Merz Pistorius Werftindustrie
Caesar und Jesus an Bord eines U-Bootes

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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„Wenn Caesar und Jesus sich begegneten, würden sie lächeln.“

Dieser Aphorismus wird Arthur Moeller van den Bruck zugeschrieben, jenem deutschen Kulturkritiker, der von der großen Versöhnung zwischen Macht und Geist träumte und später ausgerechnet ein Buch mit dem Titel "Das Dritte Reich" schrieb. Bei Moeller sollte man deshalb genau hinsehen, wer da eigentlich lächelt. Manches Lächeln trägt bereits Schulterklappen.

Der Satz fiel mir wieder ein, als ich mit dem Bürgerreporter Peter Gross darüber stritt, wie Deutschlands neueste Selbstdefinition als weltbester U-Boot-Verkäufer zu bewerten sei.

Ich bin kein Jesus. Schon weil mir die Fähigkeit fehlt, eine Glosse durch bloße Handauflegung in einen Leitartikel zu verwandeln. Aber mir macht Sorgen, dass im Sozialstaat jede Milliarde behandelt wird, als habe sie sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingeschlichen, während militärische Milliarden inzwischen mit Blasmusik und Sicherheitszertifikat empfangen werden.

Und Peter Gross ist kein Caesar. Obwohl er bei militärischen Fragen bisweilen so genau informiert ist, dass man erwartet, er werde gleich Gallien auf einer Seekarte markieren.

Während ich schrieb: Deutschland ist wieder Exportweltmeister. Nicht bei Schulen, Sozialwohnungen oder funktionierenden Eisenbahnweichen, sondern beim lautlosen Versenken von Milliardenbeträgen für die Rüstungsindustrie,

meldete Peter Gross aus Bochum technische Einwände an. Er lobte zwar meine Pointe, die Bahn komme zu spät, aber der Torpedo treffe. Dann erklärte er mir jedoch, wer die Bundesmarine des Jahres 2026 mit der Kriegsmarine von 1942 kurzschließe, betreibe keine historische Tiefenmessung, sondern intellektuelle Flachwasserakrobatik.

Das saß.

Denn selbstverständlich ist die Bundesmarine nicht die Kriegsmarine. Deutschland sucht keinen „Lebensraum im Osten“. Moderne U-Boote sollen Seewege überwachen, gegnerische Flotten abschrecken, Pipelines, Windparks und Datenkabel schützen und verhindern, dass ein imperialistischer Autokrat den nächsten Nachbarn verschluckt.

Das sind gewichtige Argumente.

Man sollte Karl Dönitz nicht bei jedem Stapellauf aus der historischen Mottenkiste holen und so tun, als stünde er noch immer im Admiralsmantel auf der Werft und verteile Autogramme. Wer jedes deutsche U-Boot automatisch an das Dritte Reich kettet, macht die Geschichte zur billigen Haftmine.

Wer allerdings verlangt, die Vergangenheit müsse beim Betreten einer deutschen Rüstungswerft grundsätzlich draußen bleiben, betreibt ebenfalls keine Aufklärung. Er eröffnet eine maritime Unschuldswäscherei.

Denn Geschichte ist kein blinder Passagier, den man vor dem NATO-Gipfel über Bord werfen kann. Sie sitzt längst im Maschinenraum und hört mit.

Deutschland und Norwegen haben jeweils sechs U-Boote des Typs 212CD bestellt. Kanada hat TKMS als bevorzugten Anbieter für bis zu zwölf weitere Boote ausgewählt; der endgültige Vertrag soll erst noch ausgehandelt werden. Im Erfolgsfall wären das vierundzwanzig Exemplare jener politischen Spitzentechnologie, bei der man perfekt von der Bildfläche verschwindet und trotzdem militärisch real vorhanden bleibt.

Der U-Boot-Typ heißt 212CD. CD nicht für Christdemokratisch, sondern für das neudeutsche „Common Design“. Das klingt angenehm harmlos. Fast wie ein skandinavisches Bücherregal, bei dem lediglich der mitgelieferte Inbusschlüssel unter strengster Geheimhaltung steht.

Tatsächlich besitzt das Boot einen charakteristisch rautenförmigen Rumpf, einen dieselelektrischen Antrieb und eine von Wasserstoff-Brennstoffzellen gespeiste, außenluftunabhängige Energieversorgung. Es soll besonders lange und geräuscharm unter Wasser bleiben können. Ein Produkt also, das sämtliche deutschen Regierungsideale erfüllt: schwer zu orten, außerordentlich teuer und nur unter günstigen Bedingungen öffentlich zu erklären.

