Lesen als etwas Wichtiges
Dolly Parton und ihre Imagination Library

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
7Bilder
  • Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
  • hochgeladen von Didi van Frits

Mein erstes Fluchtfahrzeug war ein schmales Bilderheft. 7,5 cm x 17 cm. Meine Kindheit war die Hölle. Ich wurde täglich von meinem Adoptivvater, einem ehemaligen KZ-Wächter, verprügelt und nachts oft in einen schallsicheren Kellerbunker eingesperrt. Mein wöchentliches Taschengeld betrug 75 Pfennig. Davon kaufte ich mir am Kiosk kleinformatige Comic-Hefte: „Sigurd“, „Fulgor“ und andere Abenteuer. Für 75 Pfennig konnte ich nicht fortgehen. Aber ich konnte mich fortlesen. Während mein Körper in einem Keller saß, ritt Sigurd durch Wälder, kämpfte gegen Ungeheuer und fand hinter jedem Gebirge eine neue Welt. Das war vielleicht noch keine große Literatur. Aber Rettungsboote werden schließlich auch nicht von Literaturkritikern auf ihre stilistische Reinheit überprüft.

Bücher waren meine Fluchttüren. Sie führten aus der zufälligen sozialen Umgebung hinaus in eine durchdachtere Welt. Dort begegnete ich Menschen, die länger über einen Satz nachgedacht hatten, als manche meiner Mitmenschen über ihr ganzes Leben. Vielleicht wurde ich deshalb Grundschullehrer. Ich hielt die Freude am Lesen für das Wichtigste, was man Kindern vermitteln konnte. Lesen war für mich nicht nur ein lästiges Unterrichtsfach zwischen meinem bei den Kindern auch sehr beliebten Schwimm- oder Musik-Unterricht. In den täglichen Phasen des Lesens wurde ich sehr, sehr wach und sah die große Chance der Flucht, die Brücke in das Neue, welche sich für alle Lesenden immer auftut.

Wer lesen kann, ist nicht automatisch klug oder gut. Auch Demagogen besitzen Bücherregale. Aber Lesen macht es den Lügenden schwerer. Wer mehrere Geschichten kennt, wird misstrauisch, wenn ein Präsident behauptet, es gebe nur seine. Wer gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen, erkennt irgendwann auch, wenn zwischen zwei präsidialen Sätzen die Wahrheit verschwunden ist.

Dolly Parton wusste ebenfalls, dass ein Buch mehr sein kann als bedrucktes Papier. Ihr Vater war ein kluger und hart arbeitender Mann, konnte aber weder lesen noch schreiben. Sie ahnte, wie viele seiner Träume deshalb unerreichbar geblieben waren. Also gründete sie 1995 ihre „Imagination Library“. Kinder erhalten von ihrer Geburt bis zum fünften Lebensjahr jeden Monat ein kostenloses Buch – unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern. Das Buch kommt mit der Post und trägt den Namen des Kindes.

Das ist wichtig. Es ist nicht irgendein zerlesenes Schulbuch, das man am Jahresende wieder abgeben muss. Es gehört dem Kind. Es sagt: Diese Geschichte ist für dich. Diese Welt hat dich nicht vergessen. Du darfst sie aufschlagen. Millionen solcher Bücher verschickte die Stiftung in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Irland. Dolly Parton steckte ihr Geld nicht nur in Perücken, Platten und Dollywood. Sie steckte es in die Vorstellungskraft von Kindern.

Dann kam das Amerika der republikanischen Haushaltsschere. Im republikanisch regierten Missouri wurde die staatliche Förderung der Imagination Library von sechs auf zwei Millionen Dollar zusammengestrichen. Seit dem 1. Juli werden keine neuen Kinder mehr aufgenommen. Mehr als 170.000 Kinder waren bis dahin angemeldet. Man hat das Programm also nicht vollständig abgeschafft. Man hat ihm lediglich zwei Drittel des Geldes weggenommen. Das ist ungefähr so, als würde man einer Brücke zwei Drittel ihrer Pfeiler entfernen und anschließend versichern, der Verkehr könne vorläufig weiterlaufen. Missouris Gouverneur Mike Kehoe spricht von schwierigen Entscheidungen und verantwortungsvollen Staatsausgaben.

