DER BEISPIELBESUCH EINER BEISPIELFAMILIE
FAMILIE MUSTERMANN AUF DER FRONLEICHNAMSKIRMES
- hochgeladen von Nina Benninghoff
Wir begleiten heute Familie Mustermann zur Sterkrader Fronleichnamskirmes in Oberhausen.
Familie Mustermann: das sind Papa Max Mustermann, Mama Monika Mustermann und die beiden Kinder Milan und Marie Mustermann.
Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln empfiehlt sich nicht nur für Familie Mustermann, sondern auch für alle anderen Besucher. Parkplätze sind rar gesät und bei den ganzen Straßensperrungen und Umleitungen durch die Kirmes macht das Autofahren auch nicht wirklich Spaß.
Die Eltern haben sich gedacht, am besten schon kurz nach der Öffnung um 11Uhr dort zu sein, um den Menschenmassen zu entgehen, was nur kurz und bedingt möglich war.
Blinkende Lichter, laute Musik vom Fahrgeschäft auf der linken Seite, andere laute Musik vom Fahrgeschäft auf der rechten Seite, nochmal andere Musik vom Fahrgeschäft aus dem Hintergrund, verschiedenste Gerüche und Rekommandeure, deren Stimmen sich alle irgendwie gleich anhören.
Schon nach 5 Minuten hat Marie Hunger auf einen Crepes. "Aber du hast doch vorhin erst gefrühstückt" ,mahnt Mama Mustermann.
"Ach lass sie doch. Kirmes ist doch nur 1x im Jahr" , entgegnet ihr Mann und fragt den Sohn, ob er auch einen möchte.
Während Milan sich sofort für den Nutella Crepes für 5€ entscheidet, überlegt Marie noch bei der ganzen Auswahl. Soll sie einen mit Kinderschokolade (5€), mit Smarties (6€) oder Banane und Nutella (7€) nehmen? Es wird der Smarties Crepes und die ersten 10€ für zwei Crepes sind weg.
Nach der Stärkung geht es weiter Richtung Autoscooter. Beide Kinder möchten gerne damit fahren. Preis pro Fahrt 4 Euro. Und da sowohl Milan als auch Marie jeder ein eigenes Fahrzeug haben möchten, damit sie selber steuern können, kommen 8€ an Ausgaben hinzu. Papa Max Mustermann muss sich zu seiner Tochter in den Autoscooter setzen, da sie ihn gerne an ihrer Seite haben möchte. Während Vater und Tochter von Milan verfolgt und gerammt werden, merkt Mama Mustermann, dass sie jetzt auch ein kleines Hüngerchen verspürt; und das obwohl sie vorhin erst gefrühstückt hat. Eine Oliven-Käse-Brezel soll es sein; nicht zu fettig und zu mächtig. 5€ bezahlt sie dafür.
Die Kinder steigen begeistert aus dem Autoscooter. "Hast du gesehen wie ich den zwei Jungen ausgewichen bin?" ,fragt Milan völlig aufgeregt. "Das hat riesig Spaß gemacht."
Weiter geht es für Familie Mustermann. Fast zeitgleich entdecken die Kinder "Octopussy". Ein Fahrgeschäft, was sich im Kreis dreht, wellenartig hebt und senkt und wild rotiert. "Mama, Papa, da müssen wir alle zusammen rein" , hört man zeitgleich die Kinder sagen. Der Fahrpreis pro Person beträgt hier 4,50€ , kauft man allerdings 4 Fahrchips so bezahlt man 17€. Und so gehen Mutter mit Tochter, Vater mit Sohn in eine Gondel und 17€ in die Kasse des Betreibers.
Nach viel Geschrei und auch ein wenig "Bauchgefühl" bei Marie setzt die Familie ihren Spaziergang über die Kirmes fort. Milan hat schon von weitem den "Fortress Tower" entdeckt. 80 Meter freier Fall. Er ist nicht mehr zu halten. Die Kinder aus seiner Klasse waren da natürlich alle drauf. Klar, dass er jetzt auch zeigen will, dass er keine Angst hat. Zum Glück verträgt Papa Max Mustermann nahezu jedes Karussell, denn er ist doch etwas besorgt und möchte seinen Sohn hier nicht alleine drauf lassen. Während Mama noch nötige Instruktionen von Milan bekommt, wo sie sich am besten mit dem Handy hinstellt, um seine Fahrt zu filmen, kauft Papa zwei Fahrchips, á 7€ pro Person. Somit 14€, die sie für den freien Fall ausgeben, der spektakulärer angekündigt wurde als er eigentlich war. Das sagt zumindest der Vater. Zudem hat er noch eine Erkenntnis gewonnen; nämlich, dass er jetzt auch Hunger hat. Die Familie setzt sich an einen der Tische und läutet die Mittagessenszeit ein.
