Was ist Heimat?
Heimat ist dort, wo man Zeit für sich hat
- hochgeladen von Didi van Frits
Am Wochenende bekomme ich Besuch. Freunde aus den Niederlanden und Vietnam werden kommen – Menschen, die mir im Laufe der Zeit lieb geworden sind. Wir haben schon oft beieinander gesessen, gegessen und erzählt. Wir haben Musik gemacht, das Meer betrachtet und Parks erkundet. Manchmal wurde viel gesprochen, manchmal genügte ein Lied, ein Blick oder das gemeinsame Schweigen.
Nun freue ich mich auf das Wiedersehen. Und während ich überlege, was ich einkaufen und vorbereiten möchte, führt mich die Vorfreude zu einer alten, großen Frage: Was ist Heimat? Ist Heimat der Ort, an dem die Familie lebt? Das Haus der Kindheit, dessen Türen man noch im Traum öffnen kann? Ist sie ein Musikertreffpunkt, an dem jemand die Gitarre stimmt und ein anderer schon den Rhythmus auf der Tischkante klopft?
Vielleicht ist Heimat auch ein Café mit sympathischen Menschen, die den eigenen Namen kennen. Oder eine stille Bibliothek mit einem Schreibtisch am Fenster, an dem die Gedanken endlich zur Ruhe kommen.
Lange glaubte man, Heimat müsse ein fester Ort sein. Ein Punkt auf der Landkarte. Eine Stadt, ein Dorf, eine Straße, ein Haus. Man müsse nur dorthin zurückkehren, und schon sei man wieder angekommen.
Aber so einfach ist es nicht.
Orte verändern sich. Häuser werden verkauft, Bäume gefällt, Geschäfte geschlossen. Menschen ziehen fort oder sterben. Selbst die Straße unserer Kindheit sieht uns eines Tages fremd an. Und manchmal kehren wir zurück und merken: Nicht der Ort ist kleiner geworden – wir sind größer geworden und tragen inzwischen zu viele andere Orte in uns: New York und Venedig, Berlin und Madrid, Santorini und Den Haag.
Vielleicht ist Heimat deshalb weniger ein Ort als ein Gefühl. HOME, FAR AWAY FROM HOME - wie meine vietnamesischen Freunde sagen. Ein Gefühl von Zugehörigkeit. Von Vertrautheit. Von innerem Frieden.
Heimat kann dort sein, wo wir nicht erklären müssen, wer wir sind. Wo unsere kleinen Eigenheiten nicht stören, sondern dazugehören. Wo jemand weiß, wie wir unseren Kaffee trinken (schwarz wie die Nacht), welches Lied uns traurig macht ("My Way" gesungen von Henry aus Hanoi auf Vietnamesisch) und wann wir lieber schweigen möchten (wenn ich zuhöre, wie Dirk Vestdijk aus Amersfoort auf seiner Geige spielt).
Die Familie kann eine solche Heimat sein: der Ort unserer Wurzeln, unserer ersten Erinnerungen und vertrauten Geschichten (die Küche von Opa Kringler in Wuppertal). Dort leben die Stimmen, die uns seit früher Zeit begleiten. Doch Familie ist nicht nur Herkunft. Manchmal entsteht sie erst später – durch Freundschaft, Fürsorge und gemeinsam verbrachte Jahre. Durch beglückend hinzukommende Kinder und Enkel. Durch einen mit vielen Diskussionen erzeugten gemeinsamen Lebensstil.
Auch Musik kann Heimat sein. Wenn Menschen miteinander spielen, werden ihre unterschiedlichen Geschichten für eine Weile zu einem gemeinsamen Klang. Jeder bringt seinen eigenen Ton mit, seinen Rhythmus, seine Freude und vielleicht auch seine Melancholie. Gypsy Swing und Blues-Feeling, klassische Musik oder alternativer deutscher Hip-Hop. Niemand muss seine Identität, seine seelischen Anker verleugnen. Im Gegenteil: Gerade weil jeder etwas Eigenes mitbringt, entsteht etwas Neues.
Vielleicht liegt darin eine besonders schöne Form von Heimat: Sie verlangt nicht, dass wir alle gleich sind. Sie lädt uns nur ein, einander zuzuhören.
Auch ein Café kann Heimat werden. Nicht wegen der Tische oder der Kaffeemaschine, sondern wegen der Menschen. Wegen eines freundlichen Grußes, eines vertrauten Lächelns und des kleinen Gefühls, erwartet zu werden. Mitten im Trubel entsteht dann eine unsichtbare Stube, in der die Seele für einen Augenblick die Jacke ausziehen darf.
Und selbst eine Bibliothek kann Heimat sein: ein stiller Tisch, ein Buch, das Rascheln einer umgeblätterten Seite. Dort begegnet man nicht nur fremden Gedanken, sondern im Idealfall auch sich selbst. Dann gelingt es, den roten Faden des eigenen Denkens wieder aufzunehmen. In meinem Fall: die Fortsetzung des Themas meiner Examensarbeit: Kulturanthropologie, die sich bemüht, bestimmte Werke der Literatur zur Definition des Menschseins hinzuziehen.
Vielleicht haben wir also mehrere Heimaten:
Eine Ortsheimat, die nach Erde, Meer, Regen oder einer bestimmten Küche riecht: Pannenkoeken? Flühlingslollen?
Eine Beziehungsheimat, die in den Gesichtern vertrauter Menschen wohnt. In der Mimik, die man zu deuten weiß. In der Stimme, die man auch als Blindgewordener immer noch zuordnen kann.
Und eine Gefühlsheimat, die manchmal ganz unerwartet auftaucht: in einem Lied, einem Gespräch, einem gemeinsamen Essen oder einem stillen Blick über das Wasser: Möhnesee oder Herengracht, Baldeneysee oder Wupper, Nordsee bei Kijkduin oder Ostsee bei Vitt.
Meine Freunde werden am Wochenende aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Jeder wird Erinnerungen, Sprachen, Melodien und vielleicht auch ein wenig Sehnsucht mitbringen. Wir werden essen, erzählen und möglicherweise Musik machen. Vielleicht werden wir lachen, vielleicht über Vergangenes sprechen, vielleicht Pläne schmieden, die am nächsten Morgen schon wieder anders aussehen.
Für einige Stunden wird dann ein kleiner gemeinsamer Ort entstehen.
Nicht auf einer Landkarte, aber an einem Tisch.
Vielleicht ist Heimat genau das: kein Besitz und keine Grenze, sondern eine offene Tür. Ein Platz, den wir einander geben. Das stille Einverständnis, dass jeder so kommen darf, wie er ist.
Heimat ist dort, wo jemand noch einen Stuhl heranrückt. Wo aus Fremden Freunde werden. Wo unterschiedliche Wege sich kreuzen und für eine Weile nicht mehr gefragt wird, woher wir kommen, sondern nur noch: Bleibst du noch ein bisschen?
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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