Kinderbücher sind demnach eine unverantwortliche Ausgabe. 

Donald Trump musste diesen Haushalt nicht persönlich unterschreiben. Das erledigten seine republikanischen Gesinnungsfreunde in Missouri. Aber die Kürzung passt ausgezeichnet in eine politische Welt, in der Bildung als verdächtig gilt, sobald sie Menschen befähigt, eine Behauptung zu überprüfen.

Nach Dolly Partons Tod ordnete Trump an, die amerikanischen Fahnen eine Woche lang auf halbmast zu setzen. Das war großzügig. Fahnen eine Woche auf Halbmast zu setzen ist allerdings deutlich billiger als konstante, monatliche Bücherlieferungen. Eine Fahne nur halb hochzuziehen benötigt keine teure Druckerei, keine Briefmarke, keine Post und keinen auswählenden Bibliothekar. Sie stellt keine Fragen. Sie überprüft keine Quellen. Sie flattert einfach gehorsam im Wind, der gerade aus dem Weißen Haus kommt.

Ein Buch hingegen beginnt fast immer mit einer gefährlichen Bewegung: Jemand schlägt es auf. Plötzlich erfährt ein Kind, dass es mehr als eine einzige Wahrheit, mehr als eine MAGA-Lebensform und mehr als einen selbstverliebten präsidialen Erzähler gibt. Es entdeckt fremde Länder, andere Familien, mutige Mädchen, nachdenkliche Jungen, sprechende Tiere und gelegentlich sogar einen Kaiser, der sich als nackt erweist. Man versteht, warum autoritäre Politiker gegenüber Büchern ein gewisses Misstrauen hegen. Trump lebt von der Behauptung, dass allein seine joviale Stimme die Wirklichkeit erschafft. Ein belesenes Kind könnte eines Tages auf den Gedanken kommen, dass auch ein Präsident nur eine Figur in einer Geschichte ist – und keineswegs immer der Held.

Dolly Parton schenkte Kindern jeden Monat eine neue Geschichte.
Trump erzählt ihnen täglich dieselbe: Ich war mal wieder großartig.

Nun hängt die Fahne also tief, während der Gouverneur von Missouri Dollys Lebenswerk hochleben lässt und gleichzeitig dessen Finanzierung kürzt. Das ist amerikanische Trauerbuchhaltung: Man spart bei den Kindern und investiert in die Gedenkrede. Die Scheinheiligkeit besteht nicht darin, dass Trump um Dolly Parton trauert. Sie besteht darin, verlogen eine Frau zu verehren, deren Lebenswerk allem widerspricht, wovon der Trumpismus lebt.

Dolly wollte, dass Kinder lesen.

Trump braucht Menschen, die Überschriften für ganze Wahrheiten halten. Dolly schenkte Vorstellungskraft. Dolly glaubte, dass jedes Kind eine eigene Geschichte verdient. Trump glaubt, dass alle Menschen in seiner Geschichte Nebenfiguren sind.

Ich weiß nicht, was aus allen Kindern geworden ist, denen ich einst das Lesen beibrachte. Vielleicht schreibt eines von ihnen heute selbst. Vielleicht fand ein anderes in einem Buch nur für einige Stunden Schutz vor einem Elternhaus, das keinen Schutz bot. Vielleicht wurde irgendwo eine Tür geöffnet, von der ich nie erfahren werde.

Auch Dolly Parton wusste nicht, in welchen Kinderzimmern ihre Bücher landeten. 

Als ihr Vater ihr sagte, die Imagination Library sei vermutlich das Wichtigste, was sie je geschaffen habe, hatte er recht. Nicht „Jolene“, nicht „9 To 5“, nicht einmal „I Will Always Love You“. Sondern ein Buch im Briefkasten eines Kindes.

Am 1. September werden die amerikanischen Fahnen wieder hochgezogen. Die Kürzung in Missouri bleibt.
Und irgendwo wartet ein Kind auf ein Buch, das nicht mehr kommt.
Das ist der wirkliche Halbmast.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

Webseite von Didi van Frits
Didi van Frits auf Facebook
Didi van Frits auf YouTube

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

27 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.