Nach Augsburg gekommen:
„Halt durch, mein Freund!“ – Die Geschichte von Jewgeni aus Charkiw

Als Jewgeni Kudrjaz 1997 nach Augsburg kam, hatte er keinen Masterplan für ein erfolgreiches Leben in Deutschland. Im Gepäck: ein Diplom als Chordirigent, journalistische Erfahrung und die Hoffnung auf eine Zukunft mit neuen Perspektiven. Was folgte, war ein langer Weg voller Bürokratie, beruflicher Umwege und unerwarteter Wendungen. Heute blickt er auf fast drei Jahrzehnte in Deutschland zurück – und hat noch ein großes Ziel vor Augen.

Von Charkiw nach Deutschland: Auf der Suche nach Perspektiven

Die Geschichte von Jewgeni Kudrjaz beginnt in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. 1993 schloss er dort sein Studium an einem Institut für Künste mit der Fachrichtung Chordirigieren ab. Doch ein Hochschulabschluss allein bedeutete damals längst keine sichere berufliche Zukunft.

Die alten Strukturen waren zusammengebrochen, eine staatliche Arbeitsplatzzuweisung gab es nicht mehr. Eine passende Stelle zu finden, war für den jungen Absolventen „praktisch unmöglich“.

Zunächst bekam er über persönliche Kontakte eine Stelle im Zentrum für Volkskunst. Doch die Arbeit hatte wenig mit seiner eigentlichen Ausbildung zu tun. Statt Musik und Kultur zu gestalten, bestand der Alltag vor allem darin, „Papier von einem Stapel auf den anderen zu legen“.

Es folgten Tätigkeiten als Lehrer und später als Journalist. Ein geradliniger Karriereweg war das nicht. Vielmehr versuchte Jewgeni, sich in einer Zeit zurechtzufinden, in der sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend veränderten.

Der Gedanke an eine Auswanderung entstand eher zufällig. Jewgeni entdeckte eine Anzeige, in der über eine Möglichkeit zur Ausreise nach Deutschland informiert wurde. Er fuhr nach Kyjiw, um die erforderlichen Formulare zu besorgen – und plötzlich nahm alles seinen Lauf.

Gleichzeitig verschlechterte sich die Lage in der Ukraine. Stromausfälle, wirtschaftliche Unsicherheit und fehlende Zukunftsperspektiven machten das Leben zunehmend schwieriger. Irgendwann, erinnert sich Jewgeni sinngemäß, kam einfach alles zusammen.

Abschied für einen Neuanfang

Eine Auswanderung bedeutet nicht nur, die Koffer zu packen und in ein anderes Land zu fahren. Oft ist der Abschied von der bisherigen Heimat der schwierigste Teil.

1994 starb Jewgenis Vater, noch bevor die geplante Ausreise Wirklichkeit wurde. Trotz aller Überlegungen und Zweifel entschlossen sich Jewgeni und seine Mutter schließlich, ihre Wohnung zu verkaufen. Sie wollten einen endgültigen Schlussstrich ziehen und sich ganz auf das neue Leben konzentrieren.

Wie groß die Unsicherheit damals war, zeigte sich auch beim Packen. Eigentlich galt eine Grenze von 150 Kilogramm Gepäck pro Person. Jewgeni und seine Mutter nahmen jedoch insgesamt rund 300 Kilogramm mit – darunter sogar ihre Kopfkissen.

Es war der Versuch, ein Stück Vertrautheit in eine völlig ungewisse Zukunft mitzunehmen.

Die Angst reiste mit. Das Internet, über das man sich heute innerhalb weniger Minuten über das Leben in Deutschland informieren kann, existierte noch nicht in seiner heutigen Form. Die Informationen waren spärlich. Man wusste, dass es in Deutschland Sozialleistungen gab. Wie das Leben dort tatsächlich aussehen würde, konnte sich jedoch kaum jemand vorstellen.

