Presse Meinungsfreiheit
Zensur-Schere wird zum wichtigsten Instrument

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Das DW Global Media Forum 2026 findet am 23. und 24. Juni 2026 in Bonn unter dem Motto „Journalism out loud“ statt. Parallel meldet "Reporter ohne Grenzen" für 2026 einen Tiefstand der Pressefreiheit seit 25 Jahren; besonders problematisch sind politischer Druck, Sicherheitsgesetze, Klagen, ökonomische Abhängigkeiten und Einschüchterung.

Beim Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn geht es in diesen Tagen um eine Frage, die früher einmal sehr pathetisch klang und heute wieder ganz praktisch geworden ist: Wie überlebt unabhängiger Journalismus?

Früher stellte man sich Zensur noch grobmechanisch vor. Da saß irgendwo ein finsterer Beamter mit Stempel, Rotstift und Aschenbecher und strich ganze Absätze aus Zeitungen heraus. Man sah die Macht noch arbeiten. Sie hatte Ärmelhalter, schlechten Atem und eine Dienstanweisung.

Heute ist die Sache eleganter. Man muss gar nicht mehr so viel verbieten. Es reicht, wenn alle vorher ahnen, was besser nicht gesagt wird.

Die moderne Zensur kommt nicht mehr mit schweren Stiefeln in die Redaktion. Sie kommt als Rechtsgutachten, als Compliance-Hinweis, als Haushaltsvorbehalt, als drohender Anzeigenverlust, als Sicherheitsbedenken, als diplomatische Rücksichtnahme, als „wir müssen da sehr vorsichtig sein“. Und schon sitzt der Journalist nicht mehr vor einem leeren Blatt Papier, sondern vor einem Minenfeld.

Er schreibt nicht mehr mit dem Füllfederhalter. Er schreibt mit der Schere.

Er beginnt den Satz, sieht nach links, sieht nach rechts, hört im inneren Ohr schon die Pressestelle, die Rechtsabteilung, den Intendanten, den Großkunden, den Ministerialdirigenten, den wütenden Mob auf X, den beleidigten Botschafter, den beleidigten Milliardär, den beleidigten Autokraten und den beleidigten Algorithmus. Dann schneidet er den Satz vorsorglich ab.

So entsteht die vorsorglich gekürzte Wahrheit.

Sie ist nicht falsch. Das ist ja das Raffinierte. Sie ist nur etwas kleiner. Ein wenig rundgelutscht. Ein bisschen entschärft. Sie trägt einen Helm, einen Mundschutz und Haftpflichtversicherung. Sie sagt nicht mehr: „Der Kaiser ist nackt.“ Sie sagt: „Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen hinsichtlich der textilen Ausstattung staatstragender Persönlichkeiten.“

Das ist keine Lüge. Es ist nur die Wahrheit im öffentlichen Dienst.

Die Selbstzensur ist die höflichste Form der Zensur. Niemand muss sie anordnen. Niemand muss sich schmutzig machen. Niemand muss einen Zeitungsartikel verbieten. Die Redaktion erledigt es selbst. Nicht aus Feigheit, meistens jedenfalls nicht. Sondern aus Erfahrung. Aus Müdigkeit. Aus Kalkulation. Aus Sorge um Budgets, Prozesse, Sendelizenzen, Korrespondenten, Arbeitsplätze, Akkreditierungen und die nächste Empörungswelle.

Denn die Pressefreiheit wird heute selten frontal abgeschafft. Sie wird ausgedünnt.

Ein Interview fällt nicht aus politischen Gründen aus, sondern „aus organisatorischen“. Eine Recherche wird nicht verhindert, sondern „noch einmal intern abgestimmt“. Ein unbequemer Gast wird nicht ausgeladen, sondern „für ein späteres Format vorgesehen“. Ein Satz wird nicht gestrichen, sondern „sprachlich präzisiert“. Eine Wahrheit wird nicht unterdrückt, sondern „kontextualisiert“, bis sie nicht mehr stört.

Am Ende steht ein Text da, der niemandem wehtut. Und genau darin liegt sein Problem.

