Komödie Film ARD
DNA-Test - Oh la la – Wer ahnt denn sowas?
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Neulich erhielt ich eine Nachricht zu einem meiner Essays über „Opa Kringler“. Die Dame, die mir schrieb, hieß ebenfalls Kringler und brachte es tatsächlich zustande, mit wenigen Sätzen eine ganze Schubkarre weiterer Einzelheiten in mein Bewusstsein zu kippen.
Plötzlich standen dort Menschen herum, von denen ich jahrzehntelang nichts gewusst hatte. Verwandte, Seitenlinien, verschwundene Namen. Das Gedächtnis ist offenbar ein Dachboden: Man glaubt, dort oben lägen nur drei alte Koffer und eine kaputte Stehlampe – bis jemand die Luke öffnet und einem die gesamte Vergangenheit entgegenfällt.
Ich hatte mich nie besonders um Ahnenforschung gekümmert. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht auch, weil ich der Auffassung bin, dass man für den Verlauf seines Lebens am besten eigene Entscheidungen trifft. Es genügt doch, wenn man die Fehler selbst macht. Man muss nicht auch noch die Fehler von zwölf Generationen übernehmen, bloß weil sie einem genetisch zugestellt werden.
Meine Frau allerdings ließ ihre DNA von einem Institut in Washington untersuchen. Das Ergebnis: Hugenotten, Rabbis und Briten rumoren in ihrem Inneren.
Seitdem sehe ich sie mit anderen Augen. Wenn sie beim Frühstück schweigt, ist das nicht etwa schlechte Laune. Es ist hugenottische Standhaftigkeit. Und wenn sie mir erklärt, wie man Bücher richtig von A nach Z einräumt, spricht aus ihr möglicherweise Oxford.
Ich hingegen habe keinen DNA-Test gemacht. Mir genügt vorläufig der Verdacht, dass ich von Menschen abstamme.
Passend zu diesem Thema sahen wir am 20. Juli in der ARD die französische Komödie „Oh la la – Wer ahnt denn sowas?“ Darin schenken zwei junge Leute ihren Eltern zur bevorstehenden Hochzeit DNA-Tests. Eine nette Aufmerksamkeit, könnte man meinen. Andere schenken Blumen, Pralinen oder einen Restaurantgutschein. Diese beiden schenken den Eltern den Zusammenbruch ihres Weltbildes.
Besonders hart trifft es 1) Frédéric Bouvier-Sauvage, den stolzen Besitzer eines Schlosses, eines Weingutes und einer stattlichen Ahnengalerie. Seit Generationen blickt seine Familie von vergoldeten Rahmen herab. Frédéric hält sich für so rein französisch, dass vermutlich sogar seine Blutkörperchen Baskenmützen tragen und beim Vorbeischwimmen „La Marseillaise“ summen.
Dann öffnet er den Umschlag.
Fünfzehn Prozent Cherokee.
Mit einem Mal galoppiert ein fremder Zweig durch den sorgfältig beschnittenen Stammbaum. Frédéric sucht hektisch nach einer historischen Erklärung. Auf dem Dachboden findet er schließlich Spuren eines Besuchs von Buffalo Bill im Jahre 1905. Seine Urgroßmutter stand damals offenbar nicht nur am Straßenrand und winkte.
Das ist der Augenblick, in dem die Ahnenforschung zur Tatortbesichtigung wird.
Auch 2) Catherine, die Schlossherrin, muss ihre Familiengeschichte neu sortieren. Sie glaubte, von italienischem Adel abzustammen. Stattdessen findet der Test portugiesische Wurzeln. Ausgerechnet Portugal! Ausgerechnet jenes Land, dessen Vertreter im Haushalt bislang vornehmlich zum Putzen und Heizung-Reparieren willkommen waren.
Das Erbgut besitzt keinen Sinn für gesellschaftliche Rangordnungen. Es wischt einfach durch.
Noch schlimmer trifft es 3) Gérard Martin, den bodenständigen französischen Autohändler. Er verkauft selbstverständlich nur französische Wagen. Deutsche Autos verachtet er. Wahrscheinlich hält er schon den Scheibenwischer eines Mercedes für einen verspäteten Einmarsch.