Vier Jahre zwischen Formularen und Stempeln

Von der ersten Idee bis zur tatsächlichen Ausreise vergingen vier Jahre. Anträge, Pässe, Stempel, Warteschlangen und immer neue bürokratische Hürden machten das Verfahren zu einem langwierigen Kraftakt.

Jewgeni vergleicht diese Zeit mit einer „Corrida“ – einem Kampf, bei dem man ständig auf neue Hindernisse reagieren muss.

Doch irgendwann waren alle Formalitäten erledigt.

Die Reise führte mit dem Bus von Charkiw nach Nürnberg. Selbst auf dieser langen Fahrt gab es Momente, die Jewgeni bis heute in Erinnerung geblieben sind.

Dazu gehört der nächtliche Ausruf eines Mitreisenden: „Inna, ich würde ein Stück Fleisch essen!“ Auch ein heftiger Regenschauer blieb ihm im Gedächtnis: Der Bus war kurz zuvor gewaschen worden, bevor er die polnische Grenze erreichte. Lange sauber blieb er allerdings nicht.

Solche kleinen Episoden machten die anstrengende Reise im Rückblick zu einer Geschichte voller skurriler Erinnerungen.

Die ersten Tage in Deutschland: Staunen an der Supermarktkasse

Bevor Jewgeni nach Augsburg kam, verbrachte er einige Tage in einem Aufnahmelager in Nürnberg.

Bei der Anmeldung gab er an, Verwandte in Augsburg zu haben. Tatsächlich handelte es sich lediglich um eine Bekannte. Am Ende wurde er trotzdem der Fuggerstadt zugewiesen.

Sein erster Eindruck von Deutschland war von kleinen Dingen geprägt, die heute selbstverständlich erscheinen.

Besonders beeindruckten ihn automatische Schiebetüren in einem Geschäft. Dass sich Türen öffneten, ohne dass jemand sie berühren musste, war für ihn ein echtes Erlebnis. Auch das große Warenangebot überraschte ihn.

Doch der Alltag stellte schnell praktische Anforderungen. In den ersten Tagen fiel es ihm schwer, die verfügbaren finanziellen Mittel richtig einzuteilen. Manchmal musste er an der Kasse feststellen, dass das Geld nicht für alle Einkäufe reichte – und einzelne Waren zurücklassen.

Hinzu kam die deutsche Bürokratie. Dokumente mussten beantragt, Formulare ausgefüllt und verschiedene Behörden aufgesucht werden.

Eine wichtige Unterstützung erhielt Jewgeni in dieser Anfangszeit von Sozialarbeitern der jüdischen Gemeinde, die ihm bei der Orientierung im neuen Leben halfen.

Integration: Wenn der erlernte Beruf plötzlich nicht mehr zählt

Mit dem Deutschlernen hatte Jewgeni bereits in Charkiw begonnen. Das erwies sich nach seiner Ankunft als großer Vorteil.

Auf einem Sprachkurs wurde sein vorhandenes Wissen schnell deutlich. Als ihn ein Lehrer fragte, was er überhaupt dort mache, antwortete Jewgeni selbstbewusst, dass er Deutsch lerne.

Trotzdem brauchte die Eingewöhnung Zeit. Einen einzigen Moment, in dem plötzlich alles klar gewesen wäre, gab es nicht. Erst nach und nach verstand er besser, wie Deutschland funktionierte, wie Behörden arbeiteten und welche Möglichkeiten sich ihm boten.

Sein erster Schritt in den deutschen Arbeitsmarkt führte über soziale Tätigkeiten in einem Altenheim.

Bei der Arbeitsvermittlung musste er allerdings eine ernüchternde Erfahrung machen: In Deutschland sei ein Chormeister kein Beruf. Zumindest wurde ihm das damals so vermittelt.

Jewgeni ließ sich davon jedoch nicht vollständig entmutigen. Er bewies, dass seine musikalische Ausbildung auch in Deutschland einen Platz finden konnte. Zehn Jahre lang arbeitete er mit Chören.

