, warum die Zeit trotzdem so schnell vergeht.
Und wenn dabei noch der Bus zu spät kommt, dann hat wenigstens eine Sache in dieser Welt ihre Verlässlichkeit behalten.
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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