Sachsen-Anhalt SPD-Kampagne
Ein Deich gegen die blaue Überflutung
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Im Magdeburger Landesamt für politische Wasserwirtschaft herrscht Alarmstufe Blau. Der Deichgraf erscheint in Gummistiefeln. Unter dem Arm trägt er eine Rolle Wahlplakate, auf dem Kopf einen roten Südwester.
„Wo ist das Hochwasser?“, fragt er. Der Pegelwart zeigt auf den neuesten Umfragebogen. „Hier.“ „Einundvierzig Prozent?“ „Und möglicherweise steigend.“ Der Deichgraf zieht die Stirn kraus. „Dann müssen wir handeln. Wo sind die Sandsäcke?“ „Welche Sandsäcke?“ „Na, die von der demokratischen Mitte.“ Der Pegelwart öffnet eine Tür. Dahinter liegen fünftausend frisch gedruckte Plakate.
WIR SIND DER DEICH!
Der Deichgraf betrachtet sie zufrieden. „Sehr gut. Damit dichten wir das Land ab.“ „Papier weicht durch“, sagt der Pegelwart. „Nicht, wenn es laminiert ist.“ So einfach ist politische Wasserwirtschaft.
Während die Flüsse Sachsen-Anhalts kaum Wasser führen, steigt der blaue Pegel in den Umfragen. Und weil die Politik für jedes Problem zunächst eine Kampagne benötigt, hat die SPD beschlossen, sich zum Deich zu erklären.
Das ist mutig. Noch vor Kurzem musste sie aufpassen, nicht selbst unter die Fünf-Prozent-Wasserlinie zu geraten. Nun steht sie breitbeinig an der Elbe der Geschichte und ruft: „Flut, weiche! Wir haben Großflächenplakate!“
Vielleicht folgt demnächst die CDU als Spundwand. Die Grünen liefern den ökologisch zertifizierten Sandsack. Die FDP prüft, ob man das Wasser privatisieren kann. Und das BSW erklärt, die Flut sei nur deshalb blau, weil man zu viele Sanktionen gegen Russland verhängt habe.
Deutschland liebt politische Bauwerke. Vor 65 Jahren wurde eine Mauer errichtet, damit die Menschen nicht fortgingen. Heute wird ein Deich angekündigt, damit die Stimmen nicht überlaufen. Gestern Abwanderungsbremse, heute Überflutungsschutz.
Wenn der Politik die Antworten fehlen, greift sie eben zur Maurerkelle.
Doch ein Deich hat eine unangenehme Eigenschaft: Er hält das Wasser auf, erklärt aber nicht, warum es steigt. Vielleicht steigt es, weil in manchen Orten der Bus nur noch zweimal am Tag fährt – einmal hin und einmal versehentlich zurück.
Vielleicht, weil das Krankenhaus schließt, die Arztpraxis keinen Nachfolger findet und die Schule zwar digitalisiert werden soll, aber zuerst ein Dach benötigt, durch das es nicht regnet.
Vielleicht, weil seit Jahrzehnten von blühenden Landschaften gesprochen wird, während auf dem Marktplatz nur noch das Unkraut zuverlässig wächst.
Und vielleicht steigt das Wasser auch, weil politische Brandstifter seit Jahren durch die Dörfer ziehen, jeden Ärger blau einfärben und behaupten, nicht sie hätten den Keller geflutet, sondern Ausländer, Windräder, Brüssel und das öffentlich-rechtliche Wetter.
Die AfD verkauft die Überschwemmung als Freibad. Eintritt frei. Rettungsschwimmer unerwünscht.
Der Deichgraf sieht inzwischen etwas nachdenklicher aus. „Wir könnten den Deich erhöhen“, schlägt er vor. „Womit?“ „Mit Haltung.“ „Sehr gut. Und darunter?“ „Äh … Schotter.“ „Welcher Schotter?“ „Das müsste der Bund bezahlen.“
Draußen beginnt es zu regnen. Der Pegelwart zieht seine Jacke an. „Wo wollen Sie hin?“, fragt der Deichgraf. „Zu den Leuten hinterm Deich.“ "Jetzt? Mitten im Wahlkampf?“ „Gerade jetzt.“ „Und was wollen Sie ihnen sagen?“ „Erst einmal gar nichts.“ „Gar nichts?“ „Ich will zuhören.“ Der Deichgraf erschrickt. Zuhören war im Etat nicht vorgesehen. Dafür gab es weder eine Kampagne noch ein Sondervermögen. Er blickt noch einmal auf die Wahlplakate.
Natürlich braucht eine Demokratie einen Deich gegen Menschenverachtung, Nationalismus und die Verachtung der Demokratie selbst. Aber ein Schutzwall, der erst vier Wochen vor der Wahl aufgestellt wird, sieht aus der Ferne leicht wie eine Litfaßsäule aus.
Vielleicht besteht die Aufgabe der demokratischen Parteien deshalb nicht nur darin, den Deich höher zu bauen.
Vielleicht sollten sie endlich herausfinden, weshalb das Wasser steigt.
Und vor allem, wer seit Jahren heimlich die Schleusen öffnet.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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