Auf Bike-Tour im Val dei Laghi
Felstrümmer wie gestürzte Titanen und Bäume wie Patriarchen

Erst im stetigen, entschleunigten Rhythmus des Vorbeigleitens auf zwei Rädern öffnet sich der Blick für die leisen Nuancen des Val dei Laghi, wo das tiefe Smaragdgrün des Lago di Toblino die herbe Erhabenheit der aufragenden Kalkwände spiegelt und jene bewusste Wahrnehmung schenkt, in der die kühle alpine Silhouette fast unmerklich in die sanfte Milde des Südens übergeht.
 | Foto: Daniel J. Basler
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  • Erst im stetigen, entschleunigten Rhythmus des Vorbeigleitens auf zwei Rädern öffnet sich der Blick für die leisen Nuancen des Val dei Laghi, wo das tiefe Smaragdgrün des Lago di Toblino die herbe Erhabenheit der aufragenden Kalkwände spiegelt und jene bewusste Wahrnehmung schenkt, in der die kühle alpine Silhouette fast unmerklich in die sanfte Milde des Südens übergeht.
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Eine Reise-Meditation durch das Val dei Laghi und das geschichtsträchtige Arco in der Dolomiten-Region·Trentino

Manche Refugien evozieren nicht gleich Bilder vor dem inneren Auge, man umkreist sie erst, wie ein gut gehütetes Geheimnis, das sich nicht auf Zuruf öffnen lässt. Das Val dei Laghi – von einer Kette größerer Seen durchzogen, darunter Toblino, Cavedine, Lagolo, Lamar, Santa Massenza, Terlago und der Lago Santo –, von denen jeder seinen eigenen Charakter besitzt – liegt zwischen Trient und dem Nordufer des Gardasees und gehört zu diesen subtilen Verheißungen. Wer zum ersten Mal von diesem Seenband hört, denkt an eine beiläufige Zwischenstation auf dem Weg zum Gardasee, wer es einmal bereist hat, erkennt, dass sich zwischen Wasser, Fels und den gepflegten, von Generation zu Generation behüteten Olivenhainen etwas verbirgt, das sich nur dem offenbart, der sich Zeit nimmt. Genau dorthin führte mich eine dreitägige Auszeit, mit dem Gravelbike im Gepäck und einer vagen Erwartung, die sich erst unterwegs mit Leben füllen sollte. Reisen bedeutet schließlich, sich dem unvorhersehbaren Rhythmus eines fremden Terrains auszuliefern, um im Fremden das Bleibende zu entdecken.

Der Weg dorthin nahm seinen Anfang mit der Eisenbahn aus Deutschland, hinauf zum Brenner – zu diesem schmalen Sattel auf 1370 Metern, dem niedrigsten der großen Alpenhauptübergänge und doch dem folgenreichsten: Schon in der Bronzezeit zogen hier Händler über den Kamm; um 200 nach Christus wurde daraus unter Kaiser Septimius Severus die Via Raetia entscheidend ausgebaut, die fortan den älteren, über den Reschenpass führenden Weg als wichtigste Nord-Süd-Route der Ostalpen ablöste, und Jahrhunderte später ritten deutsche Könige auf ebendiesem Weg gen Rom, um sich dort die Kaiserkrone zu holen. Genau an dieser kaum merklichen Kammlinie kehrt sich zudem die Fließrichtung des Wassers um: Ein Tropfen, der wenige Schritte nördlich fällt, findet über die Sill, den Inn und die Donau seinen Weg ins Schwarze Meer, ein Tropfen, der südlich davon fällt, gelangt über den Eisack und die Etsch in die Adria – eine der bedeutenden Wasserscheiden Europas, an der sich lautlos entscheidet, welchem Meer ein Regentropfen zufällt.

