Änderungen im Politik-Stil
Tische-Umwerfen wie Jesus

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6.1 Astra
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Man stelle sich vor, Jesus käme heute nach Texas. Die religiöse Rechte würde ihm zunächst eine rote Mütze aufsetzen und ihn für ein Wahlkampfvideo vor die Kamera stellen. Ein bisschen Nächstenliebe fürs Familienprogramm, ein bisschen Himmel für die Stammkundschaft. Sobald er allerdings die Geldwechseltische inspizierte, wäre die Stimmung dahin. Der Sicherheitsdienst käme. Man müsse schließlich die christlichen Werte schützen. Vor diesem Mann. Nun tritt in Texas ein Demokrat auf, der offenbar die entsprechenden Bibelstellen gelesen hat. James Talarico heißt er, ist bekennender Christ und will in den US-Senat. Sollte er am 3. November gewinnen, wäre erstmals seit 1988 wieder ein Demokrat aus Texas in den Senat gewählt worden. Die republikanische Hochburg bekäme Besuch von einem Mann, der beim Wort „Bergpredigt“ offenbar keine Immobilienanlage vermutet.

Talarico wuchs bei einer alleinerziehenden Mutter auf und unterrichtete später Sprache und Literatur in einem armen Viertel von San Antonio. Als ehemaligem Lehrer gefällt mir dieser Ausgangspunkt. Wer täglich vor Kindern steht, deren Familien kaum über die Runden kommen, lernt eine Menge über gesellschaftliche Ungleichheit. Jedenfalls mehr als jemand, der sie vom Balkon seiner Villa aus für eine Frage mangelnder Leistungsbereitschaft hält. „It’s time to start flipping tables“, lautet Talaricos Wahlkampfspruch. Es ist Zeit, die Tische umzuwerfen. Er erinnert an Jesus, der im Tempel die Tische der Geldwechsler umstieß. Eine Szene, die sich für fromme Milliardäre nur begrenzt zur Wanddekoration eignet. Man hätte Jesus vermutlich lieber beim Segnen der Geschäftsräume.

Dabei ist der Tisch ein ausgezeichnetes politisches Möbelstück. An ihm sitzen diejenigen, die entscheiden. Unter ihm verschwinden gelegentlich die Absprachen. Und wer draußen bleiben muss, bekommt anschließend erklärt, er habe es eben versäumt, sich rechtzeitig einen Stuhl zu kaufen. Talarico macht den Einfluss milliardenschwerer Großspender zum Wahlkampfthema. Das dürfte einigen Herren besonders unangenehm sein: Bisher hatten sie geglaubt, der Tisch gehöre ihnen.

Auch bei Bücherverboten wird dieser Christ lästig. Er widerspricht pauschalen Verboten in Schulbibliotheken und fragt, ob selbst „Romeo und Julia“ davor sicher wären. Zwei junge Menschen lieben einander gegen den Willen ihrer Familien. Schon verdächtig. Vielleicht sollte Shakespeare vorsichtshalber durch einen Unternehmensbericht ersetzt werden. Da küsst sich niemand, und am Ende gewinnt das Kapital.

Als Jimmy Kimmel Talarico im September interviewte, lief das Gespräch nur auf YouTube. Kimmel erklärte, die Medienaufsicht FCC habe seine Sendung und den Sender unter Druck gesetzt; deshalb verzichte er auf die Fernsehausstrahlung. Eine bemerkenswerte Tischordnung: Ein Kandidat will über den Einfluss der Mächtigen sprechen, und schon wird es eng mit dem Platz am Mikrofon. Vielleicht hätte er vorher eine Werbepause buchen sollen.

Denn für Werbung ist Geld vorhanden. Der Tagesspiegel berichtet von weiteren zehn Millionen Dollar, die das Trump unterstützende Spendenkomitee „MAGA Inc.“ im September in das Rennen steckte, und zusätzlichen 2,4 Millionen von Musks „America PAC“. Während Talarico über das Umwerfen der Tische spricht, legen andere noch ein paar Millionen darauf. Man möchte schließlich verhindern, dass die Demokratie versehentlich dem Publikum gehört.

Die Geldwechsler von damals hatten es vergleichsweise schwer. Sie mussten noch persönlich im Tempel erscheinen. Heute können ihre modernen Nachfahren Sendezeit kaufen und den Wählern erklären lassen, warum ausgerechnet der Mann gefährlich ist, der ihren Einfluss begrenzen will. Das spart Wege. Und lässt sich hervorragend mit einem öffentlichen Bekenntnis zu christlichen Werten verbinden.

Ob Talarico gewinnt, ist offen. Sollte er gewinnen, wird man ihn an seinen Entscheidungen messen müssen. Umgeworfene Tische sind schnell wieder aufgerichtet, sobald die ersten Lobbyisten mit neuen Tischdecken kommen.

Fürs Erste gefällt mir jedoch dieser Christ, der sich an die Möbel wagt. Gerade in einer Politik, die den Armen Geduld predigt und den Reichen Steuervorteile verspricht.

Wer seinen Glauben so fest auf dem Kontoauszug verankert, sollte sich nicht wundern, wenn Jesus irgendwann am Tischbein zieht.

Quellen zur Faktenprüfung – Stand: 8. Oktober 2026
Viktoria Bräuner, Der Tagesspiegel, 7. Oktober 2026:
https://www.tagesspiegel.de/internationales/mogliche-midterm-sensationausgerechnet-in-der-trump-hochburg-texas-konnte-ein-demokrat-gewinnen-16129798.html

James Talarico, offizielle Wahlkampfbiografie:
https://jamestalarico.com/meet-james-talarico/

James Talarico, „Why I’m Running“:
https://jamestalarico.com/why-im-running/

Kayla Guo, The Texas Tribune, 10. September 2026 (aktualisiert am 11. September):
https://www.texastribune.org/2026/09/10/jimmy-kimmel-james-talarico-fcc-interview/

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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