Peter Gross erzählte dazu eine jener Geschichten, bei denen deutsche Ingenieure noch einmal heimlich die Pickelhaube des Selbstbewusstseins aufsetzen dürfen:

Bei einem NATO-Manöver sei ein kleines deutsches U-Boot unbemerkt bis an einen amerikanischen Flugzeugträger herangekommen. Während die US-Kommandeure glaubten, alle Angriffe erfolgreich abgewehrt zu haben, präsentierte der deutsche Kommandant Fotos vom Träger und von gelangweilten Offizieren an Deck.

Die Botschaft lautete:
Wir hätten euch versenken können. Aber wir haben euch nur fotografiert. Bitte recht freundlich.

Die Geschichte hat einen wahren Kern, nur ist sie selbst inzwischen so gut getarnt, dass sie im Laufe ihrer Weitererzählung unbemerkt Klasse und Baujahr gewechselt hat. Nach den auffindbaren Berichten handelte es sich um U 24, ein älteres Boot der Klasse 206, das bei einer Übung im Jahr 2001 bis zur USS Enterprise vordrang – nicht um ein brandneues 212A bei einem Manöver um 2003.

Stellen wir uns nun vor, Caesar und Jesus würden gemeinsam an Bord eines 212CD gehen.
Caesar betrachtet den rautenförmigen Stahlkörper, streicht über die Außenhaut und fragt:
„Wie viele Provinzen kann man damit unterwerfen?“

Der Vertreter des Herstellers verbessert ihn:
„Wir sagen heute nicht mehr unterwerfen. Wir sagen: Stabilität in strategisch sensiblen Räumen herstellen.“
Caesar nickt anerkennend. „Ihr habt nicht die Macht abgeschafft. Ihr habt nur ihre Presseabteilung verbessert.“

Jesus steht daneben und fragt: „Was kostet ein solches Boot?“ Plötzlich funktioniert die Geräuschdämmung ausgezeichnet. Man hört nur das leise Arbeiten der Brennstoffzellen und in weiter Ferne das Rascheln vertraulicher Vertragsunterlagen.

Je nach Ausrüstung, Infrastruktur, Ersatzteilen, Ausbildung und langfristiger Betreuung bewegen sich solche Beschaffungen in gewaltigen Milliardenbereichen. Doch Rüstungspreise besitzen eine wundersame spirituelle Qualität: Je höher sie steigen, desto weniger gelten sie als Geld. Sie verwandeln sich unterwegs in „Fähigkeiten“, „Pakete“, „Systemverbünde“ und „strategische Handlungsoptionen“.

Eine Milliarde für Sozialwohnungen ist eine nicht zu stemmende Ausgabe.
Eine Milliarde für ein Waffensystem ist für die notwendige Sicherheitsarchitektur.

Der Sozialstaat ist das einzige deutsche Großprojekt, bei dem Politiker jede zusätzliche Milliarde persönlich im Portemonnaie zu spüren scheinen. Bei einem U-Boot dagegen schauen sie auf die Zahl, lächeln staatsmännisch und sagen: „Natürlich ist das viel Geld. Aber Freiheit ist unbezahlbar.“

Was insofern stimmt, als sie regelmäßig eine Rechnung schickt.
Caesar versteht das sofort. Er erklärt Jesus, Frieden benötige Stärke.
Jesus fragt: „Stärke für wen?“
„Für den Westen“, sagt Caesar.

„Für welchen Teil des Westens?“, fragt Jesus. „Für den Vorstand im beheizten Konferenzraum oder für die Frau, die im Winter ihre Wohnung nur noch stundenweise heizt? Für das Datenkabel auf dem Meeresgrund oder für das Kind, dessen Schuldach seit sechs Jahren unter einer Plane liegt?“

Caesar wird ungeduldig.
„Ohne Sicherheit gibt es keinen Sozialstaat.“
„Und ohne Sozialstaat“, antwortet Jesus, „was genau verteidigt eure Sicherheit dann noch?“
Damit ist der neuralgische Punkt erreicht.

Denn natürlich braucht eine Demokratie Verteidigung. Wer angesichts von Putins Angriffskrieg und der weltweiten Rückkehr imperialer Machtpolitik glaubt, Frieden entstehe automatisch durch moralische Überlegenheit, verwechselt Bergpredigt und Wetterbericht.

