Äsen - Essen - Fressen
Vom feinen Äsen bis zum gepflegten Fressen - m~ein Reh bringt meine Sprachordnung durcheinander
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Neulich stand da plötzlich ein Reh auf der Wiese. Ganz entspannt -ganz friedlich. Und es tat das, was Rehe eben tun - es äste.
Ja, richtig gelesen, es äste. Während wir Menschen essen, Schweine fressen, äst das Wild. So hat man es gelernt. Deutsche Sprache - schwere Sprache .. hehe .. besonders dann, wenn der Magen mitdenkt.
Ich stand also da, natürlich auf Entfernung, und betrachtete das Reh voller Bewunderung. Es rupfte hier ein Kräutchen, knabberte dort ein Hälmchen - gepflegt, irgendwie vornehm. Es äste, obgleich es aussah, als würde es essen.
Aber nein. Fachlich korrekt wird geäst.
Komisch eigentlich. Denn wenn wir beim Grillfest den dritten Kartoffelsalat auf den Teller schieben und hektisch nach der letzten Bratwurst greifen, dann wird zwar offiziell gegessen - sieht aber eher nach "fressen" aus.
Aber .. wenn man mal ehrlich ist .. manche Menschen äsen inzwischen auch. Beispiel: Das sonntägliche Kuchenbuffet. Erst wird vorsichtig begutachtet, dann ganz langsam herangeschlichen und schließlich in kleinen Häppchen das Sahnestück erlegt. Und wenn nix mehr geht, geht noch das eine und andere Stück in der Tupperdose mit.
So gesehen hat das mit Essen dann oft nur noch bedingt zu tun. Äsen vielleicht? So ein vorsichtiges Herantasten an die Sahneschnitte hätte jedenfalls fast etwas Wildromantisches. Erst spähen, dann annähern, kurz links und rechts schauen - und zack, Beute gesichert.
Das Schwein hat es sprachlich übrigens nicht leicht. Egal wie manierlich es kaut - es frisst. Punkt. Selbst wenn es deutlich höflicher am Trog steht als mancher Mensch am Kuchenbuffet.
Mein Reh auf der Wiese machte derweil einfach weiter. Ganz entspannt. Kein Gedrängel, kein hektischer Blick aufs letzte Stück, kein „Nimm ruhig noch was mit!“. Es äste einfach. Friedlich. Würdevoll. Fast ein bisschen überlegen.
Und plötzlich schlich sich mich mir die Frage durch den Kopf - wer benimmt sich hier eigentlich wilder .. das Wild beim Äsen oder wir Menschen beim Essen?
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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