Diskussionsstile Soziale Medien
Ohne Zorn und Eifer - Tacitus im Taxi

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
6Bilder
  • Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
  • hochgeladen von Didi van Frits

Tacitus im Taxi: Auf meiner neuen Delft-Kachel sitze ich hinten in einer großen Limousine. Vorne lenkt ein Chauffeur mit ruhiger Hand den Wagen, während ich im Fond einen Schreibblock auf den Knien halte. Das gefällt mir. Einer lenkt das Fahrzeug, der andere den Satz. Bei vielen Diskussionen scheint diese vernünftige Arbeitsteilung verlorengegangen zu sein. Dort sitzt der Zorn am Steuer, der Eifer tritt aufs Gaspedal, und der Geifer bedient die Hupe.

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus stellte an den Anfang seiner *Annalen* die berühmte Schreibmaxime: *Sine ira et studio*. Übersetzt wird sie häufig mit „ohne Zorn und Eifer“, genauer vielleicht mit „ohne Zorn und Parteilichkeit“.

Ich habe mir erlaubt, die geläufige Übersetzung um einen einzigen Buchstaben zu erweitern:

Ohne Zorn und Geifer.

Ein kleiner Buchstabe nur – aber ein großer Fortschritt für die Debattenkultur.

Tacitus wollte die Geschichte der römischen Kaiser weder aus Furcht vor den Mächtigen noch aus nachträglichem Hass auf sie erzählen. Denn solange ein Kaiser regierte, wurde über ihn aus Angst gelogen. War er erst tot, wurde aus Verbitterung über ihn geschrieben. Zwischen diesen beiden Formen der Unzuverlässigkeit suchte Tacitus einen Weg für das Urteil.

Das bedeutete nicht, dass er gefühllos schrieb. Im Gegenteil: Bei Tacitus knistert es in beinahe jedem Satz. Er kannte Macht, Heuchelei, Feigheit und die geschmeidige Beweglichkeit von Menschen, die sich rechtzeitig vor dem neuen Herrscher verbeugen. Aber er wollte seine Beobachtungen nicht vom Zorn chauffieren lassen.

Denn der Zorn ist ein schlechter Fahrer. Er kennt nur zwei Geschwindigkeiten: Vollgas und Auffahrunfall.

Es ist anzunehmen, dass Tacitus seinen griechischen Vorgänger Thukydides gelesen hatte. Dieser hatte über den Peloponnesischen Krieg geschrieben und sich dabei vorgenommen, weder der erstbesten Erzählung noch dem eigenen ersten Eindruck zu vertrauen. Berichte sollten geprüft, Aussagen verglichen und Ereignisse so genau wie möglich rekonstruiert werden.

Schon damals muss das eine anstrengende Beschäftigung gewesen sein.

Staatsoberhäupter, Feldherren und politische Diskussionsführer pflegen nämlich eine besondere Vorstellung von historischer Genauigkeit: Genau ist eine Darstellung vor allem dann, wenn sie ihnen recht gibt. Andernfalls fehlt angeblich der Zusammenhang, die Überschrift ist tendenziös oder der Verfasser hat die geopolitische Lage nicht ausreichend berücksichtigt.

Thukydides schrieb trotzdem weiter.

Vermutlich hätte man ihm heute unter seinem Text mitgeteilt, er solle zunächst seine Quellen offenlegen. Hätte er sie offengelegt, wären die Quellen für unglaubwürdig erklärt worden. Danach hätte jemand sein Profilbild untersucht und festgestellt, dass er schon immer ein Feind Athens, Spartas oder der gesamten griechischen Lebensweise gewesen sei.

So erspart man sich die lästige Beschäftigung mit dem Argument.

Umso mehr freute es mich, als der kanadische Premierminister Mark Carney im Januar 2026 in einer Rede in Davos ausgerechnet Thukydides erwähnte. Er bezog sich auf den berühmten Gedanken aus dem Melierdialog, wonach die Starken tun, was sie können, während die Schwachen erleiden, was sie müssen. Carney erwähnte diesen Satz nicht, um sich ihm zu ergeben, sondern um der Vorstellung zu widersprechen, diese brutale Logik sei ein unabwendbares Naturgesetz.

