Ich dachte, die Wiesn dauert den ganzen Oktober
O'zapft is! - Nur leider war ich zu spät
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Eigentlich wollte ich schon längst etwas über die Wiesn schreiben.
Nicht, weil ich da war oder unbedingt hinwollte - ganz im Gegenteil. Ich hatte überhaupt nicht vor, mich ins Dirndl zu werfen, die Möpse zu hieven, eine Maß zu stemmen und mich zwischen Blasmusik, Bierzelten und Fahrgeschäften ins bajuwarische Getümmel zu stürzen. Nein, ich wollte ganz gemütlich von außen darüber schreiben. Ein bisschen Wiesn-Luft in den Artikel pusten, ein bisschen über die Promis lästern, ein paar bayerische Wortfetzen einbauen, mit "O’sapft is!" um mich werfen und mich vielleicht ein kleines bisschen über Lederhosen, Dirndl und die ganz besondere bayerische Gemütlichkeit amüsieren. Dafür, so dachte ich, habe ich ja den ganzen Oktober Zeit. Schließlich heißt das Ganze doch Oktober-Fest. Was soll da schiefgehen?
Tja. Mei. Da hab ich die Rechnung offenbar ohne die Bayern gemacht. Während ich noch überlegte, wann ich denn nun endlich meinen Wiesn-Beitrag schreibe, war die Wiesn längst dabei, für die Muh-Kuh's Platz zu machen. Am 4. Oktober war Schluss. Aus und vorbei. Fertig. Die Zelte sind wieder leer, die Fässer sowieso, die Fahrgeschäfte stehen still, die letzten Brezn sind längst verdaut und die Lederhosen hängen steif wieder brav ..hust.. im Schrank. Und ich sitze hier und denke - Moment mal … ich wollte doch noch über die Wiesn schreiben!
Das ist natürlich eine ganz besondere Form von schlechtem Timing. Andere verpassen vielleicht den letzten Zug. Ich verpasse gleich ein ganzes Volksfest - und das, obwohl ich gar nicht hinwollte. Ich habe die Wiesn quasi nicht besucht, sondern "journalistisch" verschlafen. Man könnte auch sagen - ich war nicht zu spät auf der Wiesn. Ich war zu spät mit der Wiesn.
Dabei hatte ich schon so schöne Gedanken. Ich wollte über das bayerische Lebensgefühl schreiben, über "Servus", "Mei", "A geh", "Sakrament", "fei" und "gell". Wörter, bei denen man als Nicht-Bayer'in sofort das Gefühl bekommt, man müsse irgendwo Platz nehmen, eine Brezn bestellen und sehr überzeugend nicken. Ich wollte natürlich auch das berühmte "O’zapft is!" unterbringen. Jetzt kann ich nur noch sagen: "O’zapft war."
Auch über den sogenannten Bavaria Blue hätte ich mich gern ausgelassen. Meine ganz persönliche Definition dieses Zustands .. Bavaria Blue ist erreicht, wenn nach ein paar Maß plötzlich jeder zum Spezl wird, jede Brezn zur bayerischen Kostbarkeit und die eigene Aussprache immer stärker Richtung "Mei, des is aber schee" driftet. Erst heißt es noch: "I trink nur oane." Dann: "A Maß geht no." Und dann: "I glaub, i geh jetz hoam." Und irgendwann fragt man sich, warum der fremde Mensch neben einem eigentlich nicht schon längst zum Freundeskreis gehört. Spätestens dann ist man vermutlich offiziell im Bavaria-Blue-Modus angekommen.
Ich hätte auch gern erklärt, dass die Wiesn gar nicht den ganzen Oktober dauert. Das Oktoberfest wurde ursprünglich tatsächlich im Oktober gefeiert, wanderte aber wegen des schöneren Wetters immer weiter nach vorne. Inzwischen findet der größte Teil im September statt und nur ein paar Tage im Oktober. Das hätte ich natürlich wissen können.
Aber nein. Ich dachte: Oktoberfest - Oktober - wird schon stimmen. Ein Denkfehler, der ungefähr so bayerisch ist wie ein Preiß, der versucht, eine Weißwurst mit Messer und Gabel zu essen und on top of this nach Ketchup verlangt.
Und nun ist die Wiesn vorbei und ich sitze hier mit meinem Wiesn-Artikel und kann nur noch hoffen, dass die Bayern ein bisserl Nachsicht mit mir haben. Schließlich wollte ich ja gar nicht auf die Wiesn. Ich wollte nur darüber schreiben. Vielleicht ist das aber auch typisch bayerisch: Immer schön gemütlich bleiben, keinen Stress machen und die Sache nicht überstürzen. Das habe ich offenbar besonders konsequent umgesetzt.
Für nächstes Jahr habe ich jedenfalls gelernt. Sobald irgendwo wieder "O'zapft is!" gerufen wird, werde ich hellhörig. Dann weiß ich - jetzt ist der Moment gekommen. Nicht irgendwann im Oktober. Sondern rechtzeitig.
Bis dahin bleibt mir nur noch mein ganz persönlicher "Wiesn-Nachruf": Wiesn vorbei, Maß nicht getrunken und trotzdem Bavaria Blue ins Bett gesunken :-))))
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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