Zwischen Melancholie und Heimatgefühl
Der Bayerwald als Gefühlsgeschichte
- hochgeladen von Alexander Schug
Der Bayerische Wald ist Landschaft, Lebensraum und Mythos zugleich. Für Alexander Straßner ist er vor allem eines: ein Gefühl. In seinem Buch "Bayerwaldblues – Die Geschichte eines Gefühls" verbindet der Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Regensburg autobiografische Erinnerungen mit einer kulturgeschichtlichen Erzählung über eine Region, deren Eigenheiten Generationen geprägt haben. Entstanden ist kein klassisches Heimatbuch, sondern eine ebenso persönliche wie gesellschaftliche Reflexion über Herkunft, Erinnerung und den Wandel des ländlichen Lebens.
Der Ausgangspunkt ist unspektakulär und gerade deshalb wirkungsvoll. Ein Professor sitzt in seinem Büro, blickt auf Fotografien seiner Eltern und lässt seine Gedanken zurück in die Kindheit schweifen. Aus diesem Moment entwickelt sich eine Erzählung, die den Leser in das kleine Dorf Spiegelhütte am Rand des heutigen Nationalparks Bayerischer Wald führt.
„Ich möchte eine Geschichte erzählen. Meine.“
Von dort aus entfaltet Straßner das Panorama einer Kindheit zwischen Pension, Wirtshaus und Wald. Seine Eltern führen einen Fremdenverkehrsbetrieb, der zugleich Lebensmittelpunkt der Familie ist. Urlaubsgäste, Stammtisch, Dorfbewohner und zufällige Besucher begegnen sich Tag für Tag unter einem Dach. Das Wirtshaus wird zum Mikrokosmos einer ländlichen Gesellschaft, deren Figuren der Autor mit großer Beobachtungsgabe schildert. Skurrile Originale, verschrobene Eigenheiten und tragikomische Alltagsszenen wechseln sich mit Momenten der Herzlichkeit ab.
Dabei interessiert Straßner weniger die nostalgische Verklärung einer vermeintlich besseren Vergangenheit als das genaue Erinnern. Er ist eben auch Chronist und beschreibt den Bayerischen Wald als eine Region voller Gegensätze: rau und herzlich, abgeschieden und zugleich weltoffen durch die Gäste, die seit den 70er-Jahren vermehrt Jahr für Jahr in den Ferienort kommen. Die Natur erscheint ebenso tröstlich wie bedrohlich. Gewitter, dichte Wälder und schneereiche Winter bilden nicht nur die Kulisse, sondern prägen die Lebensweise der Menschen.
Erinnern ist mehr als Sammeln von Anekdoten
Schon früh macht der Autor deutlich, dass Erinnern für ihn weit mehr ist als das Sammeln von Anekdoten. Seine autobiografische Erzählung versteht er ausdrücklich als Versuch, Herkunft zu erklären und Erfahrungen weiterzugeben. Besonders seine eigenen Kinder bilden den Anlass, die Familiengeschichte festzuhalten. „Dieses Buch soll alles sein, eine Lebenserzählung, eine Erklärung, wie das heute Vorfindbare entstanden ist, vielleicht eine Rechtfertigung, aber auch ganz sicher eine Liebeserklärung an meine Heimat, meine Lebensgeschichte und vor allem an meine Eltern …“
Dabei spart der Autor schwierige Seiten nicht aus. Neben humorvollen Episoden stehen Erfahrungen von Entbehrung, Verlust und harter körperlicher Arbeit. Aber auch die Konflikte der Eltern sind offenbar eines seiner Lebensthemen. Gerade diese Mischung verhindert die romantisierende Verklärung. So entsteht das Porträt einer ganzen Generation, die in den 70er/80er-Jahren im Bayerischen Wald aufwuchs.
Die Landschaft als Hauptakteur
Einen besonderen Stellenwert nimmt die Landschaft ein. Spiegelhütte erscheint als abgelegener Ort zwischen Großen Falkenstein und Großem Arber – klein genug, um auf vielen Landkarten kaum aufzufallen, zugleich aber groß genug, um für den Autor zum Mittelpunkt seiner Welt zu werden. Die Wälder, Hügel und Wiesen bilden den Raum, in dem sich Kindheitserinnerungen festsetzen und bis in die Gegenwart nachwirken. Immer wieder beschreibt Straßner, wie Erinnerungen durch Gerüche, Geräusche oder Musik ausgelöst werden. Vergangenheit erscheint dabei nicht als abgeschlossene Epoche, sondern als lebendiger Bestandteil der eigenen Identität. Besonders eindrucksvoll schildert er die Kraft dieser Erinnerungen: „Bilder, Gerüche, Melodien bringen dann die vergangene Wirklichkeit zurück und ermöglichen es mir, das konkrete Gefühl des jeweiligen Tages wachzurufen …“
Der Titel "Bayerwaldblues" verweist deshalb weniger auf eine besonders ausgeprägte Traurigkeit des Autors als auf eine letztlich fröhliche Form der Melancholie – auf das Bewusstsein, dass Kindheit und Heimat unwiederbringlich vergangen sind und dennoch das eigene Leben prägen. Dieses Gefühl durchzieht das gesamte Buch, ohne sentimental zu wirken.
Literarisch bewegt sich Straßner zwischen autobiografischer Erzählung, Dorfchronik und kulturgeschichtlicher Beobachtung. Sein Stil ist bildreich und humorvoll, häufig selbstironisch und geprägt von genauer Menschenkenntnis. Viele Episoden leben vom Dialekt, von pointierten Dialogen und vom Gespür für die Komik des Alltags. Gleichzeitig gelingt es dem Autor, aus persönlichen Erinnerungen allgemeinere Fragen abzuleiten.
Dass Straßner heute Professor für Politikwissenschaft ist, bildet dabei einen interessanten Kontrast zu seiner Herkunft. Die wissenschaftliche Distanz verbindet sich mit der Perspektive des Kindes, das seine Heimat nie ganz verlassen hat (und heute auch wieder in den Ort seiner Kindheit gezogen ist). Gerade dadurch gewinnt die Erzählung an Authentizität.
"Bayerwaldblues – Die Geschichte eines Gefühls" ist damit weit mehr als eine autobiografische Rückschau. Das Buch erzählt vom Leben im Bayerischen Wald, von einer verschwundenen Alltagskultur und von Menschen, deren Geschichten exemplarisch für eine ganze Region stehen. Es ist zugleich Familiengeschichte, Milieustudie und Memoir – und vor allem der Versuch, jenes schwer greifbare Gefühl zu beschreiben, das der Autor selbst den „Bayerwaldblues“ nennt.
Bürgerreporter:in:Alexander Schug |
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