Wer in Trient aus dem Waggon steigt, bemerkt zuerst das veränderte Licht: schräger, goldener, von einer samtenen Wärme durchzogen, die dem eigentlichen Süden bereits vorauseilt. Nicht allein das Klima wechselt an dieser Stelle die Seiten – es beginnt eine andere Rechnung der Zeit, ein Takt, in dem sich die Stunden weniger nach der Uhr als nach Licht, Tisch und Gespräch richten, bevor sie vergehen. In diesem veränderten Zeitmaß empfängt einen zuerst Trient. Die Stadt verwebt ihre Jahrhunderte so selbstverständlich mit dem Jetzt, dass sich beide kaum mehr trennen lassen: Still regt sich darunter eine überraschend junge, von Universität und Forschung geprägte Gegenwart, in der auf rund 118 000 Einwohner mehr als 16 000 Studierende kommen und das futuristische, von Renzo Piano entworfene Wissenschaftsmuseum MUSE mit der barocken Kulisse der Altstadt unbeirrt Zwiesprache hält – ein Gespräch der Epochen, das hier freilich schon Jahrhunderte vor Renzo Piano begann. Seit dem Konzil, mit dem die katholische Kirche zwischen 1545 und 1563 hier ihre Lehren gegen die aufständische Reformation neu ordnete und die Stadt für Jahre zum administrativen Herzen des Glaubens machte, hat sich das Vergangene tief in den Stein gefressen. Es verlangt keine Aufmerksamkeit, es ist bloß da – in den charaktervollen Portalen, von denen jedes seine ganz eigene bauliche Ausstrahlung und handwerkliche Handschrift bewahrt, an den erdfarbenen Fassaden der Palazzi, im kühlen Dunkel der Arkaden, unter denen die Luft beständig ein wenig nach Stein und altem Moos riecht. Für mich war diese Stadt das nachdenkliche Vorspiel zu einer Reise, die mich tiefer in die Landschaften des Val dei Laghi führen sollte, als ich geahnt hatte. Reisen heißt am Ende nicht bloß, Räume zu durchmessen: Es heißt zu erfahren, wie unterschiedlich schwer die Zeit an verschiedenen Orten auf den Dingen liegt.

Dem Rhythmus der Topografie folgen 

Mein Gravelbike blieb mein einziger, stummer Gefährte auf dieser Reise – kein Sinnbild der Entschleunigung, wie es Prospekte gerne behaupten, eher das richtige Maß an Geschwindigkeit: langsam genug, um den Kalkstaub der Wege zu schmecken und dem Wechsel von Licht und Schatten unter den Olivenkronen zu folgen, schnell genug, um in drei Tagen die Fülle dieses Tales in mich aufzunehmen.
Mit den breiteren Reifen ertastete ich die feinen Risse und Adern dieses Landstrichs, dort, wo ein Auto nur vorbeirauschen würde und der eigene Fuß zu langsam bliebe, um dieses rund 40 Kilometer lange, gestreckte Seenband als Ganzes zu begreifen. Die Radwege des Tals erweisen sich dabei als ein Werk unaufdringlicher Ingenieurskunst: Sie folgen dem Rhythmus der Topografie, schmiegen sich an die Hänge, tauchen durch Olivenhaine und vereinzelte Apfelgärten, die im milden, vom Gardasee beeinflussten Mikroklima dieser Region bis in ungewöhnliche Höhenlagen von teils über 600 Metern, vereinzelt sogar gegen 700 Meter, gedeihen, und führen durch kleine Weiler, deren Steinhäuser so dicht mit Weinreben bewachsen sind, als hätten sie die Pflanzenwelt als die natürlichere Fassade akzeptiert.

