Kleidung Dress-Code
Kleider machen Politik - von Merkel bis Selenskyj
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Es ist nicht egal, was man anzieht. Kleidung ist eine Art Presseerklärung ohne Buchstaben. Noch bevor ein Mensch etwas gesagt hat, haben sein Mantel, seine Schuhe, sein Hut und seine Brille bereits eine kleine Rede gehalten.
Ich glaube, Melania Trump überlegt sehr genau, welche Kleidung sie auswählt. Besonders wichtig scheinen ihr Hüte zu sein. Manche davon sind so groß und streng gebaut, dass sie weniger an Kopfbedeckungen als an Regierungsgebäude erinnern. Ein solcher Hut schützt nicht nur vor Sonne. Er schafft Abstand. Wer daruntersteht, ist nicht einfach eine Frau, sondern eine Erscheinung mit eigenem Sicherheitsbereich.
Auch Elton John denkt über Kleidung nach. Bei ihm gehören die Brillen dazu. Sie helfen nicht nur beim Sehen, sondern vor allem beim Gesehenwerden. Andere Menschen setzen eine Brille auf, um die Welt schärfer zu erkennen. Elton John setzt eine auf, damit die Welt ihn nicht übersieht. Seine Brillen sind kleine Bühnenvorhänge vor den Augen.
Bei Wolodymyr Selenskyj wurde die Kleiderfrage sogar zum Politikum. Bei seinem Besuch im Oval Office fragte ihn ein konservativer Reporter, warum er keinen Anzug trage. Selenskyj war in jener dunklen, militärisch wirkenden Kleidung erschienen, die seit dem russischen Angriff zu seinem politischen Erscheinungsbild gehört. Sie sollte wohl sagen: In meinem Land ist Krieg. Ich bin nicht zum festlichen Abendessen gekommen.
Doch im Oval Office zählt offenbar nicht nur, was draußen auf dem Schlachtfeld geschieht. Es zählt auch der Stoff, aus dem die Jacke ist.
Bei einem späteren Besuch erschien Selenskyj sorgfältiger gekleidet: dunkles Jackett, dunkles Hemd, keine Krawatte. Der Reporter, der ihn zuvor wegen seiner Kleidung angegriffen hatte, lobte nun sein Aussehen. Selenskyj antwortete sinngemäß: Ich habe mich verändert, Sie nicht. Damit war der Anzug plötzlich schlagfertiger als sein Träger. Kleidung kann eben Diplomatie sein – und gelegentlich sogar eine Retourkutsche mit Knopfleiste.
Donald Trump interessiert sich derweil besonders für Schuhe. Berichten zufolge verschenkte er an Minister, Berater und politische Freunde Lederschuhe seiner Lieblingsmarke Florsheim. Schenken ist allerdings eine besondere Tätigkeit, wenn der Schenkende Präsident der Vereinigten Staaten ist. Dann kann aus einem Geschenk sehr schnell eine Dienstanweisung mit Schnürsenkeln werden.
Einige Empfänger sollen sich jedenfalls verpflichtet gefühlt haben, die Schuhe zu tragen. Dummerweise schätzte Trump die Schuhgrößen seiner Mitarbeiter offenbar selbst – nicht immer erfolgreich. Außenminister Marco Rubio wurde beispielsweise in Schuhen gesehen, die ihm verdächtig groß vorkamen.
Früher mussten sich Schuhe den Füßen anpassen. In einer streng geführten Regierung ist es möglicherweise umgekehrt: Der Fuß muss sich dem Präsidenten anpassen. Und wenn der Schuh zwei Nummern zu groß ist, wächst man eben politisch hinein. Wer stolpert, hat vermutlich nur die Richtung des Präsidenten nicht richtig verstanden.
Auch Taucher müssen genau überlegen, was sie anziehen. Wer sich – nur als Beispiel – auf dem Grund der Ostsee an einer Nord-Stream-Pipeline zu schaffen machen möchte, sollte nicht im Elton-John-Jackett erscheinen. Unter Wasser helfen weder Melanias Hut noch Rubios Lederschuhe. Dort braucht man Neoprenanzug, Maske und Flossen. Selbst die Sabotage hat ihre Kleiderordnung. Nur ist der rote Teppich dort unten ziemlich feucht.
Auf Christopher-Street-Day-Paraden wird Kleidung dagegen zur öffentlichen Fantasie. Manche Menschen erfinden sich für einen Tag neu: mit Federn, Glitzer, hohen Schuhen, flatternden Stoffen und Farben, bei denen selbst ein Regenbogen kurz überlegt, ob er noch zeitgemäß gekleidet ist. Der Körper sagt: Ich bin hier. Ich darf sichtbar sein. Und ich bestimme selbst, wie ich erscheine.
Den sogenannten Beefeaters, den Yeomen Warders im Tower of London, ist eine solche schöpferische Freiheit nicht gestattet. Ein Beefeater kann morgens nicht sagen: Heute fühle ich mich nach einem leichten Sommerkleid mit Pailletten. Seine Uniform ist Tradition, Dienstvorschrift und historisches Theater zugleich. Beim Christopher Street Day darf der Mensch seine Kleidung erfinden. Im Tower formatiert die Uniform den Sold-Empfänger.
Von Mao Tse-tung habe ich gehört, dass damals alle dasselbe trugen. Ganz so einheitlich war die historische Wirklichkeit vermutlich nicht. Aber in unserer Erinnerung steht der sogenannte Mao-Anzug für eine Gesellschaft, die Unterschiede unsichtbar machen wollte. Wo alle gleich aussehen, soll offenbar niemand auf die Idee kommen, anders zu denken. Die Uniform beginnt an den Schuhen und endet in der Frisur.
Angela Merkels Kostüme wiederum unterschieden sich voneinander, ähnelten sich aber trotzdem. Der Schnitt blieb verlässlich, nur die Farbe wechselte. Es war gewissermaßen immer dieselbe Bundesregierung bei unterschiedlicher Wetterlage. Man wusste: Was auch geschieht – dieses Jackett verliert nicht die Fassung.
Schließlich gibt es noch die mächtigste Modedesignerin der Welt: das Klima. Grönländer ziehen sich meistens warm an. Surfer tragen meist wenig. Darüber wird nicht im Kabinett abgestimmt. Die Kälte duldet keine modischen Experimente, und die Hitze lehnt den Pelzmantel auch dann ab, wenn er von einem Präsidenten persönlich überreicht wurde.
Kleidung kann schützen, schmücken, verbergen, befehlen oder befreien. Sie kann Zugehörigkeit zeigen und Widerspruch anmelden. Sie kann einen Menschen größer erscheinen lassen – und manchmal auch die Schuhe.
Nur die Katze auf unserer Delft-Kachel hat das Problem längst gelöst. Sie trägt jeden Tag dasselbe Fell und sieht trotzdem niemals unpassend gekleidet aus.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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