Verlegung einer Stolperschwelle zum Gedenken an die Zwangsarbeiter bei der Siemens-Plania (heute SGL Carbon) am Freitag den 18.11. um 14 Uhr

18. November 2022
14:00 - 15:30 Uhr
Forum SGL Group - The Carbon Company, 86405 Meitingen
v.l.n.r: Tusja Parchomtschuk, Frau Anna Bayer, Nadja, Warwara vor dem Barackenlager
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  • v.l.n.r: Tusja Parchomtschuk, Frau Anna Bayer, Nadja, Warwara vor dem Barackenlager
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Der Künstler Gunter Demnig verlegt am Freitag den 18. November um 14 Uhr vor den Toren der ehemaligen Firma Siemens-Plania (heute SGL Carbon) in der Siemensstr. 18 eine Stolperschwelle. Sie soll an die russischen, ukrainischen, slowakischen Kriegsgefangenen und zivilen ArbeiterInnen erinnern, die unfreiwillig in der Firma schwerste Arbeit verrichten mussten.  
Es ist erst das zweite Mal in Bayern, dass sich (nach den IG Farbwerken Hoechst in Gersthofen bzw. dessen Nachfolgebetrieb) eine Firma aus freien Stücken dazu entschließt, der Zwangsarbeiter zu gedenken. 

Die Firma Siemens-Plania

Die Siemens-Planie mit ihren Werken in Lichtenberg/Berlin, Ratibor (heute schlesisches Polen) und Meitingen zählte weltweit zu den bedeutendsten Unternehmen für die Fabrikation von Kohleartikeln. Ab 1944 stellte die SIPLA u.a. die Graphit-Stahlruder für die V-2 Rakete her, der Treibstoff Hydrazinhydrat kam von den IG Farbwerken in Gersthofen.
Ohne die Erzeugnisse der Firma hätte es keinen Edelstahl und kein Karbid gegeben, eine moderne Kriegführung wäre nicht möglich gewesen. Die AG produzierte Anoden, Graphitelektroden und amorphe Kohleelektroden. Nur 5% des Umsatzes erwirtschaftete das Unternehmen aus dem zivilen Sektor. 

Ideologische und pragmatische Komponenten der Zwangsarbeit
 
Aus rassistisch-sozialdarwinistischen Gründen waren bis Ende 1941 keine Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion in der deutschen Wirtschaft vorgesehen. Ganz im Gegenteil ließ die deutsche Kriegsführung von den 3 1/2 Millionen gefangen gesetzten sowjetischen Kriegsgefangenen bis Ende 1941 über 2 1/2 Millionen verhungern. 
Erst als sich das Scheitern der Blitzkriegstaktik abzeichnete, begann ein Umdenken. Arbeitskräfte wurden dringend benötigt. Für Albert Speer, den Minister für Bewaffnung und Rüstung waren die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge ab Frühjahr 1942 die tragenden Säulen der Kriegswirtschaft. Sie sollten nun unter schärfsten Sicherheitsbestimmungen in großen Kolonnen in Deutschland arbeiten, weder mit Deutschen in Berührung kommen noch mit qualifizierten Tätigkeiten beauftragt werden. Die Sklaven hielten die  Wirtschaft ihrer Unterdrücker am Laufen. 
Die zivilen Arbeitskräfte aus Polen, der Ukraine und Russland holte man durch Gestellungsbefehle und durch Razzien nach Deutschland und wurden dort jedermann zugeführt, wer einen Arbeitskräftebedarf anmeldete.

Unterbringung in Meitingen

Untergebracht waren die Kriegsgefangenen und zivilen Arbeitskräfte in einem Lager westlich der SIPLA und östlich der Donauwörtherstraße im heutigen Neubaugebiet. Von dort wurden sie tagtäglich in die Firma  unter Bewachung im Gleichschritt geführt.
Das Lager war mit Stacheldraht umgeben und von deutschem Militär, das im Lager wohnte, Tag und Nacht bewacht. Die hygienischen Zustände waren angesichts der beengten Verhältnisse unerträglich, Wanzen und Läuse waren die Regel. Die Kriegsgefangenen, die das Lager erst wieder bei Kriegsende verließen waren durch Hunger und Auszehrung geschwächt, hin und wieder artikulierte sich ihre Auswegslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Zorn in Aggression.

Der Hauptmann der sowjetischen Armee, Iwan Popow, war der einzige Kriegsgefangene, der sich in Meitingen frei bewegen durfte. Er sprach fließend Deutsch, fungierte als Vertrauensmann und sorgte mit dem kaufmännischen Leiter der SIPLA, Franz Aust dafür, dass seine Kameraden nicht verhungerten. Gemeinsam mit der Firma Dechenreiter in Bäumenheim organisierten Aust und Popow Lebensmittel.
Die Zwangsarbeiter durften ihre gebastelten Spielzeuge und kunstvollen Schnitzereien bei den Lebensmittelgeschäften Seidenschwan und Oberstaller gegen Brot tauschen. Der Hunger war entsetzlich, was auch Josef Nuber  deprimierte, der als Kontrolleur bei der SIPLA arbeitete. Er versuchte die Not der Ukrainer und Russen zu lindern, die mit ihm arbeiten mussten. 

