Was mich an Deutschland heute nachdenklich macht
Warum ich mir mehr Fairness und weniger Wegschauen wünsche
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- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Meine Enkelin ist mit einem Jungen aus der Ukraine befreundet. Sie bringt ihm Deutsch bei. Wenn ich die beiden sehe, freue ich mich darüber. Da hilft ein junger Mensch einem anderen jungen Menschen. Ganz einfach. Und genauso sollte es doch sein.
Ich habe auch eine liebe Bekannte, die ich ganz zufällig am Blumenstand bei Rewe kennengelernt habe. Sie trägt ein Kopftuch. Wir haben uns damals einfach unterhalten und uns später wiedergetroffen. Inzwischen bin ich manchmal bei ihr im Schrebergarten. Wir sitzen dort zusammen, trinken Kaffee oder Tee und plaudern über Gott und die Welt. Wir sind sicher nicht immer einer Meinung, aber wir verstehen uns gut. Und das ist doch eigentlich das Schöne.
Ich erzähle das deshalb, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass man heute sehr schnell in eine Schublade gesteckt wird, wenn man bestimmte Fragen stellt. Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, Menschen nach ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrem Aussehen zu beurteilen.
Mir geht es um unser Land und darum, wie gerecht es hier eigentlich noch zugeht.
Ich kenne Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und trotzdem jeden Monat schauen müssen, wie sie über die Runden kommen. Die ihre Miete, Strom, Versicherungen und alles andere bezahlen und sich überlegen müssen, ob für die nächste Reparatur am Auto überhaupt noch Geld da ist.
Und dann hört man von Familien mit sehr vielen Kindern, von komplizierten Familienverhältnissen mit mehreren Frauen, von Menschen, die über lange Zeit staatliche Unterstützung bekommen. Man hört von Sozialleistungsbetrug und von sogenannten Clans, bei denen der Staat teilweise jahrelang Schwierigkeiten hat, konsequent durchzugreifen.
Da darf man doch einmal fragen, wie das alles zusammenpasst, oder?
Nicht, weil man jemandem etwas neidet. Und schon gar nicht, weil man einen Menschen aufgrund seiner Herkunft schlechtmachen möchte. Sondern weil irgendwann das Gefühl entsteht - warum muss ausgerechnet derjenige, der jeden Morgen aufsteht, arbeitet und sich an alle Regeln hält, immer wieder das Gefühl haben, dass er selbst der Dumme ist?
Ich finde, die Politik muss solche Fragen aushalten können.
Wenn jemand wirklich Hilfe braucht, dann soll er sie bekommen. Selbstverständlich. Dafür haben wir unseren Sozialstaat. Und Kinder können sowieso nichts dafür, in welche Familie sie hineingeboren werden.
Aber Hilfe und Gerechtigkeit müssen doch zusammenpassen - und Regeln müssen für alle nachvollziehbar sein.
Wenn jemand hier lebt, soll er die gleichen Rechte haben wie jeder andere. Aber eben auch die gleichen Pflichten! Wer arbeitet, Steuern zahlt und sich an die Gesetze hält, sollte sich darauf verlassen können, dass das etwas wert ist. Und wer Straftaten begeht oder den Staat betrügt, muss dafür zur Verantwortung gezogen werden. Dabei sollte es völlig egal sein, wo jemand geboren wurde.
Was mich aber genauso beschäftigt, ist das, was ich jeden Tag in unseren Städten sehe.
Manche Ecken sehen einfach nicht mehr schön aus. Müll liegt herum, Dinge werden kaputt gemacht, irgendwo steht tagelang etwas herum - und manchmal fragt man sich schon, ob eigentlich niemand mehr hinsieht.
Natürlich gibt es Personalmangel, das wird uns ja immer wieder erzählt - und das will ich gar nicht bestreiten. Aber mir kann keiner erzählen, dass jede dreckige Ecke nur daran liegt.
Wenn jemand seinen Müll einfach auf den Boden wirft, obwohl der Mülleimer direkt danebensteht, dann ist das keine Frage des Personals. Das ist eine Frage von Anstand und Rücksicht.
Ich sehe immer mehr Menschen, die mit dem Handy vor der Nase durch die Gegend laufen. Sie schauen auf den Bildschirm und gar nicht mehr richtig auf das, was um sie herum passiert. Da kann neben ihnen etwas auf dem Gehweg liegen, jemand seinen Müll fallen lassen oder irgendwo bewusst alte Autoreifen abladen oder säckeweise Müll - man bekommt es gar nicht mehr mit.
Dabei ist das doch unsere Umgebung - unsere Straße - unser Vierte - unsere Stadt - unser schmaler Grüngürtel.
Und wenn jeder nur noch denkt "Ist doch nicht mein Problem", dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn es irgendwann immer mehr unser aller Problem wird.
Das hat für mich übrigens nichts mit Deutschen oder Ausländern zu tun - sondern mit Menschen. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen. Ob wir Rücksicht nehmen. Ob wir uns an Regeln halten. Ob wir unserem Gegenüber Respekt entgegenbringen. Und ob wir uns noch dafür interessieren, was wir unseren Mitmenschen hinterlassen.
Ich wünsche mir von der Politik deshalb keine großen Sprüche. Ich wünsche mir einen Staat, der funktioniert. Der Menschen hilft, wenn sie Hilfe brauchen, aber auch darauf achtet, dass es gerecht zugeht. Einen Staat, der Kriminalität nicht schönredet und nicht jahrelang zuschaut, wenn bestimmte "Strukturen" immer wieder auffallen.
Und ich wünsche mir, dass man darüber reden darf, ohne sofort als rechts, links, ausländerfeindlich oder sonst irgendetwas bezeichnet zu werden.
Denn eine Frage ist doch noch keine Hetze.
Eine Sorge ist noch kein Hass.
Und Kritik an der Politik bedeutet nicht, dass man gegen Menschen ist.
Ich denke dabei oft an meine Enkelin. Ich möchte, dass sie später in einem Land lebt, in dem es sich lohnt, ehrlich zu sein, zu arbeiten und füreinander da zu sein. Ein Land, in dem niemand wegen seiner Herkunft schlechter behandelt wird, aber auch niemand glaubt, dass für ihn andere Regeln gelten. Okay - vielleicht ist das ein bisschen altmodisch. Aber wenn ich meine Enkelin sehe, wie sie einem Jungen aus der Ukraine Deutsch beibringt, und wenn ich mit meiner Bekannten im Schrebergarten sitze und wir über Gott und die Welt reden, uns in den Arm nehmen - dann denke ich eigentlich: So könnte es doch funktionieren.
Nicht gegeneinander. Miteinander.
Aber mit Regeln, die für alle gelten, und mit einer Politik, die den ganz normalen Menschen nicht vergisst.
Mehr wünsche ich mir eigentlich gar nicht.
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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