Aber eine Demokratie kann sich auch zu Tode schützen.
Sie kann ihre Schulen verfallen lassen, ihre Bahnhöfe schließen, ihre Pflegekräfte erschöpfen, ihre Kommunen verschulden und anschließend erklären, all dies sei leider notwendig, damit „unsere Lebensweise“ verteidigt werde.

Irgendwann müsste jemand fragen, wo diese Lebensweise noch besichtigt werden kann.
Vielleicht dienstags zwischen zehn und zwölf, nach vorheriger Terminvereinbarung.

Peter Gross hat recht: Ein modernes deutsches U-Boot ist nicht bloß eine schwimmende Dönitz-Reliquie. Es kann ein militärisch sinnvolles Mittel der Abschreckung sein. Es kann Datenkabel, Seewege und Bündnispartner schützen. Es kann einem Gegner signalisieren, dass Aggression einen Preis hat.

Doch auch ich möchte eine kleine Wasserstandsmeldung abgeben:
Ein Staat darf nicht nur seine Kabel schützen. Er muss auch den Zusammenhang schützen, der zwischen seinen Bürgern verläuft. Auch dieser Zusammenhang kann sabotiert werden.
Nicht mit Sprengstoff, sondern mit Altersarmut, Wohnungsmangel, geschlossenen Bibliotheken, überfüllten Schulen und dem Gefühl, dass für alles Geld vorhanden ist – außer für das eigene Leben.

Caesar und Jesus lächeln also tatsächlich, als sie sich an Bord begegnen.
Caesar lächelt, weil das Imperium gelernt hat, seine Macht nicht mehr Eroberung, sondern „regelbasierte Ordnung“ zu nennen.

Jesus lächelt, weil er weiß, dass selbst Caesar irgendwann eine moralische Begründung benötigt. Kein Reich marschiert gern unter einem Schild mit der Aufschrift: Wir tun das ausschließlich wegen der Rohstoffe.

Caesar braucht Jesus, damit die Macht ein Gewissen vorzeigen kann.
Jesus braucht Caesar vielleicht, weil selbst die schönste Botschaft Straßen, Schutz und eine gewisse weltliche Ordnung benötigt, um sich auszubreiten. Die römischen Straßen halfen einst dem Christentum, durch das Reich zu reisen.

Später half das Christentum dem Reich, seinen militärischen Untergang wenigstens kulturell zu überleben.

Nur verlief diese Zusammenarbeit selten so friedlich, wie der Aphorismus suggeriert. Erst kreuzigte Caesar Jesus. Dann malten Caesars Nachfolger das Kreuz auf ihre Feldzeichen. Das war die abendländische Synthese: Die Liebe bekam eine Uniform, und die Macht einen Heiligenschein.

Vielleicht sehnte sich Moeller van den Bruck nach einer Versöhnung von äußerer Stärke und innerem Geist. Nach einem Caesar, der nicht brutal ist, und einem Jesus, der nicht ohnmächtig bleibt.

Das Problem beginnt, sobald Caesar behauptet, er spreche nun auch im Namen Jesu.
Dann wird aus Nächstenliebe Bündnistreue, aus dem Brotbrechen ein Beschaffungsvorgang und aus dem Friedensgebot eine Broschüre mit dem Titel: Frieden schaffen mit führender Unterwassertechnologie.

Am Ende der Besichtigung blickt Caesar durch das Periskop. Er sieht die Werft, Minister, Vorstandsvorsitzende, Kameras und eine Flasche Sekt, die gleich an einem Stahlrumpf zerschellen wird.

Jesus schaut ebenfalls hindurch. Er sieht dahinter ein geschlossenes Schwimmbad, einen stillgelegten Jugendtreff, eine Pflegestation mit Personalmangel und eine Schule, in der es in den Flur regnet.

„Common Design“, sagt Caesar zufrieden. Jesus schüttelt den Kopf. „Common Excuse.“ Dann taucht das Boot ab. Nicht aus Feigheit, selbstverständlich. Nur trickreich.

Und oben an Land erklärt die Bundesregierung, man müsse nun leider sparen.
Der Torpedo trifft sekundengenau. Die Deutsche Bundesbahn nicht.

Die entscheidende Frage lautet allerdings:
Welches Ziel verfehlt eine Demokratie, wenn sie unter Wasser Weltklasse wird
– und an Land immer weniger zuständig?

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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