Comedy Kabarett Ostdeutschland
Olaf Schubert - das Wunder im Pullunder
- Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6 Sol Extra High
- hochgeladen von Didi van Frits
Hitler hat bekanntlich nur das Buch „Mein Kampf“ geschafft. Olaf Schubert hingegen schrieb die Texte zu „Meine Kämpfe“. Schon der Plural ist ein Fortschritt. Der Diktator hatte nur einen Kampf, dafür aber ständig. Olaf Schubert hat mehrere, doch die meisten führt er gegen die deutsche Grammatik, seinen eigenen Brustkorb und die hartnäckige Weigerung der Welt, seine Genialität anzuerkennen. Hitler wollte die Welt beherrschen. Olaf Schubert möchte sie zunächst einmal erklären. Das ist zwar ebenfalls gefährlich, sieht im Rautenpullunder aber wesentlich freundlicher aus.
Überhaupt ist dieser Pullunder ein bemerkenswertes Kleidungsstück. Er sitzt am Körper wie eine gestrickte Weltanschauung. Die Rauten wirken, als hätten sich mehrere Verkehrsschilder zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen. Gedeckte Farben, gedämpfte Gefühle und darunter ein Mann, der aussieht, als habe er beim sozialistischen Wettbewerb den zweiten Preis in der Kategorie „körperliche Anwesenheit“ gewonnen.
Olaf Schubert ist das Wunder im Pullunder. Eigentlich heißt er Michael Haubold, wurde in Plauen geboren und lebt als Musiker und Komiker in Dresden. Doch Michael Haubold lässt Olaf Schubert auf die Bühne, weil ein einzelner Mensch unmöglich so viele Irrtümer gleichzeitig vertreten kann.
Olaf ist ein Betroffenheitslyriker. Er ist von allem betroffen, vor allem von sich selbst. Andere Menschen leiden an den Verhältnissen. Olaf leidet darunter, dass die Verhältnisse seine Lösungsvorschläge noch nicht verstanden haben.
Dabei spricht er nicht einfach Sächsisch. Er behandelt die deutsche Sprache wie einen alten Trabant: Er tritt kräftig gegen die Tür, vertauscht zwei Teile, zieht am Choke – und plötzlich fährt der Satz. Niemand weiß genau, wohin. Aber alle steigen ein.
Das unterscheidet ihn wohltuend von vielen Politikern. Bei denen weiß man zwar ebenfalls nicht, wohin die Reise geht, doch sie verlangen vorher noch ein Sondervermögen für den Tank.
Menschen aus der DDR gefallen mir ohnehin häufiger, als manche westdeutschen Einheitsverwalter vermuten. Joachim Gauck zum Beispiel. Er sprach so lange über die Freiheit, bis selbst die Freiheit ein wenig erschöpft wirkte. Trotzdem hörte man ihm gern zu, weil man spürte: Der Mann wusste, wie sich Unfreiheit anfühlt.
Auch Manuela Schwesig gefällt mir. Sie regiert Mecklenburg-Vorpommern, also ein Land, in dem der Horizont weit und die politische Erinnerung gelegentlich etwas kurz ist. Dort muss man zugleich mit Berlin, der Ostsee, den Werften, den Windrädern und den Hinterlassenschaften russischer Freundschaftspolitik fertigwerden. Dagegen ist ein Auftritt in der heute-show beinahe Erholungsurlaub.
Und dann gibt es noch Helga Schubert. Sie ist Psychoanalytikerin und Schriftstellerin und gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis. Das ist ein bedeutender Literaturpreis. Man bekommt ihn nicht dafür, dass man möglichst dicke Bücher über die eigenen politischen Wahnvorstellungen schreibt.
Hitler bekam für sein Buch keinen Preis. Richtig so. Wobei ich anmerken möchte, dass ich für meine Bücher ebenfalls noch keinen Preis bekommen habe. Das empfinde ich inzwischen als eine gewisse historische Unschärfe. Natürlich möchte ich mich nicht mit Hitler vergleichen. Schon deshalb nicht, weil meine Bücher erheblich friedlicher sind und bei mir bislang auch niemand auf die Idee kam, sie nach 1945 zu verbieten. Man hat sie vorsichtshalber einfach nicht massenhaft gekauft.
