Maybrit Illner Talkshow
Dobrindt quasselt Reichinnek rein - Wettlauf!

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Manchmal wünscht man sich, Maybrit Illner hätte einen dicken, roten Abschalt-Buzzer vor sich auf dem Tisch. Wer gerade nicht gefragt ist, bekommt den Saft abgedreht. Am Mikrofon. Am Donnerstagabend hieß die Sendung „Zumutungen abgewählt – Wettlauf um Gerechtigkeit?“. Beim Wortgefecht zwischen Alexander Dobrindt und Heidi Reichinnek wurde daraus zeitweise ein Wettlauf um die Tonspur. Beide redeten, Illner redete dazwischen. Drei Stimmen, kein Durchkommen. Der Zuschauer durfte sich die Gesprächsordnung zu Hause selbst zusammenbauen.

Dobrindt wirkte dabei, als habe er die Zuständigkeit seines Innenministeriums auf die Sätze anderer Leute ausgedehnt. Reichinnek durfte zwar einen Satz beginnen. Ob sie ihn aber zu Ende brachte, entschied offenbar die bayerische Grenzkontrolle. Dann verspricht sich Illner. Über Elif Eralp sagt sie: „Sie ist Antisemitin“, und korrigiert sofort: „Sie ist keine Antisemitin.“ Dobrindt kommentiert: „Ja, doch.“ Reichinnek reagiert empört und nennt es „wirklich widerlich“, Eralp so zu bezeichnen. Ein bemerkenswerter Augenblick: Die Moderatorin repariert ihren Satz, der Innenminister möchte das defekte Teil gern behalten. So günstig kommt man selten an eine Anschuldigung. Andere müssen dafür wenigstens ein Argument formulieren. Dobrindt braucht einen Versprecher und zwei Silben.

Dahinter steht die Berliner Koalitionsfrage. SPD und Grüne könnten mit der Linken regieren oder aber mit der CDU. Die Linke hat die Wahl zwar gewonnen; welche Regierung daraus wird, ist momentan noch offen. Dobrindts Auftritt klingt für mich nach dem Versuch, die Verhandlungen schon einmal mit ausreichender Lautstärke in die gewünschte Richtung zu pressen.

Man sieht ihn förmlich mit seinem spitzen Finger in der politischen Wunde süffisant herumkratzen. Neukölln, Antisemitismus, Kontakte ins Clan-Milieu: Da gibt es Fragen, die beantwortet werden müssen. Der Minister scheint nur wenig Geduld für Antworten zu haben, sobald Reichinnek sie geben möchte.

Dabei räumte Reichinnek ausdrücklich ein, dass auch ihre Partei ein Antisemitismusproblem habe. Sie verwies auf die Schwierigkeiten von Parteiausschlüssen und versicherte, sich dem Problem zu stellen. Daran muss sich die Linke messen lassen. Ein Parteibuch ist schließlich keine Schutzimpfung gegen Judenhass.

Aber eine konkrete Anschuldigung muss konkret begründet werden. Kritik an der israelischen Regierung, Einsatz für palästinensische Rechte, Antisemitismus und organisierte Kriminalität sind verschiedene Dinge. Wer alles in denselben Sack stopft, sollte wenigstens nicht behaupten, er habe gerade besonders gründlich sortiert.

Nun warnt der Zentralrat der Juden SPD und Grüne vor einer Koalition mit der Linken. Das hat Gewicht. Gleichzeitig stellen sich aber 150 Berliner Jüdinnen und Juden in einem offenen Brief hinter ein linkes Regierungsbündnis. Darunter Eva Menasse, Schriftstellerin und ehemalige Vorsitzende des PEN Berlin, die Musikerin Merrill Nisker alias Peaches, die Lyrikerin und Essayistin Esther Dischereit, die Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, Susan Neiman, der US-amerikanische Videograph Arun Chaudhary, der Filmemacher Udi Aloni, die Schriftstellerin Irene Dische, die Historiker Adam Raz und Ben Miller, der Völkerrechtler Itamar Mann, die Politologin Emilia Zenzile Roig, die Publizistin Deborah Feldman und die Sozialwissenschaftlerin Vered Berman. Sie widersprechen der pauschalen Darstellung, die Linke gefährde jüdisches Leben in Berlin.

Wie unbequem. Da möchte man im Namen jüdischer Menschen eine politische Eindeutigkeit herstellen, und plötzlich melden sich jüdische Menschen mit einer anderen Meinung.

Wer ihre Sorgen ernst nimmt, muss auch diesen Stimmen zuhören. Die Unterzeichnenden sprechen von steigenden Mieten, überlasteten Schulen und sozialer Unsicherheit. Sie möchten in dieser Stadt sicher leben – und sich das Leben dort leisten können. Das passt ziemlich genau zum angekündigten Thema der Sendung.

150 Unterschriften erledigen keinen konkreten Antisemitismusvorwurf. Die Warnung des Zentralrats ersetzt umgekehrt keine Prüfung jedes Einzelfalls. Jüdisches Leben ist vielfältig. Es eignet sich schlecht als fertig beschriftetes Schild, das man dem politischen Gegner vor die Tür stellt.

Ich bleibe deshalb bei meinem Vorschlag mit dem roten Mikrofon-Abschaltknopf. Wer nicht dran ist, schweigt einen Augenblick. Vielleicht könnte man dann sogar erfahren, was die Bundesregierung gegen die Zumutungen des Alltags unternehmen will.

Das hätte freilich einen Nachteil für den Innenminister: Plötzlich müsste er Antworten liefern, die länger sind als „Ja, doch“.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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