Das Besondere an dieser Gegend ist die feine Abstimmung für jeden Fahrstil. Wer es flach und meditativ bevorzugt, gleitet auf sanften Passagen entlang der Ufer des Toblino- und des Santa-Massenza-Sees. Wer hingegen die sportliche Herausforderung sucht, blickt nach oben: Als mächtiger, 2180 Meter hoher Wächter thront der Monte Bondone über Trient. Die klassische Auffahrt beginnt in Trient selbst und windet sich über Aldeno und Garniga in engen, unerbittlichen Kehren empor — ein Mythos, der Rennradfahrer aus ganz Europa magisch anzieht. Eine deutlich stillere, kaum bekannte Variante nähert sich von Westen, aus dem Sarcatal kommend, und bietet dieselbe konditionelle Herausforderung, nur beinahe menschenleer. Und wer es moderater angehen will, wird im Netz der markierten Mountainbike- und Gravelpfade fündig, das die Region in den vergangenen Jahren systematisch ausgebaut hat. Eingerichtete E-Bike-Stationen und Verleihstellen haben sich dabei als kluge Infrastruktur erwiesen: Sie öffnen das Tal für Menschen, die die Landschaft im eigenen Rhythmus genießen.

Vom Bahnhof in Trento aus dauerte es nicht lang, bis die urbane Kulisse dem weiten Panorama des Tals der Seen wich. Mein Quartier für die kommenden drei Tage lag im Agriturismo Mas dei Preti oberhalb des historischen Städtchens Cavedine — ein Anwesen, das wie ein steinerner Zeuge zwischen den sanft ansteigenden Hügeln ruht. Hier zu erwachen bedeutet, den Blick über die Hänge schweifen zu lassen, die im ersten Morgenlicht beinahe unwirklich schimmern.
Noch am Tag meiner Ankunft saß ich im Sattel. Mein Ziel war der Toblinosee, dessen tiefes, regloses Gewässer auf 245 Metern Höhe so windgeschützt und spiegelglatt daliegt, als hütete es ein jahrhundertealtes Geheimnis. Ich nutzte den Nachmittag, um eine Teilstrecke der Cavedine Gravel Experience zu fahren, eine der schönsten Rundtouren der Region: von Sarche aus durch das Val di Cavedine, vorbei am pittoresken gleichnamigen Bergsee, an riesigen Kalkwänden entlang durch das archäologische Gebiet oberhalb von Cavedine und zurück über die Hochfläche mit dem weiten Blick auf die fernen Gipfel der Brenta-Dolomiten, die im Nordwesten wie eine Silhouette aus einem Mittelalter-Atlas ausgeschnitten wirken. Die Reifen meines Rades surrten leise auf den schmalen Pfaden, die sich durch die umliegenden kleinen Orte schlängeln, vorbei an alten Bruchsteinmauern und winzigen Kapellen, deren Heiligenfiguren geduldig in die Landschaft blicken.

Der Mensch - geologisch eine flüchtige Randnotiz 

Als ich den Holzsteg am Ufer erreichte, stieg ich ab, um mein Rad ein Stück durch das geschützte Biotop zu schieben, während unter meinen Schritten das Holz leise knarrte. Da erhob sich das Castello di Toblino aus dem Dunst - fast wie eine Fata Morgana schwebend über der Wasseroberfläche - auf einer Halbinsel, die einst eine Insel war, ehe die Absenkung des Wasserspiegels und fortschreitende Verlandung sie mit dem Ufer verbanden. Ein in den Laubengang der Burg eingemauerter Gedenkstein aus dem 3. Jahrhundert – von Archäologen als singuläres Zeugnis der römischen Epigraphik dieser Region gewürdigt – lässt auf einen römischen Kultplatz schließen, der möglicherweise den Fati oder verwandten römischen Schicksalsgottheiten geweiht war, lange bevor hier Mauern und Zinnen entstanden.
Aus diesem frühen, nicht vollständig gesicherten Kult wob die Zeit später die geläufigere Erzählung von den Feen, denen dieses Haus am Wasser einmal gehört habe, auch wenn sich die genaue Zuschreibung historisch nicht mit letzter Sicherheit klären lässt. Erst im 12. Jahrhundert wich das Tempelchen einer ersten Burg, die im Lauf der Jahrhunderte den Herren von Toblino, dann den Herren von Campo, schließlich im ausgehenden 15. Jahrhundert in den Besitz der Kirche von Trient überging und den Fürstbischöfen als Sommerresidenz diente, ehe Kardinal Bernardo Clesio sie im 16. Jahrhundert in ein Renaissance-Refugium verwandeln ließ. Heute kehren dort Gäste in einem Restaurant ein, wo einst Bischöfe residierten — eine Verwandlung, die diesem Tal eigen ist: Nichts bleibt hier vollkommen, was es einmal war, und doch verliert nichts ganz seine ursprüngliche Bestimmung. Es ist, als ob die Steine selbst ein Gedächtnis besäßen, das geduldig darauf wartet, von den Schritten der Vorübergehenden wachgerufen zu werden.