Der Duft vom Prager Schinken liegt Max Mustermann in der Nase. Als Tellerportion mit Brötchen, Krautsalat und Dressing liegt dieser bei 16€. Seine Frau, die die Finanzen versucht im Blick zu halten, kann ihn überzeugen, den Prager Schinken im Brötchen mit Krautsalat und Dressing für 9€ zu nehmen. Zudem darf er die restlichen Pommes von Marie noch aufessen, die ihre Portion nicht schafft, was aber nichts mit der Größe der Portion, sondern ihrem "Aufgeregt sein" zu tun hat. Die Mutter sagt: "Gut, dass du nur eine kleine Portion genommen hast. Sonst hätte Papa noch mehr Pommes essen müssen." Dabei macht es dem Vater gar nichts aus. Er hat immer einen gesegneten Appetit und kann so einiges verdrücken. Die kleine Portion Pommes kostet 5€.
Milan verzehrt die Bratwurst vom Grillstand für 4€ und macht Papa direkt ein Kompliment: "Wenn du grillst, schmeckt die Wurst irgendwie besser." Mama schmunzelt und versenkt ihre Gabel in der kleinen Portion original schwäbischer Käsespätzle, die mit Röstzwiebeln und Schnittlauch bei 7€ liegt. Um nicht noch mehr auszugeben, verzichtet sie auf wahlweise Zusätze wie Speck (1€ mehr) oder Pfifferlinge (2€ mehr).
Damit das Essen besser rutscht, holt das Familienoberhaupt eine Runde Getränke. Eine Apfelschorle (3,50€) für Marie, ein Wasser für seine Frau (3€) und für den Sohnemann und sich selbst jeweils eine Cola (3,50€ pro Cola). Zusammen sind das 13,50€, die runtergespült werden.
Der Vater lächelt, sagt, dass er gleich wieder kommt und verschwindet kurz. Zurück kommt er mit zwei Schnapsgläsern. Eines davon reicht er seiner Frau. "Hier Schatz." Die Eltern stoßen mit ihren Gläsern an und geben sich ein Küsschen.
Monika Mustermann versucht ihre Kinder aufzuklären: "Das ist der bekannte Gummibärchenschnaps. Den haben euer Vater und ich bei jedem Kirmesbesuch getrunken. Also auch schon, als es euch noch gar nicht gab."
Viele kennen das Kultgetränk beim Steinmeister, was in diesem Jahr 3,30€ kostet. Für das flüssige Aufleben alter Erinnerungen zahlen die Eltern also 6,60€.
"Papa, habt ihr eigentlich früher auch Lose gezogen?" ,fragt Marie mit Hintergedanken. "Natürlich!" , ruft der Vater. "Dann können wir das ja jetzt auch machen; aus Erinnerungsgründen" , kontert Marie.
"Nein" , mischt sich die Mutter ein, "das ist doch viel zu teuer. Ich habe im Vorbeigehen die Preise an einer Losbude gesehen. Zehn Lose kosten ja schon 5€ und bei zwanzig Losen muss man 8€ bezahlen. Und was vernünftiges kann man dabei sowieso nicht gewinnen."
"Und ich möchte nicht wissen, wie alt die Kuscheltiere schon sind, die man dort gewinnen kann" ,ergänzt der Vater.
"Bitte, bitte, bitte" , quengelt Marie, "ich bezahle die Lose auch von meinem Taschengeld." Die Eltern sehen sich mit einem "Was-nun?-Blick" an.
"Ach Marie, du kannst dein Geld doch lieber für was vernünftiges ausgeben. Du sparst doch auch für die neuen Kopfhörer." Monika Mustermann schüttelt den Kopf. Die Eltern stehen auf und die Kinder folgen; Milan voller Euphorie auf noch kommende Fahrgeschäfte und Marie sauer, weil das Thema Lose nicht zu ihren Gunsten ausgegangen ist.
Wie der Zufall es will, kommen sie nach ein paar Metern an einer weiteren Losbude vorbei. Das Schild "Sonderangebot, 1 Tüte, 25 Lose, 5€" zieht die Tochter nahezu magisch an. "Mama, schau mal. Hier gibt es sogar 25 Lose für 5€. Bitte. Ich bezahle die auch selber."
