AfD Sachsen-Anhalt Bayern Augsburg
Wem gehört die Heimat? Mein Quintett
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Auf dem Marktplatz in Magdeburg steht eine große weiße Tafel. Darauf hat die Schauspielerin Sandra Hüller geschrieben: „Wahre Heimatliebe ist …“ Daneben liegt ein Filzstift. Das ist natürlich leichtsinnig. Einen Filzstift sollte man in Deutschland niemals unbeaufsichtigt neben einem unvollständigen politischen Satz liegen lassen. Als Erste kommt die AfD. Sie nimmt den Stift und schreibt: „… wenn alles wieder so wird, wie es früher einmal in der DDR war.“
Dann kommt die CDU vorbei. Sie betrachtet den Satz, räuspert sich und ergänzt: „… wenn das Stadtbild nicht getrübt ist.“ Die SPD möchte ebenfalls etwas beitragen. Sie schreibt: „… wenn sich jeder einen Urlaub leisten kann.“ Die Grünen setzen ein Sternchen hinter „Heimat“ und erklären, der Begriff müsse zunächst nachhaltig, vielfältig und möglichst mit Fahrradwegen gedacht werden. Campact klebt einen Aufkleber daneben: Gegen Reisen mit Kreuzfahrtschiffen.
Die Menschen bleiben stehen und betrachten das Werk. Einige nicken. Andere schütteln den Kopf. Einer fotografiert alles und stellt es ins Internet, wo sofort siebenundvierzig Personen erklären, was Heimat wirklich bedeutet. Zwei davon wohnen seit Jahren auf Mallorca.
Dann komme ich vorbei und schreibe, dass mein glücklichster Moment einmal auf einem Django-Reinhardt-Festival in Augsburg war. Zusammen mit Sinti und Roma. Meine Gitane-Gitarre hatte ich auch mit dabei. Sinti und Roma haben keine Paläste oder Burgen. Keine Bibliotheken und Museen. Sie haben nur ihr Zusammensein als Kulturform. Das ist leichtes Gepäck. Das ist günstig, wenn man so oft von Hass vertrieben wird.
Dann gehe ich nach Hause. Da sitzen schon Freunde. Einer aus Hanoi, ein anderer aus Amsterdam, jemand ist in Wuppertal geboren, ein anderer weiß schon lange nicht mehr genau, welches Land er nennen soll, wenn ihn jemand fragt, wo er eigentlich herkommt.
Aus der Küche zieht der Geruch von Knoblauch, gebratenen Zwiebeln und einer Speise, deren Namen nicht alle richtig aussprechen können. Flühlingslollen. Das hindert niemanden daran, eine zweite Portion zu nehmen. Jemand bringt mir meine Gitarre. Die Kinder reden durcheinander. In mehreren Sprachen und in jener besonderen Kindersprache, die keine Grenzen kennt, solange niemand eine zieht. Die Katze sitzt auf einem Stuhl, als hätte sie ihn geerbt. Niemand wagt, ihr zu widersprechen.
Später wird ein altes Lied gespielt. Einer kennt die Melodie, eine andere den Text, ein Dritter singt falsch MY WAY, aber mit großer Überzeugung. Für einen Augenblick gehört das Lied allen. Vielleicht ist es mit der Heimat genauso. Sie ist nicht nur der Ort, an dem man geboren wurde. Manchmal ist sie der Ort, an dem jemand den erfundenen Künstler-Namen respektiert. Wo eine Tasse hingestellt wird, ohne dass man darum bitten muss. Wo eine Geschichte noch einmal erzählt werden darf, obwohl die anderen sie längst kennen. Wo ein Kinderchor plötzlich ruft: "Didi, Didi, Didi!" Und ich hinterher erst begreife, dass es in vietnamesisch so etwas heißt wie "Arsch hoch, los komm her, dawei, avanti!"
Heimat kann eine Straße sein, ein Café, eine Landschaft, ein Lied oder die Hand eines Menschen, der sagt: „Setz dich. Wir haben noch Platz.“ Auch die Vergangenheit kann Heimat sein. Sie darf nur nicht zum Hauptquartier werden.
Denn sobald jemand einen Zaun um das Wort zieht und ein Schild aufstellt – "Nur für wahre Heimatfreunde" –, wird aus der Heimat eine Grenzstation. Dann werden Pässe kontrolliert, Erinnerungen geprüft und Gefühle nach ihrer Herkunft gefragt. Aber Gefühle besitzen keinen Reisepass.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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