Auf dem Gravelbike erfährt man diese Landschaft mit einer intimen Unmittelbarkeit: Jede Bodenwelle, jeder Wechsel von feuchtem Schilfgeruch zu der harzigen Wärme der ufernahen Pinien schreibt sich direkt in das Gedächtnis ein. Ich umrundete den See auf dem schmalen, flachen Uferweg, vorbei am dichten Schilfgürtel, in dem Wasservögel raschelten, und hielt am gegenüberliegenden Ufer noch einmal an, von wo aus sich die Burg im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne wie ein verzaubertes funkelndes Märchenschloss aus flirrendem Stein präsentierte. Es war eine kurze, meditative Annäherung an ein Tal, das seine Geschichten nicht herausschreit — es schenkt sie demjenigen, der gelernt hat, langsam hinzuschauen.

Der zweite Morgen begann lange vor dem Aufstehen der Sonne. Wenn man das Biotop-Schutzgebiet Marocche di Dro in seiner nackten, skurrilen, archaischen Wahrheit begreifen will, muss man es betreten, wenn das Licht noch keine Schatten wirft. Ich war nicht allein. An meiner Seite ging Arianna Randazzo, eine einheimische Geologin und Natur-Guide und leidenschaftliche Bergsteigerin, deren wache Augen im Gestein Dinge sahen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben.

„Das Wort Marocca“, erklärte Arianna, während der helle Kalkstein unter unseren Schritten knirschte, „ist der alte Dialektbegriff für diese wilden, losen Blockmeere. Es teilt sich seine Sprachwurzel mit den Lavini di Marco bei Rovereto, dem geologischen Schwesterareal auf der anderen Seite der Etsch. Doch während sich dort ein paläontologisches Schutzgebiet von europäischem Rang erstreckt, in dem Jahrmillionen alte Dinosaurierspuren im Fels erstarrt sind, gehen wir hier im Sarcatal, direkt am Übergang zum Val dei Laghi, mitten durch ein monumentales Zeugnis eines alpinen Ur-Bergsturzes.“
Wir standen inmitten einer bizarren Felswüste, einer gigantischen Trümmerflur, die wie das Schlachtfeld gestürzter Titanen wirkte. Es ist eine Topografie, die uns schmerzhaft daran erinnert, dass die Erde eine eigene, kalte Chronik besitzt, in der die Existenz des Menschen nur eine flüchtige Randnotiz bleibt. Arianna deutete auf die schroffen, sich mehr als 1200 Meter über dem Talgrund auftürmenden Wände von Monte Brento (1545 m) und Monte Casale (1634 m), die hier die gesamte Westflanke des Sarcatals bilden und den Geologen zufolge zu den größten und besterforschten postglazialen Bergsturzgebieten der Alpen zählen – ein Trümmerfeld von über zehn Quadratkilometern Ausdehnung, unter dem ein geschätztes Gesamtvolumen von zusammen gut 1,3 Milliarden Kubikmetern bewegten Gesteins ruht.

