KZ Dachau Geschichte
Kaufering - eine Heimatgeschichte - Me 262
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Der Song, der mich vielleicht als Erster in meinem Leben wirklich getroffen hat, hieß: „There’s a Man Going Round Taking Names“, gesungen von Josh White. Ich war kein schwarzes Kind. Meine Hautfarbe war weiß. Und doch verstand ich den Song sofort, lange bevor ich ihn historisch oder politisch hätte erklären können. Ich verstand ihn mit der Haut. Ich kannte dieses Gefühl, dass jemand über einen verfügt. Dass jemand kommt, den Namen nimmt, die Herkunft löscht, das Kind umbenennt und ihm danach auch noch erklärt, dies alles sei zu seinem Besten geschehen.
Ich war zwei Jahre alt, als ein Mann namens Dr. Bornatsch mich aus einem Wuppertaler Kinderheim holte. In meiner Erinnerung trat er zunächst als Retter auf. Vielleicht sah er sich sogar selbst so. Aber er brachte mich nicht in die Freiheit. Er brachte mich als eine Art Ersatzgeschenk zu seiner kinderlosen Frau, fast wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk mit Atem und Augen. Die Frau war empört über dieses unverlangte Geschenk. Also nahm er das Kind wieder mit und brachte es weiter, wie ein falsch adressiertes Paket.
Diesmal landete ich bei einem seiner Untergebenen, einem Büroangestellten namens Erwin Fritze. Der sah sich offenbar aus Höflichkeit, Abhängigkeit oder Opportunismus nicht in der Lage, dem Gönner diesen Dienst zu verweigern. So kam ich in ein Haus, in dem niemand auf mich gewartet hatte. Erwin Fritze war nicht einfach irgendein Mann. Nach allem, was er selbst Stück für Stück über sich erzählt hat, war er im Krieg Aufseher in KZ-Lagern gewesen: in Litzmannstadt, dem besetzten Łódź, und später im Zusammenhang mit Kaufering bei Landsberg am Lech. Litzmannstadt war ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche eingesperrt, gedemütigt, zur Arbeit gezwungen und ihrer Kindheit beraubt wurden. Kaufering war Teil des Dachauer Außenlagerkomplexes. Dort mussten Häftlinge für das Rüstungsprojekt „Ringeltaube“ unter mörderischen Bedingungen Bunker bauen, in denen die Produktion der Messerschmitt Me 262 vorbereitet werden sollte.
Man muss hier genau bleiben: Die Häftlinge schraubten nicht idyllisch in einer Werkhalle Flugzeuge zusammen, als wäre es ein finsteres Berufsschulpraktikum. Die historische Wirklichkeit war brutaler und zugleich bürokratischer. Sie bauten die Voraussetzungen für eine unterirdische Kriegsmaschine. Sie schleppten, gruben, betonierten, starben. Die Me 262, der deutsche Düsenjäger, schwebte über allem als technischer Traum der Täter. Unten lagen die Menschen, deren Leben dafür verbraucht wurde.
Und dieser Mann, der später mein Adoptivvater wurde, hatte gelernt, was Macht bedeutet, wenn sie sich nicht rechtfertigen muss. Erwin Fritze war für mich der Mann, der meinen Namen nahm. Der Geburtsname meiner Mutter war Klingbeil, der meines Vaters Beckmann. Aus diesem Kind wurde nun ein Fritze. Ein neues Etikett, aufgeklebt auf ein altes Leben. Herkunft verschwand nicht, weil sie unwichtig war, sondern weil andere beschlossen hatten, dass sie verschwinden sollte. Der Song von Josh White bekam für mich eine erschreckende wörtliche Bedeutung: *There’s a man going round taking names.*
Die Frau an Erwins Seite, Liese, wollte offenbar ein Mädchen. Also ließ man mir die Haare lang wachsen. Ich sollte aussehen wie das Kind, das sie sich gewünscht hatte, nicht wie das Kind, das ich war. Man verwandelte mich nicht aus Liebe, sondern aus Enttäuschung. Ich sollte eine Lücke füllen, die nicht meine war. Irgendwann griffen die Nachbarn ein. Sie fanden, dass einem Jungen die Haare geschnitten werden müssten. Danach war ich für meine Pflegemutter nicht mehr die erträumte Figur. Ich war nicht mehr das falsche Mädchen, sondern der richtige Junge am falschen Ort. Von da an, so habe ich es erlebt, schlug die Enttäuschung in Hass um. In den Nächten wurde ich in die Ruinen der zerbombten Häuser in der Nachbarschaft gesperrt.
Das Nachkriegsdeutschland bestand nicht nur aus Wiederaufbau, Trümmerfrauen und tapferen Sonntagsreden. Es bestand auch aus Kellern, Ruinen, Schweigen und Kindern, die niemand fragte, wovor sie Angst hatten. Vielleicht war das die eigentliche Kontinuität: Der Krieg war offiziell vorbei, aber manche Männer hatten ihre Macht nicht abgelegt. Sie hatten nur den Ort gewechselt. Früher standen sie in Lagern. Später standen sie in Wohnzimmern, Küchen, Fluren, Kinderzimmern. Die Uniform war verschwunden. Der Ton blieb.
In Kaufering rückte im Frühjahr 1945 das amerikanische Militär näher. Die Lager wurden geräumt, Menschen wurden verschleppt, viele starben noch in den letzten Kriegstagen. Wer überlebt hatte, war nicht einfach gerettet; er trug die Lager weiter im Körper. Und manche Täter trugen ihre Lager weiter in ihrem Verhalten. So steht am Anfang meines Lebens kein Familienalbum, sondern ein Riss. Ein Mann nimmt ein Kind aus einem Heim. Eine Frau weist es zurück. Ein anderer Mann nimmt es an, aber nicht aus Liebe. Dann nimmt er ihm den Namen.
Danach beginnt eine Erziehung, die keine Erziehung war, sondern Abrichtung. Wenn ich Josh White hörte, hörte ich nicht nur ein Lied aus einer anderen Geschichte. Ich hörte meine eigene. Nicht, weil ich das Leid der schwarzen Sklaven für mich beanspruchen könnte. Das wäre anmaßend. Aber ich erkannte die Struktur: Jemand besitzt die Macht, über einen anderen Menschen zu verfügen. Jemand nimmt Namen. Jemand löscht Herkunft. Jemand macht aus einem Menschen eine Akte, ein Objekt, ein Paket, ein Geschenk, einen Ersatz.
Und das Kind, dem der Name genommen wurde, sitzt Jahrzehnte später da und versucht, ihn zurückzuschreiben. Vielleicht ist Schreiben genau das: ein später Widerspruch gegen die Männer, die Namen nahmen. Vielleicht ist jedes Wort ein kleines Stück Rückgabe. Und aus meinem aufgezwungenen Nachnamen FRITZE wurde das trotzig selbstgewählte Pseudonym VAN FRITS.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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