Journalismus, der niemandem wehtut, ist oft nur Öffentlichkeitsarbeit mit Restgewissen. Er beschreibt nicht mehr die Wirklichkeit, sondern die erlaubte Version der Wirklichkeit. Er macht nicht mehr auf, sondern deckt zu. Er fragt nicht mehr: Was ist wahr? Sondern: Was lässt sich ohne Folgekosten sagen?

Das ist besonders gefährlich, weil es so vernünftig klingt.

Natürlich muss Journalismus sorgfältig sein. Natürlich darf er nicht hetzen, verleumden, erfinden oder fahrlässig Menschen gefährden. Natürlich ist Desinformation real. Natürlich gibt es Propaganda, Trollfabriken, manipulierte Bilder, gekaufte Empörung und künstlich aufgepumpte Verschwörungstheater. Niemand verlangt, dass Redaktionen zu Marktplätzen für Lügen werden.

Aber zwischen Verantwortung und Angst liegt ein großer Unterschied.

Verantwortung prüft. Angst kürzt.

Verantwortung fragt nach Belegen. Angst fragt nach Ärger.

Verantwortung schützt die Genauigkeit. Angst schützt die Institution.

Und genau hier beginnt die kleine, lautlose Katastrophe. Wenn Redaktionen nur noch überlegen, was ihnen schaden könnte, bevor sie überlegen, was die Öffentlichkeit wissen muss, dann hat die Zensur gewonnen, ohne überhaupt aufgetreten zu sein. Dann hängt die Schere nicht mehr an der Wand des Zensors. Dann liegt sie im Besteckkasten der Redaktion.

Dort wird sie täglich benutzt.

Ein Schnitt hier, ein Schnitt dort. Der Name eines Sponsors verschwindet. Die Rolle einer Regierung wird abgeschwächt. Ein Krieg wird zum Konflikt. Ein Angriff wird zum Vorfall. Ein Korruptionsverdacht wird zur offenen Frage. Ein autoritärer Herrscher wird zum starken Mann. Ein starker Mann wird zum schwierigen Partner. Ein schwieriger Partner wird zum strategischen Gesprächskanal. Und irgendwann merkt niemand mehr, dass aus Journalismus ein diplomatisches Stillleben geworden ist.

Das Publikum spürt solche Dinge. Vielleicht nicht im Einzelnen. Aber im Ton. In der Watte. In den Leerstellen. In der seltsamen Temperatur regulierter Sätze. Es merkt, wenn ein Text vorsichtiger ist als nötig. Es merkt, wenn eine Moderatorin eine Frage nicht stellt, obwohl sie im Raum steht wie ein Elefant mit Presseausweis. Es merkt, wenn die Wirklichkeit an einer Stelle scharfkantig ist, der Bericht darüber aber klingt wie ein Beipackzettel.

Dann sagen die Leute: Die Medien verschweigen etwas.

Manchmal sagen sie das zu Unrecht. Manchmal ist es bloß Misstrauen, gespeist von Propaganda und schlechter Laune. Aber manchmal haben sie einen Punkt. Nicht weil alles gesteuert wäre, wie die Verschwörungshändler behaupten. Sondern weil zu viel schon vorab weichgekocht wurde. Nicht im Auftrag einer geheimen Weltregierung. Sondern im Auftrag des inneren Sicherheitsbeauftragten, der in jedem modernen Menschen wohnt.

Die Schere ist längst demokratisiert.

Sie liegt nicht nur in Ministerien. Sie liegt in Verlagen, Sendern, Stiftungen, Universitäten, Theatern, sozialen Netzwerken und Wohnzimmern. Jeder trägt eine kleine Schere in sich. Man sagt dies nicht, weil es falsch verstanden werden könnte. Man schreibt jenes nicht, weil es Ärger gibt. Man unterschreibt etwas nicht, weil man noch eine Förderung beantragt. Man lacht über einen Witz nicht, weil jemand nebenan schon den moralischen Zollstock ausklappt.

So wird Öffentlichkeit zur Reha-Klinik für Sätze.