Das deutsche Literaturpreiswesen funktioniert offenbar nach geheimnisvollen Regeln. Man schreibt jahrzehntelang, denkt über Menschen, Geschichte, Würde, Erinnerung und Philosophie nach, veröffentlicht Bücher – und irgendwo tagt eine Jury hinter blickdichten Gardinen und zeichnet einen dreißigjährigen Autor für einen Roman über seine Sprachlosigkeit beim Frühstück aus. Ich gönne ihm das.
Ich hätte nur auch gern etwas. Einen kleinen Preis vielleicht. Er müsste nicht einmal nach Ingeborg Bachmann benannt sein. Der "Didi-van-Frits-Preis für beharrliches Weiterschreiben trotz überschaubarer Absatzlage" würde mir vollkommen genügen. Das Preisgeld könnte symbolisch sein. Eine Tasse Kaffee, ein Blumenstrauß oder ein Gutschein für Druckkosten. Aber daraus wird wohl nichts mehr.
Immerhin könnte ich mir von den verkauften Exemplaren mittlerweile einen Rautenpullunder leisten. Keinen handgestrickten aus sächsischer Kabarettseide, aber vielleicht einen gebrauchten mit kleinen literarischen Gebrauchsspuren. Ich würde ihn bei Lesungen tragen. Dazu einen Haarreif und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der soeben die Weltformel gefunden hat.
Vielleicht käme dann endlich das Fernsehen. „Herr van Frits, was möchten Sie mit Ihren Büchern bewirken?“ Ich würde ernst in die Kamera schauen und antworten: „Die Menschen müssen mehr lesen. Denn wer nicht liest, kann auch das Kleingedruckte der Geschichte nicht erkennen.“ Anschließend würde ich eine längere Pause machen. Pausen sind im Kabarett sehr wichtig. Sie geben dem Publikum Gelegenheit, den Gedanken einzuholen oder wenigstens so zu tun.
Olaf Schubert beherrscht diese Kunst. Hinter seiner grandiosen Selbstüberschätzung steckt nämlich eine ziemlich genaue Beobachtung unserer Zeit. Er zeigt den Menschen, der zu allem eine Meinung besitzt, weil ihm für Zweifel die innere Stellfläche fehlt. Einen Mann, der die Welt retten möchte, obwohl er bereits beim Anziehen des Pullunders an die Grenzen seiner Zuständigkeit geraten ist.
Damit ist Olaf Schubert nicht bloß eine komische Figur. Er ist der in Rauten gestrickte Zustand unserer Gesellschaft.
Bei ihm wird Größenwahn nicht gebrüllt, sondern genuschelt. Er marschiert nicht in Stiefeln auf, sondern steht mit dünnen Beinen und Haarreif vor einem Mikrofon. Er befiehlt nicht. Er erklärt. Und je länger er erklärt, desto deutlicher erkennen wir jene Zeitgenossen wieder, die ihre eigene Ahnungslosigkeit für eine Führungsqualifikation halten.
Vielleicht ist das die besondere Leistung dieses ostdeutschen Kabarettisten: Er macht den Größenwahn klein genug, dass wir über ihn lachen können.
Hitler schrieb „Mein Kampf“. Olaf Schubert machte daraus „Meine Kämpfe“. Und ich? Ich schreibe weiter an der „Beharrlichkeit der Philosophen“. Das ist vielleicht kein preisgekrönter Titel. Aber Beharrlichkeit ist ohnehin der einzige Literaturpreis, den man sich nicht von einer Jury verleihen lassen muss.
Und falls doch noch jemand mit einer Urkunde vorbeikommt, werde ich meinen neuen Rautenpullunder anziehen. Man möchte bei der Preisverleihung schließlich seriös aussehen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
|
| Webseite von Didi van Frits | |
| Didi van Frits auf Facebook | |
| Didi van Frits auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.