Gedanken zur Politik mit einem Augenzwinkern
Vom Quereinsteiger zum Minister - kann das jeder?

Nich jedes Spielfeld hat dieselben Regeln. Aber gilt das auch für die Politik?
  • Nich jedes Spielfeld hat dieselben Regeln. Aber gilt das auch für die Politik?
  • hochgeladen von Hildegard Grygierek

Wieder wurde ein Ministeramt neu besetzt - und wie immer begann sofort die Diskussion: „Hat derjenige überhaupt genügend Fachkenntnisse für dieses Ressort?“

Die einen winken ab: „Ein Minister muss kein Experte sein.“
Die anderen schütteln den Kopf: „Wäre ein bisschen Erfahrung nicht doch hilfreich?“

Und schon fing mein Kopfkino an. Eigentlich müsste das doch auch im normalen Leben funktionieren.
Der Installateur eröffnet morgen eine Zahnarztpraxis. Der Metzger übernimmt die Flugaufsicht. Der Chorleiter wird Schiedsrichter in der Bundesliga, weil er schließlich gewohnt ist, viele Stimmen gleichzeitig zu bändigen. Der Bäcker wird Verkehrsminister, weil er weiß, wie man morgens lange Schlangen organisiert. Und der Gärtner übernimmt die Raumfahrt - schließlich kennt er sich mit Wachstum und neuen Trieben aus.

Warum eigentlich nicht? Es gibt ja Menschen, die mehrere Berufe perfekt beherrschen.

Natürlich weiß ich, dass Politik anders funktioniert. Minister arbeiten mit Fachleuten, Wissenschaftlern und erfahrenen Mitarbeitern zusammen. Niemand erwartet ernsthaft, dass ein Gesundheitsminister am Nachmittag noch schnell ein paar Krankenbesuche macht.
Obwohl … da fällt mir gerade Jens Spahn ein. Als er während seiner Amtszeit Krankenhäuser besuchte, bekam er von Pflegekräften und Beschäftigten durchaus deutliche Worte zu hören. Es ging um Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung und den Wunsch, dass die Sorgen an der Basis nicht nur freundlich angehört, sondern auch wirklich ernst genommen werden. Manchmal ist eben ein Rundgang durch Krankenhausflure lehrreicher als ein Stapel Akten auf dem Schreibtisch.

Trotzdem bleibt diese Frage im Hinterkopf - wie viel Fachwissen sollte eigentlich vorhanden sein, wenn man Verantwortung für Millionen Menschen übernimmt?
Ja gut - vielleicht denke ich einfach zu altmodisch. Denn offenbar ist heute vieles möglich.

Man kann Fußballtrainer werden, obwohl man nie Bundesliga gespielt hat. Man kann Bestsellerautor werden, obwohl man früher Gebrauchsanweisungen geschrieben hat. Man kann mehrere Berufe lernen und in allen richtig gut sein. Solche Lebensläufe gibt es - und sie verdienen Respekt.
Menschen entwickeln sich weiter. Sie lernen dazu. Sie wachsen mit ihren Aufgaben.

Man kann sogar Millionär werden, ohne den leisesten Schimmer von Geld zu haben. Ein Lottogewinn fragt schließlich nicht nach einem Abschluss in Betriebswirtschaft. 
Vielleicht ist Politik manchmal ähnlich. Das Amt bekommt man nicht, weil man jede Fachfrage beantworten kann, sondern weil man das Vertrauen erhält, gute Entscheidungen zu treffen - und klug genug ist, auf die Menschen zu hören, die sich wirklich auskennen.

Bleibt nur zu hoffen, dass dieses Zuhören genauso selbstverständlich ist wie die Ernennung selbst. Bis dahin versuche ich, die Sache mit Humor zu nehmen. Und sollte ich morgen erfahren, dass ein Kleingärtner Raumfahrtminister wird, werde ich nicht sofort protestieren. Ich frage mich lediglich, ob die Rakete dann wenigstens pünktlich gegossen wird.
Nun denn - man muss ja nicht alles können. Aber wenn schon Berater da sind, wäre es schön, wenn man auf die hört, die Ahnung haben - und nicht nur auf die, die gerade am lautesten nicken.

Aber bei aller Satire bleibt am Ende doch ein ernster Gedanke. So lustig die Vorstellung auch ist, dass jeder plötzlich jedes Amt übernehmen könnte - ganz so einfach sollte es bei wichtigen politischen Aufgaben nicht sein.
Natürlich braucht ein Minister gute Mitarbeiter, Experten und Menschen, die sich in ihrem Fachgebiet auskennen. Niemand kann allein ein komplettes Ministerium überblicken.
Aber genau deshalb erwarten viele Bürgerinnen und Bürger auch, dass bei der Auswahl von Personen für wichtige Ämter nicht nur Beziehungen, Parteizugehörigkeit oder persönliches Vertrauen eine Rolle spielen.
Ein Ministerium ist kein Vereinsposten und auch keine Belohnung für lange politische Wegbegleitung. Es geht um Entscheidungen, die das Leben vieler Menschen beeinflussen.
Das Argument „Dafür gibt es doch Berater“ ist richtig - aber es darf nicht zur Ausrede werden. Denn am Ende trägt nicht der Berater die politische Verantwortung, sondern die Person an der Spitze des Ministeriums.

Vielleicht wäre es deshalb wünschenswert, bei der Besetzung wichtiger Ämter noch stärker darauf zu schauen - wer bringt die besten Voraussetzungen für diese Aufgabe mit? Wer versteht die Herausforderungen? Denn niemand erwartet den perfekten Menschen im Ministerbüro. Den perfekten Menschen gibt es nirgendwo. 
Aber die Bürgerinnen und Bürger dürfen erwarten, dass dort jemand sitzt, der nicht erst nach der Ernennung die Gebrauchsanweisung für sein eigenes Ministerium suchen muss.

Und wenn dabei trotzdem ein bisschen Humor bleibt, ist das vielleicht gar nicht schlecht - denn Lachen ist manchmal die freundlichste Art, eine ernste Frage zu stellen.

Bürgerreporter:in:

Hildegard Grygierek aus Essen

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