"Ok", sagt die Mutter, "aber es bleibt bei der einen Tüte. Egal, ob dir noch ein Los zum Hauptgewinn fehlt oder nicht. Wir holen keine neuen Lose mehr." "Jahaaaaaaa" , entgegnet Marie und hüpft vor Freude von einem Bein auf das andere. Während Marie den 5€ Schein, den die Mutter ihr gegeben hat an den Losverkäufer weiter reicht, nimmt Herr Mustermann seine Frau in den Arm und erinnert sich mal wieder an früher: "Wenn ich daran denke, dass wir früher die gleichen Diskussionen mit unseren Eltern hatten....."
Natürlich gewinnt Marie nicht den Hauptgewinn und darf sich einen Trostpreis aussuchen. "Die Trostpreise sind auch wie früher" , sagt Papa Mustermann lachend, "mit etwas Glück halten sie bis zum Ende der Kirmes."
Marie muss zur Toilette. Die Mutter auch. Milan und der Vater dann auch. Das kostet 1€ pro Person. Max Mustermann bezahlt 4€ Toilettengeld für alle zusammen und meckert: "Vier Euro, da bekomme ich ein ganzes Paket Toilettenpapier für." Seine Frau stößt ihm in die Seite und lacht: "Aber nur zwei-lagiges, Schatz."
Einige Meter weiter lockt schon die nächste Versuchung: Ringe werfen. Nach einem "Auf gar keinen Fall" von Mama Monika geht es weiter. Im Kopf der Mutter brodelt es: So ein Scheiss. Man trifft kaum und wenn, dann rutschen die Ringe eh nicht ganz runter. Das ist doch rausgeschmissenes Geld.
So hat die Familie Geld gespart, was sie aber an diesem Tag noch anders investieren wird. Der Ringpreis war gestaffelt. Vier Ringe hätten 3€ gekostet. Man hätte auch 85 Ringe für 50€ kaufen können. Vermutlich gibt es den ein oder anderen (Bekloppten), der das auch macht.
Die Wildwasserbahn war zum Glück an diesem Tag nicht so interessant, da das Wetter nicht so dolle war und die nassen Klamotten im Anschluss nur schwer getrocknet wären. Und es gibt weitaus schöneres als nass über die Kirmes zu laufen.
Die Familie blieb an einem Stand stehen, der die Aufmerksamkeit der männlichen Familienmitglieder auf sich zog. Torwandschießen. Von 5 Schuss, die 6€ kosten, müssen drei rein gehen, damit man sich ein Trikot als Preis aussuchen darf. Milan hatte sich im Kopf schon ein Wunschtrikot ausgesucht. Der Vater war nicht so ganz einverstanden. "Komm wir gehen weiter. Wir können lieber auf "The Beast" gehen. Das ist das mit Hulk. Da wollten wir doch rein. Du hast ja auch bald Geburtstag. Da kannst du dir ja ein Trikot wünschen."
Milan stimmt zu: "Ok." Er will jetzt Spaß haben und weiß, dass seine Trikotzeit noch kommen wird; spätestens am Geburtstag. Während Vater und Sohn sich den Adrenalinkick für 5€ pro Person geben, entleert ein blasser Mann seinen Magen vor Marie und der Mutter. "Iiiieeeh, der kotzt." Die Mutter zieht die schreiende Tochter zur Seite. "Nicht hingucken."
Nach der wilden Karussellfahrt für 10€ kommen die Männer zu den weiblichen Familienmitgliedern. Milan sieht etwas mitgenommen aus. "Mir ist schlecht." Marie dreht sich weg: "Jetzt muss Milan auch kotzen."
"Muss er nicht. Komm Milan setz dich hin und ruh dich was aus." Max Mustermann legt den Arm um seinen Sohn und bringt ihn zu einer Bank.
Die anderen setzen sich zu ihm. Gemeinsam beobachten sie das bunte Kirmestreiben, das laute Auf-und-Ab der Karussells, die aus den verschiedensten Gründen schreienden Menschen und die armen Hunde. Die Hunde, die mit eingezogenem Schwanz versuchen bei den ganzen Gerüchen und Gräuschen, bei der Enge und dem Gedränge, Herr der Lage zu werden. Familie Mustermann versteht nicht, wie man sein Tier mitnehmen und so einem Stress aussetzen kann.
