Draußen Sommer - drinnen Herbst
Die etwas flatterhafte Kaufhaus-Anekdote
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Vor dem Laden herrschte noch immer sommerliche Aufregung.
Bunte Tücher flatterten im warmen Wind, drehten kleine Pirouetten und machten ordentlich auf sich aufmerksam. Mal schob der Wind sie nach rechts, mal nach links - und wenn draußen gerade kein Lüftchen wehte, sorgte der Durchzug dafür, dass sie trotzdem nicht zur Ruhe kamen. Schließlich hatten sie noch etwas zu erledigen - die letzten Bikinis und Badeanzüge sollten nicht einfach so in Vergessenheit geraten.
"Hier entlang!", raschelte ein kunterbuntes Tuch, das sich besonders weit hinauswagte. "Schaut her - der Sommer ist noch lange nicht vorbei!" Ein türkisfarbenes Tuch schwang zustimmend hin und her. "Genau! Man weiß ja nie, vielleicht kommt noch jemand vorbei, der dringend einen Bikini oder Badeanzug braucht."
Drinnen allerdings sah die Sache schon ganz anders aus. Auf den Tischen und in den Regalen hatte der Herbst längst Einzug gehalten und machte es sich dort ziemlich bequem. Warme Schals lagen nebeneinander, mit Glitzersteinchen verziert, kuschelige Schlafanzüge warteten auf kühlere Nächte, dicke Socken hatten sich gemütlich zusammengerollt und die Mützen schienen schon genau zu wissen, dass ihre große Zeit bald kommen würde.
"Na, dann wartet mal schön", spottete ein Bikini vom Eingang herüber. "Ihr könnt euch ruhig noch ein bisschen gedulden. Es ist schließlich noch Sommer."
Ein dicker Wollschal glitzerte gelassen. "Das sagen die Sommerklamotten jedes Jahr. Und jedes Jahr hängen sie irgendwann plötzlich ganz hinten." "Pah", empörte sich der Bikini. "Ich bin noch gefragt." "Natürlich", murmelte der Badeanzug neben ihm. "Deshalb hängst du ja auch seit Tagen hier und führst Selbstgespräche." "Ich warte auf meinen großen Auftritt", antwortete der Bikini würdevoll. "Und wer weiß - vielleicht kommt er ja genau jetzt."
Da öffnete sich die Ladentür und eine Frau betrat das Geschäft. Sofort wurden die Kleidungsstücke still. Zumindest taten sie so. Sie blieb zunächst bei den letzten Sommerteilen stehen, während draußen die Tücher weiter flatterten, als wollten sie ihr unbedingt den Weg weisen. Der kleine Bikini rückte auf seinem Bügel ein winziges Stück nach vorn. "Na bitte", flüsterte er. "Ich hab's doch gesagt."
Der Badeanzug wurde ebenfalls ganz aufgeregt. " Hey , du Winzling - jetzt benimm dich. Vielleicht nimmt sie mich." "Dich? Mit deinem Streifenlook?" "Warum nicht?" "Weil du ja nur so tust, als würdest du 'strecken', aber in Wirklichkeit machst du die Hüften breit".
Tja - was soll ich sagen oder besser gesagt schreiben? Wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der Dritte - und in diesem Fall war es der Herbst, der offenbar genau auf diesen Moment gewartet hatte. Die Frau ließ Bikini und Badeanzug links liegen und entschied sich stattdessen für einen Schal mit ganz viel Glitzer.
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.