NRW wird 80
NRW wird 80 - eine Geburtstagsrede von A bis Z
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Wenn Nordrhein-Westfalen am 23. August achtzig Jahre alt wird, begegnet mir das Land beinahe wie ein Weggefährte. Ich bin ihm nur ein Jahr voraus. Wir sind beide Kinder einer zerstörten Zeit. Ich kam 1945 zur Welt, Nordrhein-Westfalen 1946. Keiner von uns wurde gefragt, ob er sich diesen Anfang ausgesucht hatte.
Das Land entstand am Schreibtisch der britischen Militärregierung. Der nördliche Teil des Rheinlands und Westfalen wurden miteinander verheiratet; später kam Lippe hinzu. „Operation Marriage“ hieß das Unternehmen. Das klingt nach Standesamt, Aktenmappe und einem Beamten, der zwei ziemlich verschiedene Brautleute mit einem trockenen Räuspern darüber belehrt, dass sie von nun an zusammengehören. Nebenbei: Meine Frau kommt aus Westfalen: Arnsberg. Ich komme aus Wuppertal und spreche, fühle und argumentiere rheinisch.
Der Rheinländer redet anders als der Westfale, und beide sind überzeugt, dass gerade ihre Art zu leben die natürlichere sei. Aber vielleicht ist das gar kein schlechter Anfang für ein Land (und für eine Ehe): nicht Gleichheit, sondern die Aufgabe, mit Verschiedenheit auszukommen. Meine Frau und ich sind übrigens schon 61 Jahre zusammen!
Nun versucht man, Nordrhein-Westfalen zum Geburtstag in 26 Buchstaben unterzubringen:
A wie Autobahn.
B wie Büdchen.
C wie Cranger Kirmes oder Currywurst.
D wie Düsseldorf.
F wie Fußball.
G wie Gelsenkirchener Bankraub.
H wie Hallelujah.
I wie Industriekultur.
J wie Justizvollzugsanstalt.
K wie Kiosk.
L wie Lebensfreude.
R wie Rhein.
S wie Stahl.
Z wie Zeche.
Das klingt nicht falsch. Aber es klingt ein wenig so, als wolle man einen alten Menschen beschreiben, indem man den Inhalt seiner Jackentaschen auf den Tisch legt: Schlüsselbund, Taschentuch, Straßenbahnfahrschein, Bonbonpapier, Gitarren-Plektrum. Alles gehört zu ihm. Und doch fehlt das Wichtigste – die Geschichte, warum er diese Dinge bei sich trägt.
Auf meiner inneren Landkarte von Nordrhein-Westfalen stehen ebenfalls viele Namen. Wuppertal, wo die Bahn über dem Fluss schwebt, als hätte die Stadt sich ihren Traum vom Fliegen nicht nehmen lassen. Münster, wo ich meine Studentenjahre verbrachte. Hattingen, wo die Henrichshütte noch immer davon erzählt, dass Eisen einmal nicht nur ein Werkstoff, sondern ein Tagesrhythmus war. Bochum, Dortmund, Arnsberg – Orte, die nicht bloß auf Schildern stehen, sondern aus Stimmen, Wegen, Musik und Begegnungen bestehen. In einer Dortmunder Musikkneipe spielte ich lange Gitarre. Meine Frau arbeitete in einem Fotostudio in Essen.
Manche Länder erkennt man an ihren Bergen oder Seen. Nordrhein-Westfalen erkennt man oft an dem, was nicht mehr da ist. In den leerstehenden ELBA-Fabrik-Hallen in Wuppertal-Elberfeld schuf meine Frau Barbara einige Foto-Essays für ihre Bücher. Auf dem Gelände des Industriemuseums der Thyssen-Krupp-Henrichshütte spielte ich den Blues auf meiner stählernen Resonator-Gitarre. An einer stillgelegten Bahntrasse kippte ich mit meinem Fahrrad in den Graben. Auf einem Hochofen, der abends kunstvoll angestrahlt wurde, kletterte ich waghalsig herum. In der Zeche Zollverein sah ich mit meinen vietnamesischen Freunden Theaterstücke.
Aus der die Flusslandschaft verschandelnden Rüstungsindustrie wurden Theater-Aufführungsorte. Aus der Grubenlore wurde ein Blumenkübel. Aus dem Förderturm ein Kirchturm-Ersatz.
