Fußball-WM USA Blues
Das wankende Image der USA

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Einst war ich stolz wie ein kleiner, blauäugiger Botschafter der transatlantischen Freundschaft: Radio Lexington, Kentucky, stellte meine Bluesmusik vor. Gespielt auf einer selbstgebauten Cigar-Box-Gitarre. Mehr Amerika ging für mich kaum. Eine Kiste, ein paar Saiten, ein Stück Draht, ein Röhrenradio irgendwo in Kentucky — und schon war die Welt ein bisschen größer, freier, freundlicher.
Didi vän Frits in the USA
Text der Radio-Moderatorin Carolyn Burnette:
In the background, there we hear Didi van Frits. He's playing on a $25 do-it-yourself guitar kit he bought from Australia. A master on a guitar can even make a $25 guitar sound good! He said he's playing the Blues by Son House because he once studied theology like Son House, but gave it up like him, too. Well, Didi, we know you've always got a good word to share and a good tune...

Die Moderatorin Carolyn Burnette sagte sinngemäß: Im Hintergrund hört man Didi van Frits. Er spielt auf einem 25-Dollar-Bausatz auf einer Do-it-yourself-Gitarre, die er aus Australien gekauft hat. Ein Meister auf der Gitarre kann sogar eine 25-Dollar-Gitarre gut klingen lassen. Er sagt: "Ich spielte Blues von Son House, weil ich wie Son House einmal Theologie studiert und sie — ebenfalls wie er — wieder aufgegeben hatte." Und dann dieser schöne Satz: Man wisse, Didi habe immer ein gutes Wort zu teilen und eine gute Melodie.

Das war Amerika, wie ich es liebte: großzügig, neugierig, humorvoll. Eine Radiostimme aus Kentucky nahm sich Zeit für einen unbekannten deutschen Gitarristen mit einer billigen Selbstbau-Gitarre. Kein Marktwert, keine Quote, keine Stadionbeleuchtung. Nur ein Ton, der gefiel. Ein Mensch hörte hin. Das genügte.

Damals klang Amerika für mich nach Radiomast, Staubstraße, Baumwollfeld, Hinterhof und Freiheit. Nach Leuten, die aus drei Nägeln, einer Zigarrenkiste und einem alten Schmerz Musik machen konnten. Der Blues war für mich kein Exportartikel, sondern eine Lebensform: beschädigt, stolz, rau, improvisiert — und gerade deshalb wahr.

Heute klingt Amerika oft nach Durchsage am Flughafen.

Bitte halten Sie Ihre Papiere bereit. Bitte erklären Sie, warum Sie einreisen.

Die Fußballweltmeisterschaft steht an: USA, Mexiko, Kanada. Drei Länder, ein Turnier, viele Fahnen, noch mehr Sponsoren. Eigentlich wäre das ein Fest der offenen Grenzen. Ein Kontinent lädt die Welt ein. Doch der größte Gastgeber wirkt, als habe er den bewaffneten Türsteher gleich mitgestellt.

Die FIFA nennt das natürlich nicht Unterwerfung unter politische Macht. Sie nennt es Zusammenarbeit. So wie man auch einen Kniefall ergonomische Bodenberührung nennen kann. Gianni Infantino lächelt dazu sein bestes Funktionärslächeln: jenes Lächeln, das sagt, man habe mit der Macht nicht paktiert, sondern nur zufällig exakt neben ihr Platz genommen.

Trump wiederum betrachtet die Weltmeisterschaft vermutlich wie alles andere: als Immobilienprojekt mit Nationalhymne. Mexiko darf mitspielen, obwohl es in seiner Rhetorik gern als Drogenkartell mit Landesflagge erscheint. Kanada darf mitspielen, obwohl es in seinen Fantasien eigentlich schon Bundesstaat Nummer 51 ist.  Und die übrige Welt darf anreisen, wenn sie genügend Geld, Geduld und masochistische Freude an Einreisekontrollen mitbringt.

Vor den Stadien werden vielleicht keine Panzer stehen. Das wäre schlecht fürs Merchandising. Aber es genügt ja schon, wenn die Angst mitreist. ICE muss nicht direkt am Elfmeterpunkt patrouillieren. Es reicht, wenn Familien sich fragen, ob sie nach dem Spiel noch vollständig zum Hotel zurückkommen. Es reicht, wenn Fans nicht nur ihr Ticket prüfen, sondern auch ihren Pass, ihren Aufenthaltsstatus, ihre Hautfarbe, ihren Akzent.

Früher hieß das Versprechen Amerikas: Komm her, hier kannst du es schaffen.

Heute heißt es: Komm her, aber rechne damit, dass du erst einmal erklären musst, warum du überhaupt gekommen bist.

Dabei hat gerade der Blues nie nach Passkontrolle gefragt. Der Blues ist die Musik der Beschädigten, der Vertriebenen, der Arbeitenden, der Gedemütigten, derjenigen, die nicht viel besitzen, aber einen Ton finden, der bleibt. Er ist eine amerikanische Kunstform, geboren aus Gewalt, Ungerechtigkeit und Überlebenswillen.

Vielleicht liebte ich Amerika gerade deshalb: weil es trotz allem diese Musik hervorgebracht hatte. Weil dort aus Schmerz Klang wurde. Aus Armut Würde. Aus einer Zigarrenkiste ein Instrument.

Mein kleines Radiowunder aus Lexington war so ein Augenblick: Kein Grenzbeamter fragte meine Melodie nach ihrem Zweck. Kein Formular verlangte die Seriennummer meiner Gitarre. Keine Behörde wollte wissen, ob ein Blues aus Deutschland überhaupt einreiseberechtigt sei. Eine Moderatorin spielte ihn einfach. Ein Mensch hörte hin. Das genügte.

Und nun? Nun wird die Weltmeisterschaft in einem Land ausgetragen, dessen offizielles Image noch immer von Freiheit spricht, während seine politische Wirklichkeit immer öfter nach Misstrauen klingt. Die Freiheitsstatue steht zwar noch im Hafen, aber man hat den Eindruck, sie müsse inzwischen vor Dienstbeginn selbst einen Ausweis zeigen.

Die USA waren einmal ein Sehnsuchtsland. Nicht, weil sie fehlerlos waren — das waren sie nie. Sondern weil sie groß genug wirkten, ihre Widersprüche auszuhalten. Heute wirken sie oft großspurig: riesige Stadien, gigantische Fahnen, aber eine erstaunlich enge Vorstellung davon, wer willkommen ist.

Vielleicht wird diese WM trotzdem ein Fußballfest. Der Ball ist ja bekanntlich demokratischer als seine Veranstalter. Er rollt zu jedem Fuß, gleichgültig, ob dieser Fuß einen amerikanischen Pass besitzt, mexikanisch tanzt, kanadisch friert oder aus irgendeinem Land kommt, das Trump auf der Landkarte erst suchen müsste.

Aber das Image der USA hat einen Kratzer bekommen. Nein, keinen Kratzer. Eher eine dieser langen Schrammen, die man nicht mehr wegpolieren kann, sondern nur noch mit patriotischem Lack übermalt.

Ich denke an meine Cigar-Box-Gitarre. An das "Radio Lexington". An Carolyn Burnette. An Son House. An den alten Blues. An ein Amerika, das mir einmal wie ein weiter Horizont erschien.

Vielleicht müsste man der FIFA zur Eröffnung nicht die Nationalhymne vorspielen, sondern einen Blues. Einen einfachen, rauen, selbstgebauten Blues. Drei Akkorde würden reichen.

Titel: O Brother, where art thou — America?

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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