Fotografie
Meine Bilder werden abgehängt - was bleibt übrig von mir?
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Die, die länger leben werden als ich, haben begonnen, die drei Meter hohen Wände unserer Altbauwohnung zu renovieren. An diesen Wänden hing mein Leben. Große Fotografien, kleinere Bilder und jene etwas naiven Gemälde, die ich selbst angefertigt hatte, weil eine Erinnerung manchmal nicht mit dem zufrieden ist, was eine Kamera von ihr übrig lässt.
Nun werden die Wände heller, glatter und leerer. Das ist verständlich. Jeder Mensch braucht Platz für sein eigenes Leben. Aber während die Bilderrahmen abgenommen werden, schrumpfen auch die Länder und Städte, die ich einmal bereist habe. Manhattan, das jahrelang mehrere Quadratmeter unserer Wohnung beanspruchte, passt inzwischen in einen Stapel Fotografien.
Ich will versuchen, wenigstens einige Bilder zu retten. Wenn nicht mehr im großen Rahmen, dann in dieser kleinen Aufzeichnung.
Da war der alte Fotograf in einer Bar in Little Odessa. Er besaß eine Polaroid-Kamera, mit der er die Gäste aufnahm. Heute erscheint mir dieses Gerät beinahe philosophisch: Man drückte auf einen Knopf, und schon schob sich ein noch milchig-blasses Stück Vergangenheit aus der Kamera. Dann wartete man. Langsam trat ein Gesicht hervor, eine Hand, ein Glas, ein müdes Lächeln.
Wir beobachteten den alten Mann bei seiner Arbeit. Vielleicht verdiente er damit ein paar Dollar. Vielleicht fotografierte er nur deshalb weiter, weil ein Mensch, der sein Leben lang Bilder gemacht hat, nicht einfach damit aufhören kann. Er hielt die Kamera vor sein Gesicht, als müsse er sich dahinter vor der Gegenwart schützen.
Das Polaroidbild hat die merkwürdige Eigenschaft, dass es zuerst sichtbar wird und später wieder verblasst. So ähnlich scheint es auch mit den Erinnerungen zu sein. Nur dass niemand weiß, wie lange ihre Farben halten.
Ein anderes Bild zeigt die Blues-Musiker auf einem Schiff. Wir fuhren während des Sonnenuntergangs am Ufer Manhattans entlang. Die Hochhäuser standen im Abendlicht wie eine riesige Orgel aus Stein und Glas. Davor spielten ein paar Musiker den Blues.
Der Blues war älter als die Wolkenkratzer und vermutlich auch wahrhaftiger. Die Stadt reckte ihre Türme in den Himmel, doch die Musik wusste, was unten auf der Straße geschah. Sie wusste von Müdigkeit, Einsamkeit, verlorener Liebe und davon, dass man trotzdem weiterspielt.
Das Schiff bewegte sich langsam, die Skyline glitt an uns vorbei, und für einen Augenblick schien es, als fahre nicht das Schiff, sondern Manhattan selbst. Als löse sich die Stadt vom Ufer und treibe mit uns in den Abend hinein.
Vielleicht war es damals schon ein Abschied. Wir wussten es nur noch nicht.
Auch an den Dachgarten des Metropolitan Museum of Art erinnere ich mich. Die Sonne hatte die Steinplatten aufgeheizt. Ich zog meine Schuhe aus und wollte barfuß dort sitzen. Ein afroamerikanischer Sicherheitsmann kam auf mich zu und erklärte mir, dass das nicht erlaubt sei.
Ich hatte den Atlantik überquert, war durch Manhattan gelaufen und hatte im Museum Jahrtausende menschlicher Kunst betrachtet – ägyptische Grabbeigaben, griechische Götter, Heilige, Könige und nackte Menschen in allen denkbaren Körperhaltungen. Aber meine eigenen nackten Füße verstießen gegen die Hausordnung.