„Es war keine einzelne Katastrophe“, ergänzte sie, „es war eine ganze Kette von Stürzen, die sich hier über Jahrtausende addierten – die ersten schon am Ende der letzten Eiszeit, als der weichende Gletscher den steilen Flanken ihren Halt entzog, spätere noch mitten in historischer Zeit. Der jüngste, den man hier den Kas-Bergsturz nennt, löste sich erst vor gut tausend Jahren vom Monte Brento. Mittels moderner Expositionsdatierung lässt er sich auf das elfte oder zwölfte Jahrhundert eingrenzen, möglicherweise im Zusammenhang mit einem starken Erdbeben des 11. Jahrhunderts. Allein dieser eine Sturz bewegte um die dreihundert Millionen Kubikmeter Fels. Bei Ausgrabungen fand man sogar einen römischen Dachziegel unter den Trümmern eines Sturzes begraben – ein stummer Beweis, dass hier noch Berge fielen, als die Antike längst über das Tal hinweggegangen war.“ Wer hier geht, begreift, dass die scheinbare Unbeweglichkeit der Berge in Wahrheit nur ein extrem verlangsamter Gesteinssturz ist.

Doch was auf den ersten Blick wie eine leblose Todeszone wirkt, entpuppte sich unter Ariannas Führung als ein Ort von überraschender, submediterraner Vitalität. Zwischen den meterdicken Kalkblöcken hat die Natur eine bemerkenswerte Vegetationsvielfalt entwickelt, die perfekt an die extremen Bedingungen dieses Trockengebiets angepasst ist. Wir gingen an zähen Zitterpappeln und knorrigen Flaumeichen vorbei. Arianna zog vorsichtig den Zweig einer Terpentin-Pistazie — auch Terebinthe genannt — beiseite und zeigte mir die filigranen Blüten der Felsenbirne und des Wacholders, die sich aus den Felsspalten drängten. Neben wildem Ginster entdeckten wir sogar den seltenen, betörend duftenden Alpen-Seidelbast, während einige dunkle Schwarzkieferbestände von den behutsamen Aufforstungen der österreichischen Verwaltung vor gut hundert Jahren erzählten.

„Man muss nur leise sein“, flüsterte Arianna und hielt inne. Und tatsächlich: Über uns kreiste eine Felsenschwalbe, und in den kargen Sträuchern suchten Hausrotschwanz und Zippammer nach Nahrung. Arianna erzählte mir, dass in den lauen Sommernächten auch der seltene Ziegenmelker durch das Biotop fliegt. Plötzlich huschte eine smaragdgrüne Echse über den warmen Stein — ein Ramarro, wie der Italiener sagt, gefolgt vom raschen Zickzack einer Mauereidechse. Mit etwas Glück, so meinte meine Begleiterin schmunzelnd, zeigt sich hier auch ein imposanter, aber vollkommen ungiftiger Biacco, die gelbgrüne Zornnatter, um sogleich wieder im Labyrinth des Gesteins zu verschwinden, in dem auch Füchse und – seit Kurzem, wie mir Arianna versicherte – sogar ein kleines Rudel Goldschakale ihre sicheren Unterschlüpfe gefunden haben.

Auf einem sonnenwarmen Stein verharrte reglos eine Gottesanbeterin, als bemesse sie in aller Gelassenheit die Zeit, die seit dem letzten Bergsturz vergangen war. Arianna mahnte nachdrücklich, während wir weitergingen, zur Vorsicht: Man solle diese Steinwüste zwingend nur in den kühlen Stunden des frühen Vormittags oder am späteren Nachmittag durchqueren. Die nackten Kalkblöcke speichern die Hitze wie ein Ofen, reflektieren das grelle Licht gnadenlos, und Schatten sucht man in der gleißenden Mittagssonne fast vergeblich. Als wenig später ein prachtvoller Schwalbenschwanz — ein Segelfalter mit einer stattlichen Spannweite von bis zu acht Zentimetern — auf einer wilden Blüte landete, begriff ich die Tiefenstruktur dieses Ortes: Die Marocche sind ein Palimpsest, eine Landschaft, auf der die Zeit erst alles zertrümmert und die Evolution anschließend eine filigrane, neue Welt darübergeschrieben hat.

