Nach über 60 Jahren medizinischer Versorgung
Ein Stück Heimat stirbt - Der schmerzhafte Abschied und das zynische Versagen der Ärztekammer
- Grafik: © Wolfgang Decius
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Wer in diesen Tagen an dem vertrauten Schild in der Einfahrt vorbeigeht (Foto), dem schnürt es unweigerlich die Kehle zu. „Gemeinschaftspraxis Fachärztinnen für Innere Medizin Dr. med. Eva-M. Weber-Arthasana, Dr. med. Angela Weber.“ Ein Schild, das für weit mehr stand als für rein medizinische Versorgung. Es stand für über 60 Jahre aufopferungsvolle Hingabe, für ein unerschütterliches Vertrauensverhältnis, für unzählige gerettete Leben und getrocknete Tränen. Am 30. Juni werden sich die Türen dieses Hauses für immer schließen. Ein beispielloses Lebenswerk findet sein Ende – und lässt hunderte verwaiste, verzweifelte Patienten zurück.
Es ist ein herzzerreißender Abschied, der nicht freiwillig kommt. Über fünf lange Jahre haben die Ärztinnen mit einer bewundernswerten Zähigkeit versucht, das Unabwendbare abzuwenden. Sie haben gesucht, inseriert, Klinken geputzt und gehofft, ein neues Ärzteteam für ihre Praxis zu finden, um ihre Patienten und nicht zuletzt ihr treues Personal nicht im Stich lassen zu müssen. Doch am Ende blieb die Suche vergebens. Wenn am 30. Juni das Licht in den Sprechzimmern endgültig erlischt, dann weinen nicht nur die Patienten. Es ist der leise, von tiefer Wehmut begleitete Schmerz zweier Ärztinnen und ihres gesamten Teams, die zusehen müssen, wie ihre gemeinsame Wirkungsstätte mangels Nachfolger stirbt.
An dieser Stelle darf auf keinen Fall vergessen werden, wer all die Jahre das Rückgrat dieser Praxis gebildet hat: die unermüdlichen Medizinischen Fachangestellten und Mitarbeiterinnen im Hintergrund. Sie waren die guten Geister der Anmeldung, der erste tröstende Kontakt am Telefon und die helfenden Hände im Behandlungszimmer. Inmitten des stressigen Alltags behielten sie stets den Überblick, reichten Papiertücher, fanden beruhigende Worte und organisierten das scheinbar Unmögliche. Auch für sie bedeutet die Schließung den schmerzhaften Verlust eines langjährigen, familiären Arbeitsplatzes. Man kann sich kaum ausmalen, wie schwer dieser letzte Gang, das letzte Umdrehen des Schlüssels, für das gesamte Praxisteam sein muss. Wir, die Patienten und Bürger aus Bennigsen, Springe und Umgebung, verneigen uns in tiefer Dankbarkeit vor mehr als sechs Jahrzehnten gelebter Mitmenschlichkeit und medizinischer Exzellenz, die von den Ärztinnen und ihren Mitarbeiterinnen gleichermaßen getragen wurde.
Doch diese tiefe Trauer schlägt unweigerlich in blanke Wut um.
Denn das leise Sterben dieser Praxis ist kein reines Naturereignis, sondern das Resultat eines beispiellosen strukturellen und politischen Versagens. Während das Team vor Ort fünf Jahre lang verzweifelt um eine Nachfolge kämpfte, saßen die Funktionäre der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in ihren klimatisierten Elfenbeintürmen und jonglierten mit Zahlen, die mit der Realität so viel zu tun haben wie ein Metzger mit Tierschutz.
Es ist genau jenes zynische Märchen von der angeblichen „ärztlichen Überversorgung“ in Springe, das uns Bürgern wie ein nasser Lappen ins Gesicht geschlagen wird. Laut den kafkaesken Rechenschiebern der Bedarfsplanung herrscht in unserer Region angeblich eitel Sonnenschein. Auf dem Papier der Bürokraten sind wir „überversorgt“. In der echten Welt hingegen stehen kranke, alte und verzweifelte Menschen morgens in der Kälte Schlange vor den wenigen verbliebenen Praxen, in der verzweifelten Hoffnung, überhaupt noch aufgenommen zu werden. Monatelange Wartezeiten und Aufnahmestopps sind die bittere Realität.
Es ist ein Hohn, ein Schlag ins Gesicht jeder Ärztin, jedes Praxismitarbeiters und jedes Patienten, wenn Kammern und Verbände sich hinter weltfremden Statistiken verstecken, anstatt aktiv den drohenden Kollaps auf dem Land zu verhindern. Wo war die Ärztekammer in den letzten fünf Jahren? Wo waren die großspurigen Programme, um junge Ärzte aufs Land zu lotsen? Wo war der Aufschrei der Funktionäre, um diese Praxis zu retten? Stattdessen wird die Mangelverwaltung mit einer kaltschnäuzigen Arroganz zur „Überversorgung“ umdefiniert. Das ist kein Verwaltungsakt mehr, das ist Realitätsverweigerung auf dem Rücken der Schwächsten.
Das Schild auf dem Foto wird bald abmontiert sein. Zurück bleibt ein klaffendes Loch in der medizinischen Versorgung unserer Stadt. Den Ärztinnen Dr. Weber-Arthasana und Dr. Weber sowie ihrem großartigen Praxisteam gebührt unser grenzenloser Respekt und unser tiefster Dank für eine Lebensleistung, die unbezahlbar ist. Der Ärztekammer und den verantwortlichen Planern hingegen gebührt nichts als Verachtung für ihr zynisches Nichtstun. Sie haben nicht nur eine Praxis sterben und engagierte Menschen arbeitslos werden lassen – sie spielen fahrlässig mit der Gesundheit einer ganzen Region.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Decius aus Springe |
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