Sachsen-Anhalt
Die doppelte Sueddeutsche Zeitung - AfD-Hilfe aus Moskau

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Es gibt Dinge, die sich verdoppeln, sobald Russland die Finger hineinsteckt. Staaten bekommen plötzlich eine zweite Regierung, Wahlen eine zweite Auszählung und Zeitungen eine zweite Wahrheit. Nun hat es die „Süddeutsche Zeitung“ erwischt. Die eine erscheint in München. Die andere offenbar in einem digitalen Hinterzimmer, in dem russische Kampagnenarbeiter bei kaltem Tee darüber beraten, wie man Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl noch rasch mit ein paar fetten Lügen durcheinanderbringen könnte.

Denn die politische Lage ist aus Moskauer Sicht bedenklich. Die AfD liegt zwar weit vorn, aber noch gibt es in Magdeburg einen Ministerpräsidenten namens Sven Schulze. Und solange ein demokratischer Ministerpräsident nicht freiwillig verschwindet, muss man ihm eben ein Verbrechen andichten. Das geht heute schneller als früher ein Einmarsch. Man braucht keine Panzerkolonne, keinen Marschbefehl und keine schlecht sitzende Uniform mehr. Es genügen ein Computer, das Logo einer angesehenen Zeitung und jemand, der beim Abschreiben deutscher Internetadressen beinahe fehlerfrei arbeitet. Die echte Zeitung findet man unter „sueddeutsche.de“. Die russische Sonderausgabe residiert unter „sueddeutsch.com“.

Es fehlt nur ein kleines „e“. Dieses „e“ steht vermutlich für „echt“. Vielleicht auch für „Ermittlungen“, „Evidenz“ und „Ehre“. Alles Dinge, die im russischen Kampagnenbüro gerade nicht vorrätig waren. Dafür sieht die falsche Seite täuschend echt aus. Schriftart, Aufmachung, Rubriken – alles sauber nachgebaut. Sogar wer auf das Impressum klickt, wird zur wirklichen „Süddeutschen Zeitung“ weitergeleitet.

Im Mittelpunkt des gefälschten Artikels steht eine besonders widerwärtige Geschichte. Auf einem angeblichen Bauernhofgrundstück des Ministerpräsidenten würden afghanische Waisenkinder festgehalten. Ein entkommener Junge habe von schweren Straftaten berichtet. Nichts davon stimmt. Das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt hat bestätigt, dass die Vorwürfe frei erfunden sind. Es gibt keine Ermittlungen gegen Sven Schulze. Es gibt nur eine Lüge, die so abscheulich gebaut wurde, dass schon der erste Blick darauf Empörung auslösen soll.

Dabei werden ausgerechnet schutzbedürftige Kinder als Requisiten benutzt. Ob die überhaupt tatsächlich existieren,  interessiert die Fälscher nicht. Sie brauchen die Idee nur als politisches Sprengmaterial. Je erschütternder die erfundene Geschichte, desto größer die Hoffnung, dass niemand nach ihrem Wahrheitsgehalt fragt.

Der angebliche Text trägt sogar den Namen einer leitenden Investigativjournalistin der „Süddeutschen Zeitung“. Auch journalistische Identitäten lassen sich heute offenbar stehlen wie Nummernschilder. Man schraubt einen seriösen Namen an ein russisches Lügengefährt und hofft, dass niemand unter die Motorhaube schaut.

In Sicherheitskreisen wird die Aktion der Operation „Storm-1516“ zugerechnet, die enge Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst GRU haben soll. „Storm-1516“ klingt ein wenig wie ein preiswerter Laubbläser aus dem Baumarkt. Tatsächlich bläst das Gerät jedoch keinen Gartenweg frei, sondern Dreck in demokratische Wahlkämpfe.

Bisher kannte man vor allem die sogenannte „Matrjoschka“-Kampagne. Dabei wurden gefälschte Videos verbreitet, in denen deutsche Landes- und Kommunalpolitiker mit erfundenen Skandalen überzogen wurden. Der Name passt ausgezeichnet: Man öffnet eine Lüge und findet darin eine zweite. In der zweiten steckt ein falsches Video, im Video eine erfundene Quelle und in der Quelle möglicherweise ein kleiner russischer Offizier, der schon einmal das Kreuz auf dem deutschen Stimmzettel vormalt.

Die neue Kampagne ist umfangreicher. Russland liefert nicht mehr nur einzelne Falschmeldungen. Es baut gleich die Zeitung dazu. Das ist konsequent. Wenn die Wirklichkeit den eigenen politischen Freunden nicht zum Sieg verhilft, muss eben eine Ersatzwirklichkeit her. Die AfD braucht dann kein überzeugendes Regierungsprogramm mehr. Es genügt, wenn ihre Gegner rechtzeitig mit digitalem Schlamm beworfen werden.

Das Verfahren ist denkbar einfach: Man erfindet zuerst die Straftat, anschließend den Zeugen, dann die Recherche und schließlich das Medium, das angeblich darüber berichtet hat. Fehlt eigentlich nur noch ein gefälschtes Landeskriminalamt, das alles bestätigt. Vielleicht ist das bereits in Arbeit. Nach der Wahl könnte dann auch eine zweite Magdeburger Staatskanzlei eröffnet werden – unter „sachsenanhalt.com“. 

Für die Bürger bleibt unterdessen eine kleine, aber entscheidende Aufgabe: genau hinzusehen. Nicht jede „Süddeutsche Zeitung“ kommt aus München. Nicht jedes Impressum beweist, dass die Haustür davor echt ist. Und nicht jede Nachricht, die unsere Empörung erst einmal auslöst, ist deshalb wahr.

Manchmal entscheidet sich ein Wahlergebnis nicht an einem großen Parteiprogramm, sondern an einem winzigen Buchstaben. In diesem Fall ist es nur ein fehlendes „e“. „E“ wie echt.

Wer es übersieht, bekommt statt einer Zeitung eine weitere Lüge aus Moskau.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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