Olivenbäume und Honig: Das flüssige Gold des Tals

Am dritten Tag verließ ich die steinerne Urwelt und wandte mich dem Kulturland zu. Mein Weg führte mich zum Agriturismo Maso Bòtes, einem architektonischen und ökologischen Kleinod der Familie Santuliana, das sich terrassenförmig an die Hänge oberhalb von Arco schmiegt, mitten in der ältesten Olivaia des gesamten Garda-Trentino. Am Eingang der Anlage wacht seit vermutlich acht bis zehn Jahrhunderten ein einzelner, tief zerfurchter Baum, den man hier respektvoll den Olif de Bòtes nennt – ein Patriarch, älter als jede Grenze, die seither über dieses Tal gezogen wurde. Hier empfing mich der Hausherr Renato Santuliana — ein Mann, dessen Hände von der Arbeit mit der Erde erzählen und dessen Augen leuchten, wenn er von seinen Olivenbäumen spricht. An diesem Tag arbeiteten an seiner Seite auch seine Söhne: Francesco, der sich um die hofeigenen Bienenvölker kümmert, und Andrea, der die Öl-Mühle in den Kellerräumen betreut — beide mit einer Selbstverständlichkeit, die nur entsteht, wenn man in einem Handwerk aufgewachsen ist und nicht bloß in es eingeführt wurde. Diese Mühle verarbeitet die Früchte dank schonender Kaltpressung so behutsam, dass selbst die flüchtigsten Aromen der Casaliva unversehrt in das Öl übergehen — ein Aufwand, der nur Sinn ergibt, wenn man die Frucht als etwas begreift, das Respekt verdient.

Man spürte in jeder Handbewegung der beiden Brüder eine tiefe Passion und eine Anstrengung, die von großem Respekt vor der lokalen Natur und Kultur getragen wird. Nichts wird hier dem Zufall überlassen: das feinfühlige Ablesen des richtigen Reifegrads an der Farbe einer einzelnen Olive, das behutsame Justieren der modernen Presse um wenige Grad — ein Fingerspitzengefühl, das sich in jedem Handgriff zeigt —, das geduldige Warten auf den einen Moment, in dem sich Handarbeit und Naturgesetz die Hand reichen. Es ist eine fast sakrale Hingabe an das Detail, ein leiser Widerstand gegen die Gleichförmigkeit der industriellen Massenproduktion.

Renato führte mich durch eine seiner Parzellen, die sich im Licht wie ein silbern funkelnder Zaubergarten darboten, in denen die autochthone Sorte Casaliva gedeiht — eine Olive, die man hier gern liebevoll die Seele des Gardasees nennt. Manche der Bäume haben mehrere Jahrhunderte überdauert; ihre Stämme, von der Zeit spiralig gedreht und tief zerfurcht, wirken wie lebende Archive einer Olivenkultur, die man hier nicht ohne Stolz die nördlichste der Welt nennt – ein Anspruch, dem heute vereinzelte Kulturen in Südengland oder der Südschweiz widersprechen mögen, dem aber niemand den Rang streitig macht, den das Garda Trentino tatsächlich innehat: eines der nördlichsten traditionellen Olivenanbaugebiete Europas, gelegen um den 46. Breitengrad, geschützt zwischen den kühlen Dolomiten im Norden und dem gewaltigen Wärmespeicher des Sees im Süden, der wie eine unsichtbare Decke die Fröste des Alpenrandes von den Hainen fernhält. Es ist, als bewahrten diese Pflanzen die Erinnerung an ihren jahrtausendealten Grenzgang zwischen alpiner Kühle und mediterraner Wärme tief in ihrem Holz.

