Schule Sachsen-Anhalt
Schule im Sinne der AfD - eine mögliche Zukunft
- Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
- hochgeladen von Didi van Frits
Wenn die AfD Schule macht, wird aus Bildung Drill:
Flagge hoch, Erinnerung runter, Vielfalt raus.
Meine Glosse über eine Pädagogik, die Kinder
nicht neugierig machen will, sondern gefügig.
Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt die Schulen nach ihrem Geschmack umbauen dürfte, sähe der Stundenplan vermutlich so aus: erste Stunde Flaggenkunde, zweite Stunde Deutschland-Hymne-Singen, dritte Stunde nationale Erfolgsgeschichte, vierte Stunde Ausschlussverfahren. Danach große Pause — für alle, die noch dazugehören.
AfD-Forderung 1)
Die Schulpflicht abschaffen? Eine bestechende Idee. Je weniger Bildung, desto leichter fällt das Regieren. Wer nicht lernt, Fragen zu stellen, stört später auch keine Parteitage. Demokratie ist schließlich anstrengend: Man muss lesen, zweifeln, widersprechen, sich informieren, andere Perspektiven aushalten. Viel einfacher ist ein Volk, das morgens die Fahne grüßt und sich abends die neuesten Parolen eintrimmt.
AfD-Forderung 2)
Auch die Inklusion soll nach AfD-Vorstellung offenbar wieder verschwinden. Schule als Ort, an dem Verschiedenheit gelernt wird? Viel zu kompliziert. Menschen mit Behinderung, Kinder mit besonderem Förderbedarf, Kinder mit anderer Sprache, anderer Herkunft, anderer Geschichte — das alles stört natürlich den Traum von der kerzengeraden Klassengemeinschaft. Dabei wäre gerade Inklusion die beste staatsbürgerliche Lektion: Dass eine Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit denen umgeht, die nicht in die Normschablone passen.
AfD-Forderung 3)
Kinder aus Flüchtlingsfamilien sollen in „Sonderklassen“ unterrichtet werden. Das Wort allein riecht schon nach abgeschlossenem Flur, nach separatem Eingang, nach pädagogischem Abstellraum. Wer so früh sortiert, will nicht fördern, sondern markieren. Vielleicht bräuchte es tatsächlich Sonderklassen — aber nicht für Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Eher für politische Programme, die Nachhilfe in Grundgesetz, Menschenwürde und historischer Verantwortung nötig haben.
AfD-Forderung 4)
Besonders hübsch ist die Idee, statt Erinnerungskultur künftig vor allem die „Erfolgsgeschichte dieses Staates“ zu vermitteln. Geschichte als Siegeralbum, sorgfältig retuschiert. Keine Stolpersteine mehr, nur noch Hochglanzbroschüren. Kein Auschwitz, kein Vernichtungskrieg, kein Kolonialismus der Sprache, kein brauner Abgrund unter der ordentlichen Fassade. Deutschland als Erfolgsgeschichte — gewiss, es gibt sie: die Demokratie nach 1945, das Grundgesetz, die europäische Einbindung, die Aussöhnung, die Freiheit der Kunst, die soziale Marktwirtschaft, die Einwanderungsgesellschaft. Aber all das wurde nicht möglich durch Verdrängung, sondern durch Erinnerung. Wer das Dunkle aus dem Geschichtsbuch reißt, macht nicht die Seiten sauberer. Er macht die Köpfe gefährlicher.
AfD-Forderung 5)
Und dann der Patriotismus: Jeden Morgen Flagge hissen, bei Feiern die Nationalhymne singen. Schule als kleiner Kasernenhof mit Pausenglocke. Kinder sollen nicht zuerst neugierig werden, sondern stramm. Ich hätte einen Gegenvorschlag: Jeden Tag ein anderes Lied aus einem anderen Land. Montags Frankreich, dienstags Italien, mittwochs Ghana, donnerstags Ukraine, freitags Argentinien. An den Wänden die Flaggen aller Länder. Dazu die Frage: Wie leben Menschen anderswo? Was essen sie? Welche Musik hören sie? Wovor haben sie Angst? Worauf hoffen sie? Das wäre Bildung. Nicht Vaterlandskitsch im Klassenraum, sondern Weltkunde mit offenem Fenster.
AfD-Forderung 6)
Es sollen Pädagoginnen und Pädagogen ihre eigene politische Meinung nicht mehr äußern dürfen. Das klingt zunächst neutral, meint aber meistens: Bitte keine Meinung, die der Partei widerspricht. Dabei ist Schule kein Parteibüro, aber auch kein Schweigekloster. Lehrerinnen und Lehrer sollen keine Kinder indoktrinieren. Aber sie sollen Demokratie erklären dürfen. Sie sollen sagen dürfen, dass Menschenrechte nicht zur Abstimmung stehen. Sie sollen widersprechen dürfen, wenn Rassismus als Meinung verkleidet wird. Und sie sollen öffentlich über ihre Schulrealität sprechen: in Zeitungen, Büchern, Online-Portalen, Diskussionen. Wer Lehrkräfte zum Schweigen bringen will, will nicht Neutralität. Er will Ruhe vor der Wirklichkeit.
Resümee:
Die AfD träumt offenbar von einer Schule, in der Kinder lernen, was sie zu denken haben, bevor sie lernen, wie man denkt. Eine Schule mit Flagge, Hymne, Ordnung, Sortierung und geschichtsbereinigter Erfolgserzählung. Also keine Bildungseinrichtung, sondern eine kleine nationale Waschanlage: vorne gehen Kinder hinein, hinten kommen angepasste Staatsbürger heraus, trocken geföhnt und erinnerungsarm.
Zum Glück ist Schule, im besten Sinne, etwas ganz anderes. Sie ist der Ort, an dem ein Kind entdeckt, dass die Welt größer ist als das Wohnzimmer der Eltern, größer als der Stammtisch, größer als die Partei. Schule ist die Zumutung, andere zu sehen. Schule ist das tägliche Training im Nicht-Einverstanden-Sein. Schule ist der Anfang einer Gesellschaft, die nicht marschiert, sondern spricht.
Und wenn morgens schon gesungen werden muss, dann bitte nicht immer dieselbe Hymne. Vielleicht einmal ein Kinderlied aus Polen, ein Freiheitslied aus Südafrika, ein Chanson aus Frankreich, ein Partisanenlied aus Italien, ein Blues aus Amerika. Danach könnten die Kinder etwas sehr Schönes lernen: dass Heimat nicht kleiner wird, wenn man die Welt hereinlässt.
P.S.:
Zu Bild 2 (Selbstbildnis): Ich wurde 1952 eingeschult. Wir waren damals 62 Kinder in der Klasse auf ähnlichen Möbeln wie auf Bild 1. Seitdem hat sich erfreulicherweise einiges geändert in den Schulen. Ich habe übrigens Erziehungswissenschaften studiert und äußerst konfliktreich als Grundschullehrer um Verbesserungen gekämpft. Die AfD-Vorstellungen erscheinen mir als nicht zu duldender gesellschaftlicher Rückschritt.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
|
| Webseite von Didi van Frits | |
| Didi van Frits auf Facebook | |
| Didi van Frits auf Instagram | |
| Didi van Frits auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.