Gedanken über Leben, Charakter und das, was bleibt
Mit achtzig wird man älter - nicht automatisch weiser
- Nicht jeder ist für den Hintergrund gemacht
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Well - ich habe da mal über diese Zahl nachgedacht. 80 Jahre. Wenn man das ausspricht, klingt das nach einem langen Leben. Nach viel Erfahrung, nach Höhen und Tiefen, nach Geschichten, die man eigentlich gar nicht alle erzählen kann.
Und irgendwie steckt in uns ja oft die Vorstellung, dass mit so vielen Jahren auch automatisch etwas dazukommt. Weisheit vielleicht -Gelassenheit - das Gefühl, die Dinge besser zu verstehen als früher. Vielleicht so eine Art inneres Update.
Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich mir da gar nicht so sicher.
Ich kenne Menschen, die mit den Jahren ruhiger geworden sind. Die nicht mehr bei jeder Kleinigkeit hochgehen. Die gelernt haben, dass man nicht immer zu allem einen Kommentar abgeben muss. Okay, ein bisschen gelassener eben. Und ich kenne andere, bei denen sich eigentlich gar nicht so viel verändert hat. Die waren schon immer direkt, manchmal laut, manchmal unbequem - und sind es bis heute geblieben.
Und dann gibt es diese Menschen, die mit jedem Jahr ein bisschen weicher werden. Ein bisschen nachsichtiger - vielleicht sogar ein bisschen weiser. Aber das ist nichts, was automatisch passiert. Kein Life-Update, das einfach installiert wird.
Okay - vielleicht ist Alter eben wirklich nur Alter. Und Charakter etwas ganz anderes.
Wenn man achtzig Jahre lebt, kann man eine ganze Menge erlebt haben. Man kann viel erreicht haben, viel verloren haben, Menschen begleitet haben, Entscheidungen getroffen haben, die gut waren - und andere, die man lieber ungeschehen machen würde. Ein ganzes Leben eben, mit allem, was dazugehört. Good days, bad days, ganz normal eigentlich.
Und trotzdem bleibt im Kern oft derselbe Mensch. Und genau das ist eigentlich das Spannende .. finde ich.
Es macht aus einem ungeduldigen Menschen nicht automatisch einen geduldigen, aus einem Lautsprecher keinen Philosophen, aus einem Dickkopf keinen Gentleman und aus einer Angeberin oder einem Angeber keinen, der plötzlich im Hintergrund bleibt.
Vielleicht wird mit der Zeit einfach nur sichtbarer, was ohnehin schon da war. Ein bisschen wie ein inneres Zoom-In auf den Charakter.
Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass wir Menschen uns nicht komplett neu erfinden. Wir werden nicht plötzlich jemand anderes. Wir bleiben wir selbst - nur manchmal eben etwas deutlicher ... mit mehr Kontur - auch an der Figur.
Mit all unseren Ecken und Kanten - mit unseren Stärken, aber auch mit den Seiten, die andere manchmal anstrengend finden.
Und vielleicht liegt genau darin auch eine gewisse Ehrlichkeit. Dass ein Geburtstag keine Auszeichnung ist. Kein Beweis dafür, dass man alles richtig gemacht hat. Sondern einfach ein Zeichen dafür, dass man gelebt hat. Achtzig Jahre lang. Auf die eigene Art oder Unart, je nach Sichtweise. Mit Fehlern - mit Erfolgen - mit Geschichten, die nur einem selbst wirklich gehören.
Und vielleicht musste ich deshalb ein wenig schmunzeln, als ich darüber nachgedacht habe. Denn am Ende sind wir wohl alle ein bisschen so - unterwegs durchs Leben, nicht fertig, nicht abgeschlossen, manchmal klüger als gestern und manchmal genauso unbelehrbar wie früher. A bit stubborn sometimes, ganz normal eben.
Man muss das nicht schönreden. Aber man kann es akzeptieren.
Und vielleicht ist genau das die leise Form von Weisheit, die sich nicht ankündigt, sondern einfach entsteht.
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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