Parallel dazu entwickelte er seine journalistische Laufbahn weiter und veröffentlichte Beiträge in russischsprachigen Medien in Deutschland.

Später sammelte er zusätzliche Erfahrungen in politischen Talkshows. Die Arbeit vor laufender Kamera brachte neue Herausforderungen mit sich und gab ihm die Möglichkeit, sich auch im Fernsehen journalistisch zu bewähren.

Heute betreibt Jewgeni seinen eigenen YouTube-Kanal.

Sein beruflicher Weg zeigt, dass Integration nicht immer bedeutet, den ursprünglichen Beruf aufzugeben und von vorne anzufangen. Manchmal geht es vielmehr darum, vorhandene Fähigkeiten neu einzusetzen, verschiedene Tätigkeiten miteinander zu verbinden und sich Schritt für Schritt neue Möglichkeiten zu erschließen.

Fast drei Jahrzehnte in Augsburg: Eine solide Vier

Wie bewertet Jewgeni sein bisheriges Leben in Deutschland?

Seine eigene Einschätzung fällt weder überschwänglich noch enttäuscht aus: eine solide Vier auf einer Skala von eins bis sechs.

Als er nach Deutschland kam, war er 28 Jahre alt. Er hatte also durchaus die Möglichkeit, sich beruflich neu zu orientieren. Einige Versuche in diese Richtung führten allerdings nicht zu den erhofften Ergebnissen.

Einen einzelnen Abschnitt seines Lebens würde er nicht als die schwierigste Zeit bezeichnen. Die Herausforderungen gehörten für ihn zum gesamten Prozess der Auswanderung und des Ankommens dazu.

Heute plant er nicht, Deutschland wieder zu verlassen. Seine Zukunft sieht er weiterhin hier.

Ein konkretes persönliches Ziel hat er dennoch: Sein YouTube-Kanal soll die Marke von 100.000 Abonnenten erreichen.

Doch bei allen beruflichen Plänen gibt es einen Wunsch, der für ihn weit über persönliche Erfolge hinausgeht: Jewgeni hofft auf ein möglichst baldiges Ende des russisch-ukrainischen Krieges.

Sein Rat an alle, die nach Deutschland auswandern wollen

Was würde Jewgeni Menschen empfehlen, die heute über eine Auswanderung nach Deutschland nachdenken?

Seine Antwort kommt überraschend und klingt fast wie eine Warnung vor gut gemeinten Ratschlägen:

„Hört auf niemanden, auch nicht auf mich.“

Damit meint er nicht, dass Erfahrungen anderer Menschen wertlos wären. Vielmehr ist er überzeugt, dass es kein allgemeingültiges Rezept für eine erfolgreiche Auswanderung gibt. Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit, verfolgt eigene Ziele und muss seinen ganz persönlichen Weg finden.

Was für den einen funktioniert, kann für den anderen völlig ungeeignet sein.

Und was würde er seinem jüngeren Ich sagen, wenn er ihm am Tag der Ankunft in Deutschland begegnen könnte?

Die Antwort wäre kurz, herzlich und voller Lebenserfahrung:

„Halt durch, mein Freund, lass den Kopf nicht hängen!“

Vielleicht steckt genau darin die wichtigste Botschaft seiner Geschichte. Ein neues Leben in einem fremden Land beginnt selten mit einem fertigen Plan. Oft beginnt es mit Unsicherheit, kleinen Schritten und der Bereitschaft, trotz aller Rückschläge weiterzumachen.

Jewgenis Geschichte ist kein Märchen vom schnellen Erfolg. Sie erzählt von einem Menschen, der seine Heimat verlassen musste, sich in einer neuen Gesellschaft zurechtfand, beruflich mehrere Wege einschlug und nach fast drei Jahrzehnten noch immer Ziele hat.

Und von der Erkenntnis, dass man nicht jeden Umweg vorher kennen muss, um irgendwann seinen eigenen Weg zu finden.

Foto: Irina Alexejewa

Bürgerreporter:in:

Augsburg Live

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