Volkstrauertag in Friedberg
Wachsam sein gegen den neuen Nationalismus
- Nach dem Gedenkgottesdienst ging der Kirchenzug von der Stadtpfarrkirche St. Jakob zum Mahnmal für die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt am Friedensplatz in der Bahnhofsstraße.
- Foto: Achim Lüders
- hochgeladen von Kath. Stadtpfarrei St. Jakob
Mit deutlichen Worten hat Stadtpfarrer Pater Steffen Brühl beim Gedenkgottesdienst zum Volkstrauertag in St. Jakob an die politische und moralische Bedeutung dieses Tages erinnert. Der Volkstrauertag sei „kein nostalgischer Blick zurück“, sagte P. Brühl, sondern ein „ernsthafter Prüfstein dafür, wie wir heute mit Macht, Religion und Menschlichkeit umgehen“.
Warnung vor religiösem Nationalismus
Im Zentrum seiner Predigt stand die Warnung vor einer gefährlichen Vermischung von Religion und nationaler Identität. Überall dort, wo Glaube als Stütze politischer Macht diene – „ob in den USA, in Russland oder anderswo“ – verliere er seinen Kern. Christlicher Glaube beginne nicht bei der Nation, sondern beim Menschen. Nationalismus sei letztlich „ein Kult der Angst“, der Schuldige suche, um Sicherheit zu versprechen. Der Glaube dagegen suche „nicht die Schuldigen, sondern die Verwundeten“.
„Gott braucht keine Verteidiger“
P. Brühl machte deutlich, wie leise der Missbrauch des Glaubens beginnen könne: an Stammtischen, in sozialen Medien oder in dem Glauben, man müsse religiöse Überzeugungen „verteidigen“. „Gott braucht keine Verteidiger“, sagte der Stadtpfarrer. „Gott braucht Menschen, die Frieden stiften.“ Gedenken sei nur dann authentisch, wenn es Verantwortung nach sich ziehe – für den Umgang mit Macht, Sprache und menschlicher Würde.
Gedenken als Verantwortung
Mit Blick auf die Weltkriege, Diktaturen und aktuelle Konflikte rief P. Brühl dazu auf, Geschichte ernst zu nehmen und Begriffe von Stärke und Macht konsequent zu hinterfragen. Frieden wachse nicht in Parolen, sondern im Bewusstsein, wie verletzlich Gesellschaften seien und wie viel Mut es brauche, auch im Kleinen für Menschlichkeit einzustehen.
Ein Weckruf für die Demokratie
Religion habe, so P. Brühl, auch heute ihren Platz im öffentlichen Raum – nicht als Instrument politischer Herrschaft, sondern als moralische Orientierung. Demokratien zerfielen nicht an Gesetzesfragen oder der Bürokratie, sondern an einem schwindenden kollektiven Gewissen. Dieses Gewissen müsse man schärfen. Das könne man dort, wo Menschen einander zuhörten, Herkunft nicht trenne und Schwäche nicht verachtet werde.
Der Volkstrauertag sei deshalb „ein Weckruf für eine wachsame Gesellschaft“. Wer die Opfer des Nazi-Regimes ehren wolle, solle das nicht nur mit Kränzen oder Worten tun. „Wir ehren sie, indem wir wach bleiben: gegen Nationalismus, gegen die Verherrlichung von Stärke und gegen jeden Missbrauch des Glaubens.“ Erinnerung werde so zum Auftrag, Glaube zur Orientierung – und Gemeinschaft zur Zukunft.
Bürgerreporter:in:Kath. Stadtpfarrei St. Jakob aus Friedberg |
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