Assyrische Christen
Assyrischen Christen zur Rückkehrdebatte in Syrien
- hochgeladen von Charli Kanoun
Stellungnahme der Assyrischen Christen zur Rückkehrdebatte in Syrien
Im Namen des Assyrischen Kulturvereins e. V. Saarlouis sowie der Assyrischen Autonomiebewegung e. V. Saarland wenden wir uns mit großer Besorgnis an die deutsche Öffentlichkeit und an politische Entscheidungsträger. Anlass ist der Besuch von Al-Scharaa sowie die damit verbundenen politischen Forderungen, wonach bis zu 80 % der in Europa lebenden Syrer zur Rückkehr bewegt oder gedrängt werden sollen.
Diese pauschale Forderung verkennt die komplexe Realität Syriens und wird der Vielfalt seiner Bevölkerung nicht gerecht. Syrien besteht aus unterschiedlichen religiösen, ethnischen und gesellschaftlichen Gruppen – mit völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten und Sicherheitslagen.
Besonders alarmierend ist, dass Al-Scharaa unter dem Namen Mohammed al-Jolani international bekannt wurde und unter diesem Namen führend in jihadistischen Strukturen aktiv war. Er steht im Zusammenhang mit Gruppen, die für Gewalt, Terror und die gezielte Verfolgung von Minderheiten verantwortlich gemacht werden. Viele Menschen – insbesondere Christen und andere religiöse Minderheiten – verbinden mit diesem Namen Angst, Vertreibung und existenzielle Bedrohung. Dass eine solche Person heute als Übergangspräsident auftritt, wirft schwerwiegende Fragen auf. Vertrauen, Sicherheit und Zukunftsperspektiven lassen sich nicht durch politische Titel herstellen, sondern nur durch glaubwürdige Veränderungen und Garantien – und diese sind derzeit nicht erkennbar.
Hinzu kommt eine besorgniserregende Entwicklung der Islamisierung in Teilen Syriens. Frauen werden zunehmend in ihrer Freiheit eingeschränkt, z. B. durch gesellschaftlichen oder politischen Druck, sich bestimmten Kleidungsvorschriften zu unterwerfen, sich nicht öffentlich zu schminken oder sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. In manchen Regionen kommt es zudem zur Trennung von Männern und Frauen im öffentlichen Raum sowie zu einer schleichenden Verdrängung von religiöser Vielfalt.
Für Christen und andere Minderheiten bedeutet dies eine zusätzliche Bedrohung. Die jüngsten Angriffe auf christliche Gemeinden, Kirchen und Einrichtungen zeigen deutlich, dass von Sicherheit keine Rede sein kann. Gewalt, Einschüchterung und Diskriminierung sind weiterhin Realität.
Wir als assyrische Gemeinschaft stellen klar:
Wir sind eine indigene, christliche Minderheit – und unsere Situation ist nicht vergleichbar mit der Mehrheit der syrischen Bevölkerung.
Es muss offen ausgesprochen werden:
Ein großer Teil der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung kann unter bestimmten Umständen und in bestimmten Regionen Syriens vergleichsweise eher und ohne gezielte Verfolgung in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren.
Für assyrische Christen hingegen stellt sich die Lage grundlegend anders dar. Unsere Heimatregionen wurden systematisch zerstört, unsere Dörfer entvölkert, unsere Kirchen angegriffen und unsere Existenz über Jahre hinweg ausgelöscht. Für viele von uns gibt es keine funktionierende Infrastruktur, keine Sicherheit und oft nicht einmal mehr eine Heimat, in die man zurückkehren könnte.
Eine undifferenzierte Rückführungspolitik, die diese entscheidenden Unterschiede ignoriert, ist nicht nur verantwortungslos – sie ist gefährlich. Sie setzt diejenigen aufs Spiel, die ohnehin zu den verletzlichsten Gruppen gehören.
Wir fordern daher:
• Eine klare Unterscheidung zwischen Mehrheitsbevölkerung und gefährdeten Minderheiten
• Die ausdrückliche Anerkennung, dass assyrische Christen nicht unter denselben Bedingungen leben wie große Teile der sunnitischen Bevölkerung
• Den uneingeschränkten Schutzstatus für assyrische und andere religiöse Minderheiten
• Eine Politik, die sich an realen Sicherheitslagen orientiert – nicht an pauschalen Zahlen
Europa darf nicht den Fehler machen, alle Syrer gleich zu behandeln, wenn ihre Lebensrealitäten so grundverschieden sind.
Wir sind kein Teil einer einheitlichen Masse. Wir sind ein bedrohtes Volk, dessen Überleben besondere Aufmerksamkeit und Schutz erfordert.
Mit freundlichen Grüßen
Assyrischer Kulturverein e. V. Saarlouis
(Vorsitzender: Charli Kanoun)
Assyrische Autonomiebewegung e. V. Saarland
(Vorsitzender: Majed Bahi)
Bürgerreporter:in:Charli Kanoun |
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