Die zivilen "Ost"-arbeiterinnen

In der kleineren Baracke waren die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen untergebracht. Sie mussten auf der rechten Brustseite das diskriminierende "Ost"-Arbeiterzeichen tragen. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen durften sie sich ab 1943 mit Genehmigung bis 21 Uhr in Meitingen frei bewegen. Dennoch waren sie diskriminiert und stigmatisiert. Ihre Briefe wurden zensiert, sie unterstanden nicht den deutschen Gerichten, sondern wurden durch die Polizeileitstellen diszipliniert. Einmal pro Woche hatten sie sich bei der Ortspolizei zu melden, Sex mit Deutschen stand unter Todesstrafe, wer den Arbeitsplatz verließ oder sich gegen die Arbeitsbedingungen  auflehnte, konnte ins KZ eingeliefert werden. 
Die 14-jährige Tusja Parchomtschuk und ihre beiden ukrainischen Freundinnen Nadja und Warwara boten der Bäuerin Anna Bayer in der Donauwörtherstraße ihre Arbeitskraft  an und erhielten im Gegenzug etwas zu essen. Frau Bayer schneiderte ihnen aus ihrer Bettwäsche Kleider und Blusen. Für ihre Bastschuhe schämten sie sich, wie mir Tusja bei einem meiner Besuche in Lwiw erzählte. 

Weitere Baracken und Unterkünfte für die "West"-arbeiter
Nach Aussagen des Zeitzeugen Wolfgang Liepert befanden sich weitere Baracken in der heutigen Lichtenbergerstraße. Ab April 1944 genehmigte der Gemeinderat der Siemens-Plania ein weiteres Zwangsarbeiterlager im Lechauenwald. Damals waren Teile der Produktion aus Lichtenberg nach Meitingen verlegt worden. 

Wolfgang Liepert erinnert sich auch an weitere Unterkünfte für französische und italienische Zwangsarbeiter bei der SIPLA, die im Ort in der heutigen Wolfgangsstraße 14 im Souterrain wohnten. 

Arbeitsbedingungen bei der Siemens-Plania

NS-Zwangsarbeit war in die Tat gesetzte Rassenideologie. Arbeitseinsatz, Behandlung, Bezahlung, Unterbringung orientierte sich an rassenideologischen Prinzipien. Das System basierte auf Entrechtung, Ausbeutung und Terror.
Alle ausländischen Arbeitskräfte unterlagen einem strengen Repressions- und Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, Polizei und SS. 
Gemäß dem Prinzip der "Vernichtung durch Arbeit" mussten die sowjetischen Kriegsgefangenen die gefährlichsten und gesundheitsgefährdenden Arbeiten übernehmen. Bei der Aufbereitung der Rohstoffe wie Anthrazit, Kohlepulver, Teer und Graphit fielen Staub und Dämpfe an, die die Atemwege belasteten. Langfristige gesundheitliche Schäden waren absehbar.

Die Kriegsgefangenen erhielten keinen Lohn. Aber das Stammlager VIIB Memmingen und Moosburg stellte der SIPLA deren Arbeitskraft in Rechnung, abzüglich Unterkunft, Heizung, Strom.

Rückkehr in die Heimat

Nach ihrer Rückkehr wurden die ZwangsarbeiterInnen in den Filtrationslagern des militärischen Geheimdienstes "Smersch" verhört. Die meisten bezichtigte man der Kollaboration mit dem Feind und hatten mit Diskriminierung in Ausbildung, am Arbeitsplatz und bei der Wohnungszuteilung zu rechnen. 
Tusja Parchomtschuk war 17 Jahre als sie zurückkehrte. Sie musste jahrelang im Bergwerk arbeiten, ehe ihr die Flucht gelang. Viele Opfer litten im Alter unter den psychischen und physischen Folgeschäden ihres Arbeitseinsatzes und lebten am Rande des Existenzminimums.

Gedenken und Erinnern

Mit den Stolpersteinen und der Stolperschwelle erinnern wir daran, was Menschen anderen Menschen angetan haben. Sie verdeutlichen, dass diese Verbrechen vor unserer Haustüre geschahen. Sie erinnern an das Leid der Opfer und die im deutschen Namen begangenen Verbrechen. Sie mahnen, wachsam zu bleiben gegen Ausgrenzung, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. 

Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit ist heute dringlicher und aktueller denn je. Jedermann kann sich daran beteiligen. 

Eine weitere Stolperschwelle wird gemäß Gemeinderatsbeschluss auf dem Bahnhofsvorplatz am 22.3.2023 erfolgen. Mit ihr soll an die Zwangsarbeiter bei der Bahnmeisterei Meitingen und in der Landwirtschaft in den einzelnen Ortsteilen erinnert werden. 

Weitere Informationen zum Thema Zwangsarbeit in Meitingen und den umliegenden Gemeinden finden sie unter: https://www.zwangsarbeit-meitingen.de  

Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen-Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben

Bürgerreporter:in:

Dr. Bernhard Lehmann aus Gersthofen

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