Fronleichnam Augsburg Sozialabbau
Welche Werte auf die Straße tragen?
- Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
- hochgeladen von Didi van Frits
Während in Bayern wie seit Jahrhunderten selbstverständlich Fronleichnamsprozessionen zelebriert werden, finden in NRW zur gleichen Zeit Demonstrationen gegen den Sozialabbau statt, organisiert von Gewerkschaften und der Partei DIE LINKE.
Die Augsburger Redaktion der Online-Plattform myheimat stellt dazu eine interessante Frage: „Die Fronleichnams-Prozessionen machen Glauben sichtbar. Doch sie werfen auch eine Frage auf, die Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen betrifft: Welche Werte oder Überzeugungen würden wir heute gemeinsam auf die Straße tragen, um zu zeigen, was unsere Gesellschaft zusammenhält?“
Eine gute Frage. Vielleicht sogar die entscheidende.
Denn in beiden Fällen wird etwas auf die Straße getragen, das sonst leicht unsichtbar bleibt. In Bayern wird unter einem Baldachin die Monstranz getragen, goldglänzend, ehrwürdig, von Weihrauch umwölkt. In NRW werden Transparente getragen, nicht ganz so goldglänzend, dafür mit dicker Filzstiftschrift: „Reiche, es reicht!“ Auch das ist eine Art Glaubensbekenntnis. Nur dass hier nicht der Leib Christi durch die Straßen zieht, sondern der sehr irdische Körper der sozialen Frage.
Die einen knien innerlich vor dem Sakrament. Die anderen stehen äußerlich vor der Frage, warum ausgerechnet jene, die schon genug haben, immer noch mehr bekommen sollen. Beides ist liturgisch. Die einen singen Kirchenlieder. Die anderen rufen Parolen. Die einen haben Ministranten. Die anderen haben Gewerkschaftssekretäre. Die einen tragen Weihrauchfässer. Die anderen tragen Forderungen. Und beide hoffen, dass oben irgendjemand zuhört.
Der Unterschied liegt vielleicht nur darin, dass die katholische Prozession noch genau weiß, was sie verehrt. Die politische Prozession muss es immer wieder neu buchstabieren: Rente. Gesundheit. Bildung. Wohnung. Würde. Gemeinwohl. Wörter, die inzwischen klingen wie Reliquien aus einer besseren Bundesrepublik.
Man kann sich die Begegnung dieser beiden Straßenumzüge gut vorstellen. Links der Priester mit Monstranz. Rechts die Demonstranten mit Transparent. Dazwischen ein Bürgersteig voller Ratlosigkeit. Der eine Zug sagt: „Seht her, hier ist das Heilige.“ Der andere Zug sagt: „Seht her, hier fehlt es.“ Und vielleicht haben beide recht.
Denn was ist eigentlich heiliger als ein Gemeinwesen, in dem alte Menschen nicht arm werden, Kinder nicht nach Herkunft sortiert werden und Kranke nicht als Kostenstelle erscheinen? Was wäre christlicher als eine Politik, die den Schwachen nicht erklärt, sie müssten eben fleißiger werden? Was wäre sozialer als ein Glaube, der nicht nur sonntags Hostien verehrt, sondern montags Mietverträge, Pflegeschlüssel und Tariflöhne ernst nimmt?
Natürlich ist es gefährlich, Religion und Politik zu nah zusammenzurücken. Die Geschichte ist voll von Weihrauch, der plötzlich nach Pulverdampf roch. Aber noch gefährlicher ist vielleicht eine Gesellschaft, die gar nichts mehr gemeinsam auf die Straße trägt außer Einkaufstaschen, Lieferdienst-Rucksäcken und die neueste Empörung.
Fronleichnam erinnert daran, dass Menschen Zeichen brauchen. Demonstrationen erinnern daran, dass Zeichen allein nicht reichen. Der Baldachin schützt das Heilige vor Regen. Das Transparent schützt den Protest vor Vergessen. Beides sind mobile Dächer über einer Überzeugung.
Vielleicht müsste man die beiden Züge gar nicht gegeneinander ausspielen. Vielleicht könnten sie ein Stück nebeneinander gehen. Der Priester mit der Monstranz, die Gewerkschafterin mit dem Megafon, der Ministrant mit dem Schellenstab, der Rentner mit dem Schild: „Sozialabbau stoppen!“ Vorneweg die Frage: Was hält uns eigentlich zusammen?
Die Antwort wäre vermutlich nicht Weihrauch allein. Aber auch nicht Wut allein. Vielleicht eher dies: dass Würde nicht privatisiert werden darf. Dass eine Gesellschaft nicht nur aus Erfolgreichen besteht. Dass Reichtum kein Sakrament ist. Und dass Nächstenliebe ziemlich hohl klingt, wenn der Nächste gerade aus seiner Wohnung verdrängt wird.
„Reiche, es reicht!“ — das ist, bei näherem Hinsehen, fast schon eine liturgische Formel. Kurz, einprägsam, wiederholbar. Ein moderner Antiphon gegen die Anbetung des Marktes.
Und vielleicht wäre das die Prozession, die wir heute wirklich bräuchten: eine, bei der Glauben, Zweifel, soziale Wut und alte Gerechtigkeitssehnsucht gemeinsam durch die Straßen ziehen. Nicht, um alle auf eine Meinung zu verpflichten. Sondern um sichtbar zu machen, dass eine Gesellschaft mehr sein muss als ein Parkplatz für Vermögen.
Denn Werte trägt man nicht nur im Herzen. Dort werden sie leicht sentimental. Manchmal muss man sie auf die Straße tragen, damit sie nicht im stillen Kämmerlein verhungern.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
|
| Webseite von Didi van Frits | |
| Didi van Frits auf Facebook | |
| Didi van Frits auf Instagram | |
| Didi van Frits auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.