Wenn Crange aus ist, ist der Sommer vorbei
Läuft doch - oder doch nicht so rund?
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Wenn Crange aus ist, ist der Sommer vorbei. Diesen Satz hört man hier im Ruhrgebiet immer wieder - und irgendwie stimmt er. Nicht, weil danach plötzlich der Herbst vor der Tür steht - wenn es auch derzeit wegen der Trockenheit so aussieht. Immer wenn die Lichter auf dem Cranger Kirmesplatz langsam ausgehen, die Fahrgeschäfte abgebaut werden und die letzten Besucher nach Hause gehen, dann fühlt es sich tatsächlich so an, als würde ein Stück Sommer zu Ende gehen.
Die Cranger Kirmes gehört einfach zum Ruhrgebiet. Seit Generationen. Eltern gehen mit ihren Kindern hin, die früher selbst schon mit großen Augen vor den Karussells standen. Heute kommen die Enkel dazu und erleben genau das, was für Omma und Oppa schon dazugehört hat - Lichter, Musik, der Geruch von gebrannten Mandeln, Pommes und allem, was man sich eigentlich nur einmal im Jahr gönnt. Und natürlich dieses ganz besondere Gefühl, wenn man über den Platz läuft und denkt - Ja, da sind wir wieder. Crange.
2026 findet die Kirmes bereits zum 542. Mal statt - krass, wat? Rund 50 Fahr-, Show- und Laufgeschäfte stehen auf dem Platz .. und wieder werden mehrere Millionen Besucher erwartet. Der Eintritt ist frei - was bei einer Veranstaltung dieser Größe durchaus erwähnenswert ist. Aber .. Kinners .. kostenlos bleibt der Kirmesbesuch deshalb natürlich nicht.
Und billig auch nicht. Eine Fahrt hier, eine Runde dort, Autoscooter, etwas zu essen, vielleicht, ach quatsch, ganz bestimmt noch ein Eis, Zuckerwatte - und natürlich darf man an den gebrannten Mandeln auch nicht einfach vorbeigehen. Und schon ist man deutlich mehr Geld los, als man eigentlich vorhatte auszugeben.
Die Preise sind deshalb für viele inzwischen ein Thema. Kirmes war noch nie wirklich billig, aber gerade Familien merken heute besonders schnell, was so ein Abend kosten kann. Mit den Crangepässen wird versucht, ein bisschen entgegenzuhalten. Den Fahrpass gibt es in diesem Jahr für 15 Euro mit einem Gegenwert von 20 Euro, beim Schlemmerpass bekommt man für 20 Euro ebenfalls Spaß .. inne Backen .. also einen Gegenwert von 25 Euro. Und am Familientag gibt es zusätzliche Vergünstigungen.
Trotzdem hört man auf dem Platz natürlich auch den Satz: „Früher war das billiger.“
Ja. War es. Aber früher war auch vieles andere billiger. Und hinter den Fahrgeschäften stehen Schausteller, die ihre Anlagen transportieren, aufbauen, warten und betreiben müssen. Strom, Personal, Sicherheit, Versicherungen - dat alles kostet Kohle. Vielleicht hilft es, sich das ab und zu ins Gedächtnis zu rufen, bevor man über den Preis der nächsten Fahrt rumzetert.
Wobei man sich natürlich trotzdem aufregen darf. Ruhrgebiet eben.
Und vielleicht ist genau das das Schöne an Crange . jeder erlebt die Kirmes anders. Für den einen gehört die große Achterbahn dazu, der nächste will nur eine Runde Autoscooter fahren und danach eine Currywurst essen. Manche sitzen gemütlich zusammen, trinken wat und lassen einfach die Kirmes an sich vorbeiziehen. Andere drehen ihre Runden über den Platz - nur gucken gilt aber nicht. Wenn man schon auf Crange ist, muss man schließlich auch mal ausprobieren, wat da so Neues an den Start gegangen is'.
Und dann sind da die Menschen - Verwandte, mit denen man eigentlich gar nicht gerechnet hat, alte Bekannte, die man plötzlich nach Jahren wiedertrifft .. und manchmal sogar Leute, mit denen man vorher noch nie ein Wort gewechselt hat. Auf Crange kommt man irgendwie schnell ins Gespräch .. so musset sein.
Aber genau diese Mischung macht Crange aus. Es ist nicht einfach nur ein Volksfest. Es ist für viele ein Stück Erinnerung. Ein Stück Heimat - ein Termin, der jedes Jahr wiederkommt und deshalb irgendwie beruhigend ist. Egal, was sich sonst verändert - Crange ist da, wie jedes Jahr.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum man trotz steigender Preise immer wieder hingeht. Weil man nicht nur eine Fahrt kauft. Man kauft ein bisschen Kindheit, ein bisschen Tradition und einen Abend, an dem der Alltag einmal Pause macht.
Und wenn man dann irgendwann wieder Richtung Ausgang läuft, vielleicht mit einer Tüte gebrannten Mandeln in der Hand und dem Gefühl, viel zu viel Geld ausgegeben zu haben, dreht man sich wahrscheinlich doch noch einmal um.
Warum? Weil es schön aussieht. Weil es dazugehört. Weil es Crange ist. Also .. läuft doch. Oder vielleicht auch nicht mehr ganz so rund wie früher.
Aber solange sich hier Menschen treffen, lachen, meckern, essen, trinken, Karussell fahren und sich jedes Jahr aufs Neue sagen „Bis nächstes Jahr“, solange wird Crange auch bleiben, was es für uns im Ruhrgebiet immer war: Ein Stück Sommer.
Und wenn Crange aus ist, ist der Sommer vorbei,-)
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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