Der Sicherheitsmann blieb höflich, aber bestimmt. Wahrscheinlich musste er jeden Tag Besucher daran hindern, ihre persönliche Vorstellung von Freiheit in die Tat umzusetzen. Also zog ich meine Schuhe wieder an.
Wenn ich heute daran denke, sehe ich weniger das Museum als diesen Mann. Er stand in der Hitze, während wir als Reisende die Aussicht genossen. Auch das gehört zu Manhattan: Die einen betrachten die Stadt, die anderen achten darauf, dass sie dabei die Vorschriften einhalten.
Meine Frau sehe ich noch immer durch den großen Lesesaal der Public Library gehen. Sie ging ruhig zwischen den langen Tischreihen hindurch, unter den hohen Decken und den Lampen mit ihren grünen Schirmen. In diesem Haus hatten Menschen wie Henry Miller und Ernst Bloch gesessen und an ihren Manuskripten gearbeitet. Menschen, die nicht wussten, ob ihre Sätze jemals ein Zuhause finden würden.
Vielleicht sind Bibliotheken überhaupt Zufluchtsorte für heimatlose Gedanken.
Meine Frau ging durch diesen Saal, und ich sah ihr nach. Zwischen all den Büchern wirkte sie zugleich klein und vollkommen richtig aufgehoben. Ein Mensch geht durch einen Raum, in dem Millionen Gedanken aufbewahrt werden – und trägt doch seine wichtigsten Geschichten unsichtbar mit sich.
Kein Bibliothekar kann sie katalogisieren. Keine Signatur verrät, in welchem Regal sie stehen.
Dann war da noch das Starbucks-Café in Little Italy. Eigentlich ein denkbar ungeeigneter Ort für große Kunstgefühle. Starbucks ist schließlich überall ein wenig gleich: dieselben Becher, dieselben Namen auf den Bechern, dieselbe freundliche Aufforderung, zwischen Getränken zu wählen, deren Bezeichnungen länger sind als manche Gedichte.
Doch meine Frau saß dort, als wäre sie in ein Bild von Edward Hopper geraten. Das Licht fiel durch die Scheibe, draußen zog die Stadt vorbei, und zwischen den Tischen entstand jene eigentümliche Einsamkeit, die Hopper malen konnte: Menschen sind einander nahe und bleiben doch in ihren eigenen Welten.
Ich wiederum fühlte mich ein wenig wie Lawrence Ferlinghetti. Vermutlich genügte dafür schon ein Notizbuch, ein Kaffee und die verwegene Vorstellung, ein Dichter zu sein. Ferlinghetti hätte vielleicht über mein Starbucks-Becherchen gelächelt. Aber Dichter dürfen sich ihre Orte nicht immer aussuchen. Manchmal beginnt ein Gedicht eben dort, wo der Kaffee in Pappbechern ausgegeben wird.
Nun verschwinden diese Bilder von unseren Wänden. Der alte Fotograf, die Blues-Musiker, der Sicherheitsmann, meine Frau im Lesesaal und wir beide im Café müssen ihre großen Rahmen verlassen.
Das schmerzt mich. Aber vielleicht ist es keine vollständige Auslöschung. Die Fotografien werden kleiner, während die Erinnerungen auf eine andere Weise wachsen. Sie lösen sich von Papier, Glas und Nägeln und ziehen in die Sprache um.
Manhattan hängt dann nicht mehr an einer drei Meter hohen Wand. Es steht in ein paar Zeilen.
Dort fährt das Schiff noch einmal an der Skyline vorbei. Dort spielt der Blues weiter. Der Sicherheitsmann bittet mich erneut, meine Schuhe anzuziehen. Meine Frau geht noch einmal durch den Lesesaal, und in Little Italy sitzen Edward Hopper, Lawrence Ferlinghetti, meine Frau und ich für einen kurzen Augenblick am selben Tisch.
Die Wände dürfen leerer werden.
Solange ich mich erinnere, ist Manhattan noch nicht ganz abgehängt.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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