Alle gehen langsam. Niemand stößt sich. Überall Geländer. Überall Warnhinweise. „Vorsicht, Meinung!“ „Achtung, Ironie!“ „Dieser Gedanke kann Spuren von Wirklichkeit enthalten.“

Für Satiriker ist das eine besonders unerfreuliche Entwicklung. Denn Satire lebt nicht davon, dass alles erlaubt ist. Sie lebt davon, dass sie das Unerlaubte sichtbar macht. Sie ist der kleine Junge, der dem Kaiser nicht nur sagt, dass er nackt ist, sondern auch fragt, warum der Hofstaat dazu eine Textilkommission gebildet hat.

Wenn aber schon der Gedanke an den nackten Kaiser vorher aus dem Manuskript fällt, weil die Garderobenlobby intervenieren könnte, wird Satire zur Dekoration. Dann darf sie noch ein bisschen frech aussehen, aber bitte ohne Trefferwirkung. Ein Narr ohne Risiko ist kein Narr. Er ist ein Pausenclown im Fortbildungsseminar.

Natürlich kann man auch die Freiheit missbrauchen. Das ist ihr eingebautes Risiko. Wer Freiheit nur erlaubt, solange sie nicht stört, will keine Freiheit, sondern Ruhe. Und Ruhe ist das Lieblingsgeräusch aller autoritären Systeme.

Deshalb ist Medienfreiheit kein Luxusproblem von Redaktionen. Sie ist die Sauerstoffversorgung einer Gesellschaft. Ohne freie Presse weiß eine Gesellschaft irgendwann nicht mehr, woran sie erkrankt ist. Sie misst ihre Temperatur mit einem Thermometer, dessen Skala vorher politisch bereinigt wurde.

Dann steht dort nicht mehr: Fieber.

Dann steht dort: herausfordernde Wärmeentwicklung.

Das Global Media Forum in Bonn diskutiert also nicht irgendein Branchenthema. Es diskutiert eine Überlebensfrage der Demokratie. Wer berichtet noch, wenn Berichten zu teuer wird? Wer fragt noch, wenn Fragen Karriere kosten? Wer recherchiert noch, wenn die Wahrheit erst durch drei juristische Filter, zwei politische Rücksichten und fünf ökonomische Interessen muss? Wer hält noch aus, dass Macht beleidigt ist?

Die Macht war immer beleidigt. Das gehört zu ihrem Beruf.

Neu ist nur, dass sie inzwischen oft gar nicht mehr laut werden muss. Sie muss nur noch bekannt sein. Ihre Erwartungen reichen. Ihre Anwälte reichen. Ihre Etats reichen. Ihre Nähe zu Regierungsstellen reicht. Ihre Möglichkeit, Schaden anzurichten, reicht. Die Schere beginnt zu schneiden, bevor der Brief überhaupt angekommen ist.

Das ist die Zensur der Ahnung.

Sie sagt nicht: Das darfst du nicht schreiben.

Sie flüstert: Überleg dir gut, ob du das schreiben willst.

Und weil wir alle vernünftige Menschen sein wollen, überlegen wir. Wir überlegen so lange, bis der Satz nicht mehr lebt. Dann liegt er sauber gekürzt vor uns, hygienisch einwandfrei, politisch abgefedert, rechtlich geprüft, ökonomisch vertretbar und moralisch desinfiziert.

Nur leider ist er tot.

Vielleicht müsste man deshalb das klassische Symbol des Journalismus ändern. Nicht mehr Feder und Notizblock. Nicht mehr Kamera und Mikrofon. Sondern eine kleine Schere auf einem Kissen. Darüber der Leitspruch der Gegenwart:

„Im Zweifel kürzen.“

Darunter sitzt ein Reporter, der tapfer versucht, einen Artikel zu schreiben. Aber jedes Mal, wenn er ein Wort findet, das noch Wirklichkeit enthält, schneidet er es ab. Neben ihm wächst ein Papierhaufen aus abgeschnittenen Wahrheiten. Am Ende bleibt nur die Überschrift übrig:

„Alles in Ordnung.“

P.S.: Meine Katze Emily von Dickinson schaut meiner Zensur-Schere zu.
Sie weiß längst, welche Wahrheiten unter den Tisch fallen mussten.
Futter für die Mäuse. Abfall. Keine erlaubten Leckerbissen.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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