Papa hat Milan eine Cola für seinen Kreislauf (3,50€) geholt und eine Fanta für Marie (3,50€). Mama wollte nichts. Von daher hat Max Mustermann 7€ gegen zwei zuckerhaltige Flüssigkeiten getauscht.
Nach einer Weile kehrt die Farbe wieder in Milans Gesicht zurück. Marie hat noch mehr Lust auf Süßes und ihr fällt wieder ein, dass Oma gesagt hat, sie sollen alle ein Eis auf ihre Kosten essen. Sie würde die Familie einladen. Für viele Kirmesbesucher ist ein Schmalhaus Eis Pflicht. Es gibt vier Sorten (Sahne, Nuss, Erdbeere, Schokolade) und vier Portionsgrößen und somit natürlich auch vier Preise (2,50€, 3,50€, 4,50€, 5,50€). Monika, Milan und Marie Mustermann nehmen jeweils ein kleines Eis für 2,50€. Mama macht ein Selfie von sich und den Kids, um es der Großmutter zu schicken. Max Mustermann ist nicht so der Eis-Fan. Während seine Familie 7,50€ in drei Eis investiert hat, holt er sich lieber noch am Fischstand einen Bismarckhering im Brötchen für 5€.
Der Vater hat den letzten Bissen noch im Mund als er sich am Bierstand ein Altbier für 4€ holt, was er hastig entleert. Seine Frau guckt ihn ungläubig und ein wenig grimmig an. Er geht auf sie zu. "Ach Moni, jetzt guck nicht so. Der Fisch muss schwimmen."
"Und wir sollten langsam mal nach Hause", entgegnet die Ehefrau, "wir sind schon lange hier und haben heute genug Geld ausgegeben. Kommt, wir laufen jetzt Richtung Bushaltestelle."
Die Familie macht sich auf den Weg. Ein Weg, der mit weiteren Fahrgeschäften und Verkaufsständen gepflastert ist und der Mutter immer wieder ein "Nein", "Das gibt es nicht" oder ein "Dafür haben wir kein Geld mehr" entlockt. Vater Mustermann ist selig. Er hatte Spaß, hat lecker gegessen und getrunken und hat jetzt die nötige Bettschwere, so dass er still hinterher trottet.
Monika Mustermann blickt sehnsüchtig nach oben: das Riesenrad. Wie gerne würde sie jetzt eine Runde damit fahren. Der Lautstärke und dem Trubel der Kirmes entgehen und alles von oben still und leise beobachten. Aber 7,50€ für eine Fahrt? Nein, das ist sie nicht bereit zu zahlen.
Kurz vor der Bushaltestelle lockt ein süßer Verkaufssalon. "Können wir noch Popcorn mitnehmen?", fragt Milan. Die Mutter lächelt. "Geht ihr schon mal mit Papa zur Haltestelle vor. Ich hole das Popcorn und komme dann nach." Sie bestellt eine mittlere Portion Popcorn für 4€ und 100 Gramm von den Yogurette Mandeln für 5€. Diese steckt sie sich heimlich und schnell in die Handtasche. Heute Abend, wenn alle im Bett sind, wird sie die Mandeln auf dem Sofa genießen. Ganz alleine und in aller Ruhe.
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Das war nur eine Beispielgeschichte, wie ein möglicher Kirmesbesuch aussehen kann. Familie Mustermann hat insgesamt 150,60€ für 4 Personen auf der Kirmes bezahlt. Die Preise der Sterkrader Fronleichnamskirmes sind in diesem Jahr erneut gestiegen. Ich weiß, dass die Kirmesbetreiber auch höhere Kosten haben. Alles ist teurer geworden. Es gibt Menschen, die sich einen Kirmesbesuch nicht mehr leisten können. Und leider auch Menschen, die sich einen Kirmesbesuch eigentlich nicht leisten können und dennoch Unmengen an Geld dort ausgeben, was sie eigentlich für andere Dinge benötigen.
Man kann aber auch die Kirmes besuchen und sparsam sein. Eine Tasche mit Getränken und Snacks mitnehmen, spart Kosten. Und mit den Familienmitgliedern sollte im Vorfeld geklärt werden, auf wievielen Karussells sie fahren dürfen. Das erspart Ärger und Geld. Zudem werden auf Kirmessen Familientage oder die "Happy Hour" angeboten, was auch den ein oder anderen Euro einspart.
Bürgerreporter:in:Nina Benninghoff |
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