Sein Ergebnis: fünfzig Prozent deutsch.
Er besucht seinen Vater – und entdeckt in dessen Keller ein geheimes Deutschlandmuseum: Lederhose, Fußballtrikots, Bier, Fahnen, deutsche Automodelle und einen Merkel-Aschenbecher. Jahrzehntelang hatte der Vater seine deutsche Herkunft verborgen und bei Fußballspielen heimlich zur falschen Mannschaft gehalten.
So wird aus Gérard plötzlich Gerhard.
Das fehlende „h“ lag vermutlich die ganze Zeit im Keller, zwischen Bocksbeutel und Bundesadler.
Seine Frau 4) Nicole nimmt das Ergebnis wesentlich gelassener auf. Sie ist zu sechzig Prozent Britin und entdeckt sogar eine sehr entfernte Verbindung zum englischen Königshaus. Sofort schwebt ein Hauch von Buckingham Palace durch das Wohnzimmer. Allerdings ist die Verwandtschaft so weit entfernt, dass Richard Löwenherz wahrscheinlich erst zwölfmal „Ur“ sagen müsste, bevor jemand Nicole zum Tee hereinbittet.
Aber das genügt. Die bisher unscheinbare Nicole richtet sich auf. Nicht, weil sie plötzlich ein anderer Mensch geworden wäre, sondern weil ihr ein Labor mitgeteilt hat, dass sie sich ab sofort bedeutender fühlen darf.
Und darin liegt die schönste Bosheit des Films:
Wir behaupten gern, jeder Mensch sei gleich viel wert. Aber sobald ein DNA-Institut einen König, einen Cherokee oder wenigstens einen Hugenotten in unserer Vergangenheit entdeckt, wachsen wir innerlich um mehrere Zentimeter. Niemand freut sich, wenn das Labor mitteilt: „Ihre Vorfahren waren vermutlich überwiegend unauffällige Menschen, die Kartoffeln schälten, Kinder großzogen und abends müde ins Bett fielen.“
Nein, es muss ein Herzog gewesen sein. Eine Prinzessin. Ein Stammesführer. Mindestens jedoch ein geheimnisvoller Seefahrer, der 1743 bei Bordeaux an Land ging und einer verheirateten Winzertochter auffallend lange den Weg zum Hafen erklärte.
Wir suchen unsere Vorfahren – und hoffen dabei vor allem, uns selbst aufzuwerten.
Doch ein DNA-Test ist ein schlechter Diener des Hochmuts. Er kennt keinen Adel, keine Nationalflaggen und keine Automarken. Er weiß nichts von Grenzen, Stammbäumen und Familienlegenden. Er mischt Portugal ins französische Schloss, Deutschland ins Peugeot-Autohaus, England ins Arbeiterwohnzimmer und die Cherokee in eine Ahnengalerie, die bislang so französisch aussah, als sei sie persönlich von Ludwig XIV. abgestaubt worden.
Vielleicht sollte man deshalb allen Nationalisten einen DNA-Test schenken. Nicht als Strafe. Als Überraschungsei.
Wer morgens noch „Deutschland den Deutschen!“ ruft, könnte am Nachmittag feststellen, dass seine Ururgroßmutter aus Polen kam, sein Ururgroßvater aus Böhmen und ein besonders unternehmungslustiger Vorfahr aus Anatolien. Am Abend sitzt er dann schweigend vor seinem Stammbaum und muss entscheiden, welchen Teil seiner selbst er zuerst abschieben möchte.
Auch „Opa Kringler“ würde vermutlich schmunzeln, wenn er sähe, wie wir heute mit Wattestäbchen in unseren Mündern nach Gewissheiten suchen. Vielleicht besteht die wichtigste Erkenntnis der Ahnenforschung nämlich nicht darin, woher wir kommen.
Sondern darin, dass wir alle von Leuten abstammen, die sich irgendwann nähergekommen sind – häufig näher, als es der offiziellen Familiengeschichte lieb war.
Und falls ich doch noch einen DNA-Test machen lasse, wünsche ich mir ein schlichtes Ergebnis:
Hundert Prozent Mensch.
Mit unbekannten Nebenwirkungen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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