Pflege oder Produktflut?
Ich wollte mich nur waschen

Geht es euch auch so, dass ihr euch manchmal völlig überfordert fühlt - und plötzlich an diese Zeit zurückdenkt, in der man einfach zur Flasche Apfelshampoo gegriffen hat? Einmal unter die Brause gestellt, Augen zu, und zack - man stand gedanklich mitten in einer Apfelplantage. Frisch, unkompliziert, fertig. Kein Konzept, kein Pflegeplan, keine wissenschaftliche Abhandlung über die emotionale Lage der eigenen Haarspitzen.

Heute dagegen hat man schnell das Gefühl, schon im eigenen Badezimmer nicht mehr ganz mithalten zu können. Was früher ein Griff ins Regal oder an den Badewannenrand war, wirkt inzwischen eher wie eine strategische Entscheidung. Allein die Haare scheinen sich zu einem hochsensiblen Thema entwickelt zu haben. Die Klassiker gibt es natürlich immer noch - für fettige Ansätze, trockene Spitzen oder coloriertes Haar, mit oder ohne Strähnen. Aber daneben wird es … ich sag mal … kreativ. Da findet man plötzlich Produkte für „müde Haare am Montagmorgen“, für „plattgelegene Hinterkopfpartien nach dem Schlafen“, für „Haare mit wenig Selbstbewusstsein“, Conditioner für „Spitzen mit Bindungsangst“, Pflege für „Strähnen, die mehr vom Leben erwarten“, Anti-Frizz-Serum für „wetterfühlige Strähnen“, Spülung für „sturrköpfige Fälle“ oder für „feines Haar mit dem Wunsch nach mehr Präsenz“. Und ich bin mir ziemlich sicher - irgendwo wird bereits an einer Lösung für Haare gearbeitet, die einfach keinen Bock haben. Egal an welchem Tag.

Behaarlich bei einem Produkt zu bleiben, ist nahezu unmöglich geworden. Bevor der Haaransatz überhaupt anfangen kann zu fetten, hat die Industrie längst das nächste Wundermittel auf den Markt gebracht, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt - und sich die gerade zweimal benutzte Flasche ins Regal zu den anderen angefangenen gesellt.

Und dann die Dusche. Ein kurzer Moment unter warmem Wasser, einseifen, abbrausen, fertig - so war zumindest der Plan. Stattdessen begegnet man einer ganzen Armee an Flaschen, die einem erklären, dass der eigene Körper offenbar aus unterschiedlichen Problemzonen besteht. Für jede gibt es die passende Lösung - fein abgestimmt, hoch spezialisiert und natürlich unverzichtbar.
Dabei stellt man sich irgendwann unter der Dusche ganz ernsthaft die Frage: 'Seit wann ist „normal“ eigentlich nicht mehr genug?'

Auch beim Gesicht hat sich einiges getan. Aus einem simplen Waschen ist ein mehrstufiges Ritual geworden, bei dem man fast den Überblick verlieren kann. Reinigung, Vorbereitung, Pflege, Schutz - alles für sich genommen sinnvoll, aber in Summe wirkt es schnell wie ein kleines Großprojekt, das man morgens und abends zuverlässig absolvieren soll. Und wie reagiert die Haut darauf? Findet sie das wirklich toll?
Und irgendwo zwischen all diesen Versprechen von noch mehr Pflege, noch mehr Wirkung und noch mehr Perfektion schleicht sich ein Gedanke ein, den man fast schon überhört: 'Darf es vielleicht auch weniger sein?' In der Tat - weniger ist manchmal mehr. Pflege funktioniert auch ohne zehn Zwischenschritte. Das Kuriose daran - man ist sauber! Und das ganz unspektakulär!
Vielleicht geht es gar nicht darum, alles wegzulassen. Sondern darum, wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, was man wirklich braucht - und was einem nur eingeredet wird. Denn am Ende ist es doch so - Zwischen all den „Must-haves“ und „Unverzichtbar“-Produkten geht manchmal genau das verloren, was wir eigentlich wollten - ein kurzer Moment Frische!

Und vielleicht ist genau das die kleine Revolution im Alltag - sei es unter der Dusche, in der Wanne oder am Waschbecken - sich einfach zu waschen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

Bürgerreporter:in:

Hildegard Grygierek aus Essen

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