„Ökologische und handwerkliche Produktion ist bei uns kein Marketing-Slogan. Sie ist eine Notwendigkeit“, erklärte er mir, während wir den weiten Blick über das Sarcatal genossen. „Wir ernten ausschließlich von Hand, wir pressen in kleinen, sorgsam getrennten und limitierten Chargen, und wir respektieren, dass dieser Boden uns nur so viel schenkt, wie wir ihm mit Umsicht wieder zurückgeben.“ Diese Haltung ist bei den Santulianas kein Lippenbekenntnis: Jede kleinste Charge wird getrennt verarbeitet und rigoros verkostet, jede Ernte nach dem exakten Reifegrad der einzelnen Parzelle terminiert, jede Pressung von Hand überwacht — eine körperliche Anstrengung, die sich in Zahlen kaum bemessen lässt, wohl aber im Geschmack. Das Extra Vergine von Maso Bòtes besitzt eine elegante Bitternote und eine feine Schärfe im Abgang, die an frisches Gras, Artischocken und grüne Mandeln erinnert.

Doch Renato ist nicht nur Meister der Oliven. Gemeinsam mit Francesco gewährt er auch faszinierende Einblicke in die Welt der Imkerei, die auf dem Hof mit derselben beharrlichen Hingabe betrieben wird wie der Anbau der Oliven. Die Vielfalt der feinen Honigerzeugnisse des Hauses spiegelt die florale Signatur dieser unberührten Region wider und entsteht, wie das Öl, in überschaubaren, streng kontrollierten Mengen, die Qualität konsequent über höhere Produktionszahlen stellen.

Dürer und Rilke: Die Kunst des Hinschauens

Mit dem Geschmack von Olivenöl und Honig auf der Zunge rollte ich am Nachmittag hinab in das geschichtsträchtige Arco. Wer diese Stadt betritt, spürt sofort die kosmopolitische Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts, als Arco als nobler Luftkurort der kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich-Ungarns reiche Erholungsurlauber anzog. Die herrschaftlichen Villen und der Parco Arciducale mit seinen exotischen Pflanzen künden noch heute von dieser glanzvollen Epoche.
Zwischen 1897 und 1901 kam auch Rainer Maria Rilke viermal hierher, da er seine kränkelnde Mutter begleitete, die in Arco wiederholt Linderung suchte, während er selbst durch die Olivenhaine wanderte und Tagebuchseiten, Briefe und beinahe dreißig Gedichte zu Papier brachte. Eine Promenade unterhalb der Burg trägt heute seinen Namen; nicht weit davon windet sich noch ein zweiter, ihr fast beiläufig zugesellter Weg, benannt nach Albrecht Dürer, der hier im Frühjahr 1495, auf der Rückreise von seiner ersten italienischen Reise über Trient und Innsbruck, sein berühmtes Aquarell der Burg schuf — im Louvre, wo es bis heute verwahrt wird, trägt es den nüchternen Katalogtitel Vue du val d'Arco dans le Tyrol méridional und hält doch den Fels, die Stadtmauer und das silbrige Laub der Olivenbäume mit fast fotografischer Genauigkeit fest.

Zwei Fremde vor demselben Felsen, durch vier Jahrhunderte getrennt und durch zwei ganz verschiedene Werkzeuge des Sehens: Der eine hielt mit Pinsel und lavierter Tusche fest, was sich dem Auge auf den ersten Blick darbot, der andere suchte in Tagebuchblättern und Versen nach dem, was sich dem Blick beharrlich entzieht. Arco hat beide angezogen, wie es offenkundig jeden anzieht, der einen Ort nicht bloß besichtigen, vielmehr ihn entziffern will – und hat sich doch, wie jeder Ort von eigenem Rang, der endgültigen Übersetzung verweigert. Dürers Pinsel bannte einen einzigen, makellosen Nachmittag auf das Blatt, während Rilkes Feder vier Jahrhunderte später rastlos um das kreiste, was sich dem Auge entzieht – um die Krankheit der Mutter, um die eigene Unruhe in dieser milden, fremden Wärme, um Verse, die bis heute nach etwas suchen, das sie nie ganz einholen; und doch liegt über beiden derselbe Fels, derselbe schräge Spätnachmittagswind über den Olivenkronen – als bewahre dieser Ort für jeden, der ihn sucht, eine eigene, unübersetzbare Fassung seiner selbst auf, von der er nur so viel preisgibt, wie sich in einem einzigen Aufenthalt fassen lässt.

