AfD
Ein guter Kommentarverlauf - Widersprechen + trotzdem Weiterreden
- Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6
- hochgeladen von Didi van Frits
Kaum hatte ich meinen Essay „Ostdeutschland – die Umkleidekabine der Geschichte“ veröffentlicht, öffnete nebenan bereits die Umkleidekabine der Kommentare. Zwölf Kommentare wurden gepostet:
„Primitiv!“, rief der Erste.
„Punktlandung!“, rief der Zweite.
„Bruchlandung!“, rief der Dritte.
Damit war der kleine Flugplatz der deutschen Vergangenheitsbewältigung eröffnet. Einer winkte die Maschine herein, einer erklärte sie für abgestürzt, und ein Dritter untersuchte bereits, ob der Pilot rechtskonservativ geflogen sei.
Harald Martens stellte vier gewichtige Fragen: War die DDR ein Genozidstaat? Gab es dort einen Holocaust? Führte sie einen rassenideologischen Vernichtungskrieg? War der Marxismus-Leninismus seinem Wesen nach mit dem Nationalsozialismus identisch?
Die Antwort lautet viermal: Nein.
Nur hatte mein Essay das auch nicht behauptet.
Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Wer zwei Gefängnisse miteinander vergleicht, behauptet nicht, in beiden seien gleich viele Menschen ermordet worden. Er darf trotzdem fragen, warum beide Gitter vor den Fenstern hatten, warum beide den Widerspruch bestraften und warum in beiden der Wärter überzeugt war, die Gefangenen zu ihrem eigenen Besten einzuschließen.
Peter Gross listete diese Herrschaftstechniken ausführlich auf: Einparteienherrschaft, Geheimpolizei, Zensur, politische Justiz, Personenkult, Indoktrination und die Verfolgung von Oppositionellen. Er hatte offenbar eine Aktentasche voller Argumente in die Kommentarspalte mitgebracht. Am Ende staunte er selbst, was ihm abends alles aus der Feder floss.
Das ist im Internet bereits ungewöhnlich. Meist fließt dort weniger aus der Feder als aus einem beschädigten Abwasserrohr.
Kurz darauf wurde mir ein neues Kostüm gereicht: „Rechts-Konservativer“.
Ich betrachtete es etwas ratlos. Seit Jahrzehnten schreibe ich gegen Militarismus, Nationalismus, soziale Kälte und obrigkeitliches Denken. Aber in der politischen Umkleidekabine Deutschlands wird nicht gefragt, was einem passt. Man bekommt etwas übergeworfen. Wer die DDR eine Diktatur nennt, trägt plötzlich Ernst Noltes Mantel. Wer auf die Singularität von Auschwitz hinweist, erhält den Habermas-Schal. Und wer versucht, beides gleichzeitig zu denken, steht angeblich nackt zwischen den Fronten.
Dabei wäre genau dieses gleichzeitige Denken notwendig: Auschwitz bleibt singulär. Die DDR bleibt eine Diktatur. Der eine Satz löscht den anderen nicht aus.
Auch ich griff in der Erregung daneben. Auf die Frage, ob ich schon einmal „im Osten“ gewesen sei, antwortete ich mit meinen Erinnerungen an Rügen, an die Begleitung durch die Stasi und an bedrückende Grenzkontrollen. Die beteiligten Menschen nannte ich „primitiv“.
Das war falsch.
Nicht die Menschen waren primitiv, sondern das System, das sie zu Beobachtern, Kontrolleuren und Vollstreckern seiner Angst machte. Menschen pauschal herabzusetzen, während man gerade vor pauschaler Unterwerfung warnt, ist ein hübscher kleiner Stolperer über die eigene Moral. Auch der Glossenschreiber sollte vor dem Spiegel prüfen, welches Kostüm er gerade angezogen hat.
Dann erschien der nächste Vorwurf, von Silke Dokter: Schon wieder werde „auf Kosten Ostdeutscher“ geschrieben. Von den „angeblich doofen Ostdeutschen“ sei ständig die Rede. Und außerdem sei das Ganze inzwischen langweilig – wie Rentnertratsch über Leute, die nicht anwesend seien.
Da saß ich nun, achtzig Jahre alt, tatsächlich als Rentner vor meinem Bildschirm. Das Beweismaterial war erdrückend.
Nur waren die Leute, über die gesprochen wurde, keineswegs abwesend. Sie saßen mitten in der Kommentarspalte, widersprachen, schimpften und korrigierten. Genau das unterschied diese Debatte erfreulich von einer Diktatur: Niemand wurde abgeholt. Niemand verlor seinen Arbeitsplatz. Kein Kommentar musste durch eine Zensurbehörde. Die schärfste Waffe war ein Ausrufezeichen – gelegentlich im Dreierpack.
Frank de Buur wiederum fragte, wie man eine Bevölkerung, die sich mit den Mehrdeutigkeiten der liberalen Demokratie schwer tue, davon abhalten könne, „überfordert zu randalieren“.
Auch dieser Satz trägt schon wieder eine Uniform. „Eine Demografie“ randaliert nicht. Menschen wählen aus sehr unterschiedlichen Gründen, irren sich auf verschiedene Weise und können sogar ihre Meinung ändern. Wer Millionen Menschen zu einem einzigen trotzigen Volkskörper zusammennäht, liefert unfreiwillig bereits den Stoff, aus dem die nächste politische Zwangsjacke gefertigt wird.
Und auch mein Satz, eine Bevölkerung sei früher Margot Honecker zu Kreuze gekrochen und laufe nun Alice Weidel nach, war zu pauschal. Zwischen Margot und Alice liegen nicht nur vierzig Jahre, sondern Millionen verschiedener Biografien: Angepasste und Mutige, Mitläufer und Oppositionelle, Enttäuschte, Demokraten, Schweigende und jene Menschen, die 1989 tatsächlich auf die Straße gingen und ihre Angst überwanden.
Gerade deshalb darf man fragen, warum autoritäre Angebote heute wieder so erfolgreich sind. Aber man sollte die Frage stellen, ohne den Befragten vorher die Narrenkappe aufzusetzen.
Die zwölf Kommentare haben meinen ursprünglichen Essay also nicht widerlegt. Sie haben ihn erweitert. Die politische Umkleidekabine steht nicht nur in Ostdeutschland. Sie steht auch mitten in jeder Kommentarspalte. Dort hängen die Kostüme „Primitiver“, „Rechtskonservativer“, „Geschichtsklitterer“, „beleidigter Ostdeutscher“ und „arroganter Westdeutscher“ griffbereit an der Wand.
Man muss nur hineinschlüpfen – und schon braucht man dem anderen nicht mehr zuzuhören.
Demokratie beginnt vielleicht in dem Augenblick, in dem wir das Etikett wieder ausziehen und einen Satz sagen, der nicht mit „Ihr seid doch alle …“ beginnt.
Denn Demokratie lebt nicht davon, dass niemand widerspricht.
Sondern davon, dass das Gespräch trotz Widerspruchs weitergeht.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
|
| Webseite von Didi van Frits | |
| Didi van Frits auf Facebook | |
| Didi van Frits auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.