Aber in den Familien blieb die Erinnerung an den schwarzen Staub, an die Brotdose, an den Kohlegeruch, an die Lohntüte am Freitag und an die Angst, falschen Erziehungsmethoden ausgeliefert zu sein. Auch das gehört zum Alphabet des Landes. Es steht nur in keinem Reiseführer.
B wie Büdchen ist ein guter Buchstabe. Das Büdchen ist kein bedeutendes Bauwerk wie die Elbphilharmonie oder das Brandenburger Tor, aber vielleicht eine der wichtigsten Einrichtungen der Demokratie. Dort stehen Menschen nebeneinander, die sich im Rathaussaal womöglich aus dem Weg gehen würden. Einer kauft eine Zeitung, einer Zigaretten, ein Kind eine gemischte Tüte. Man spricht über das Wetter, den Fußball, die Nachbarn und die Weltlage. Niemand hält eine Grundsatzrede. Und wenn einer zu lange allein herumsteht, heißt es irgendwann: „Komm, setz dich dazu.“
Vielleicht wird Nordrhein-Westfalen überhaupt weniger durch Grenzen, Behörden und Landschaften zusammengehalten als durch diesen herübergeschobenen Stuhl.
Das Land ist groß geworden, weil Menschen ankamen. Sie kamen aus Schlesien und Ostpreußen, aus Italien, der Türkei, Griechenland, Polen, Vietnam und vielen anderen Gegenden der Welt. Zuerst nannte man manche von ihnen „Gastarbeiter“, als würden sie nach dem Abendessen wieder ihre Mäntel anziehen und gehen. Doch sie blieben. Sie bauten Autos, gossen Stahl, pflegten Kranke, eröffneten Geschäfte, Restaurants und Cafés. Ihre Kinder sprachen Deutsch mit dem Dialekt des Ruhrpotts, des Rheinlands oder Westfalens. Aus Gästen wurden Nachbarn, aus fremden Liedern vertraute Melodien, aus mitgebrachten Speisen der Duft einer Straße.
Darum würde ich das NRW-Alphabet ein wenig anders schreiben:
A wie Ankommen.
B wie Bleiben.
C wie charmant.
D wie deutlich.
E wie Erinnerung.
F wie Fremde, die Freunde wurden.
H wie Heimat – aber nicht als Besitzurkunde.
M wie Mensch.
N wie Nachbar.
R wie Respekt.
W wie Würde.
Z wie Zusammen.
Und K?
K ist natürlich nicht nur Kohlekraftwerk.
K heißt: „Komm, setz dich dazu.“
In diesem Satz steckt vielleicht mehr Nordrhein-Westfalen als in allen 26 Buchstaben. Er verspricht keine große Harmonie. Am Tisch darf gestritten werden. Der quasselnde Rheinländer darf den frommen Westfalen für bockig halten, der Westfale den Rheinländer für moralisch zwielichtig. Köln darf über Düsseldorf spotten, Dortmund über Schalke und das Ruhrgebiet über jeden, der glaubt, eine Dauerbaustelle sei nur ein vorübergehender Zustand.
Mit achtzig ist Nordrhein-Westfalen alt genug, um sich an Trümmer, Hunger, Wiederaufbau, Zechensterben und Einwanderung zu erinnern. Und es ist hoffentlich jung genug, um noch etwas zu lernen: Heimat entsteht nicht dadurch, dass man andere ausschließt. Heimat entsteht dort, wo jemand ein wenig zur Seite rückt.
Vielleicht braucht dieses Land zu seinem Geburtstag deshalb keine vollständige Erklärung. Ein Land ist kein Lexikon. Es lebt in den Menschen, die morgens zur Arbeit fahren, im Café Geschichten austauschen, ihre Kranken besuchen, Musik machen, demonstrieren, Fußball spielen, einander helfen oder am Kiosk kurz die Welt anhalten.
Nordrhein-Westfalen wird achtzig. Auf der Geburtstagstorte stehen achtzig Kerzen, und irgendwo fragt schon jemand, wer sie alle auspusten soll. Ich würde sagen: Wir machen es gemeinsam.
Und dann rücken wir noch einen Stuhl heran. Vielleicht für eine, die aus Sachsen-Anhalt oder Thüringen zu uns geflohen ist.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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