Über all dem aber thront, schier unnahbar auf einem steilen, senkrecht abfallenden Felssporn, die imposante Ruine des Castello di Arco. Der Aufstieg zu Fuß führt durch uralte Olivenhaine hinauf in ein Ruinen-Ensemble, das zu den spektakulärsten Befestigungsanlagen des gesamten Alpenraums zählt. Oben angekommen, inmitten der windgepeitschten Mauern der ehemaligen Residenz der Grafen von Arco, öffnet sich der Blick weit nach Süden, dorthin, wo der Gardasee als blaues Versprechen am Horizont glänzt. Man begreift hier oben sofort, was Dürer einst auf seinem Blatt festzuhalten suchte, und warum dieser Anblick die Jahrhunderte überdauert hat. Von den einstigen Sälen sind nur die nackten Mauerkronen geblieben, durch deren leere Fensterhöhlen der Wind so beständig zieht, dass er der einzig verbliebene Bewohner der Burg zu sein scheint — während unten im Geröll die Eidechsen rascheln und über den Zinnen Mauersegler ihre engen Bögen ziehen, als hätten allein Vögel und Echsen die Zeit überdauert, die hier oben zu Stein geworden ist. Es ist ein Ort von schwindelerregender historischer Tiefe, kahl und offen dem Himmel ausgesetzt.

Text / Fotos: Daniel J. Basler

Reiseservice und Tipps
Wer sich noch weiter vertiefen möchte – in die Bergwelt der italienischen Dolomiten, in die Talwelt des Val dei Laghi, in die autonome Region Trentino und den angrenzenden Gardasee, in Geschichte und Kultur dieses kulturhistorisch reichen Landstrichs, in seine kulinarischen Spezialitäten sowie in die historischen Bauten und Burgen, die attraktiven Ausflugsziele und die zahllosen Angebote an Aktivitäten –, wird auf folgenden Webseiten fündig:

www.visittrentino.info/de, www.visittrento.it/de, www.dolomiti.org/de, www.gardatrentino.it/en, www.gardatrentino.it/de/ortschaften/riva-del-garda, www.gardatrentino.it/en/outdoor, www.gardatrentino.it/de/ortschaften/valle-dei-laghi/touren, www.trentino.com/en/, www.visittrentino.info/de/guide/natur/schutzgebiete/marocche-di-dro_md_2283 und www.gooutdoor.it/de/veranstaltungen/

Lage & Anreise
Wie ein schmales, nord-südlich gestrecktes Band zieht sich das rund 40 Kilometer lange Val dei Laghi durch die Autonome Provinz Trient, keine 15 Kilometer westlich von Trient selbst gelegen. Wer von dort aufbricht, folgt der Staatsstraße SS45, taucht durch das schmale Felstor des Bus de Vela und lässt den Pass von Vezzano hinter sich – eine rund zwanzigminütige Fahrt, an deren Ende sich das Tal wie hinter einem Vorhang öffnet.

Typische Gästehäuser
Wer nach den Tagen im Tal noch länger verweilt, findet in zwei bemerkenswerten Gästehäusern ein Zuhause auf Zeit: im Agriturismo Maso Bòtes hoch über Arco, inmitten jahrhundertealter Olivenhaine (www.agriturismomasobotes.it), und im Agriturismo Mas dei Preti bei Cavedine, im weiten, geschützten Talbecken des Val dei Laghi (www.masdeipreti.it).

Bürgerreporter:in:

Daniel J. Basler

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