Ein Regierungschef, der in einer Rede Thukydides bemüht und nicht nur die neuesten PowerPoint-Folien seiner Berater, gibt Anlass zu vorsichtiger Hoffnung.

Es stirbt also noch nicht aus, sich von der Nüchternheit antiker Schriftsteller leiten zu lassen.

Etwas Ähnliches hatte vielleicht Walter Kempowski im Sinn, als er für sein gewaltiges *Echolot* Briefe, Tagebücher, Erinnerungen, Fotografien und andere Zeugnisse aus dem Zweiten Weltkrieg zusammentrug. Auch Soldatenbriefe standen dort neben den Stimmen von Zivilisten, Verfolgten, Tätern, Opfern, Berühmten und Namenlosen.

Kempowski stellte sich nicht mit erhobenem Zeigefinger vor jedes Dokument. Er ließ die Stimmen nebeneinanderstehen. Gerade dadurch begannen sie, einander zu widersprechen, zu ergänzen und manchmal zu entlarven.

Die Deutungshoheit wurde nicht durch eine neue Deutungshoheit ersetzt. Sie wurde unruhig gemacht.

Das ist eine Kunst, die uns in den sozialen Medien weitgehend abhandengekommen ist. Dort wird nicht lange abgewogen. Kaum hat jemand einen Gedanken ausgesprochen, wird nicht mehr der Gedanke untersucht, sondern der Mensch, der ihn geäußert hat.

Er ist dann gekauft, verblendet, naiv, verbittert oder moralisch verwahrlost. Seine Kindheit war vermutlich schwierig, seine politische Vergangenheit zweifelhaft und sein letzter Urlaub verdächtig teuer. Hat man erst den Menschen erledigt, braucht man sich um seinen Gedanken nicht mehr zu kümmern.

Der Geifer ist dabei besonders praktisch. Er muss nichts beweisen. Er muss nur spritzen.

Natürlich ist Zorn nicht grundsätzlich verwerflich. Es gibt Zustände, über die man zornig sein muss. Wer angesichts von Krieg, Ungerechtigkeit, Armut oder Menschenverachtung vollkommen ungerührt bleibt, besitzt vielleicht kein unabhängiges Urteil, sondern nur einen gut gepolsterten Sessel.

Der Zorn kann uns zeigen, dass etwas nicht stimmt. Aber er kann uns nicht allein erklären, warum es nicht stimmt. Er ist ein Warnlicht, kein Navigationsgerät.

Auch Eifer ist nicht nutzlos. Ohne Eifer würde kein Buch geschrieben, kein Archiv geordnet und vermutlich nicht einmal ein Leserbrief beendet. Doch der Eifer muss bereit sein, an einer roten Ampel anzuhalten. Er muss einen Gegenbeweis zur Kenntnis nehmen und gelegentlich sogar den peinlichen Satz aussprechen:

„Da habe ich mich geirrt.“

Dieser Satz ist in den sozialen Medien ungefähr so selten wie ein Chauffeur für Schriftsteller.

*Sine ira et studio* bedeutet deshalb für mich nicht, ohne Haltung zu schreiben. Es bedeutet auch nicht, so lange beide Seiten zu betrachten, bis man nicht mehr erkennt, auf welcher Seite ein Mensch geschlagen und auf welcher der Schlagstock gehalten wird.

Es bedeutet, die Tatsachen nicht passend zu machen, nur weil die eigene Empörung bereits eine Meinung bestellt hat.

Auf meiner Delft-Kachel fährt die Limousine inzwischen weiter. Vorne sitzt der Chauffeur, hinten sitze ich mit meinem Schreibblock.

Ich schlage folgende Sitzordnung vor:

Die Nüchternheit kommt ans Steuer.
Der Eifer darf die Landkarte halten.
Der Zorn kann mitfahren – aber nur angeschnallt.

Der Geifer bleibt an der Raststätte.

So erreichen wir unser Urteil vielleicht nicht schneller.

Aber möglicherweise ohne Unfall.

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol High
Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

Webseite von Didi van Frits
Didi van Frits auf Facebook
Didi van Frits auf YouTube

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

25 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.