Ukraine-Krieg Starlink-Bremse
Empfehlung: Kapitulation als letzte Würde
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Ich bin kein Fachmann für Militärtechnologie. Aber mit Ideologiekritik beschäftige ich mich seit langem. Und manchmal hilft es, neben den technischen Möglichkeiten auch die moralischen Gewissheiten zu überprüfen. Besonders dann, wenn andere Menschen dafür sterben sollen.
Aus der Ukraine wird berichtet, dass Beschränkungen bei der militärischen Starlink-Variante Starshield Drohneneinsätze behindern: Bei höherem Bewegungstempo der Terminals brechen Verbindungen ab. Einige Einsätze mussten abgesagt werden. Eine eigentümliche Welt: Unten kämpft ein Land um sein Überleben, oben gelten Nutzungsbedingungen. Der Mut darf unbegrenzt sein. Die Verbindung offenbar nicht.
Zugleich berichtet Selenskyj von ausgebliebenen Warnungen der Partner vor russischen ballistischen Raketenangriffen. Trump erklärt hingegen, der amerikanische Informationsaustausch gehe weiter. Ein vollständiger Abbruch ist damit nicht belegt. Aber für die Menschen in einem getroffenen Wohnhaus ist bereits die ausgebliebene Warnung eine Katastrophe. Sie können die widersprüchlichen Erklärungen später lesen. Sofern sie überleben.
Ich denke an jemanden, der abends eine Tasse für den nächsten Morgen auf den Küchentisch stellt. An Kinder, deren Schulranzen neben der Kellertreppe bereitstehen. An alte Menschen, die beim Alarm nicht schnell genug aus dem Bett kommen. In den Lageberichten heißen sie Zivilbevölkerung. Jeder Einzelne von ihnen hatte eigentlich etwas anderes vor als Weltgeschichte.
Nach mehr als vier Jahren Widerstand muss die Frage erlaubt sein, wann aus bewundernswerter Standhaftigkeit eine Forderung wird, die niemand mehr verantworten kann. Wer zum Durchhalten aufruft, sollte sagen können, womit die Menschen geschützt werden sollen. Eine Solidaritätserklärung fängt keine Rakete ab. Auch dann nicht, wenn sämtliche Regierungschefs sie unterschrieben haben.
Meine bittere Empfehlung lautet deshalb: Sollte wirksamer Schutz tatsächlich nicht mehr möglich sein und eine Fortsetzung des Krieges nur noch weiteres Sterben ohne begründete Aussicht auf Besserung bedeuten, dann hielte ich selbst eine Kapitulation für verantwortbarer als das Weiterkämpfen. Auch Aufgeben kann ein Gebot menschlicher Würde sein.
Kein Mensch sollte seine Würde erst durch die Bereitschaft nachweisen müssen, sich unter Trümmern begraben zu lassen.
Dabei hilft mir die Erinnerung an Theodor W. Adorno. Er emigrierte zunächst nach England und ging 1938 nach New York, wo er am ebenfalls ins Exil vertriebenen Institut für Sozialforschung arbeitete. Er rettete sein Leben und dachte weiter. Sein Exil liefert keinen Beweis dafür, dass die Kapitulation eines Landes seine Bevölkerung schützen würde. Es erinnert mich aber daran, dass auch ein Kritiker der Herrschaft das Recht hat, sich ihrer tödlichen Reichweite zu entziehen. Niemand verlangt vernünftigerweise, ein Philosoph müsse sich erschießen lassen, damit seine Kritik glaubwürdig bleibt.
Gestern sah ich Selenskyj vor der Tür von Downing Street 10. Dort wohnt seit fünfzehn Jahren Kater Larry und beobachtet das politische Personal. Ich stelle mir vor, er habe längst bemerkt, wie leicht sich vor dieser Tür feste Zusagen machen lassen. Man steht für ein Foto zusammen. Anschließend fährt jeder nach Hause. Die Häuser sind unterschiedlich sicher.
Ich würde es Selenskyj hoch anrechnen, wenn er selbst das Wort Kapitulation auszusprechen wagte, sobald darin eine wirkliche Möglichkeit läge, Menschen zu retten. Auch ein Verbleib in London wäre für mich unter solchen Umständen kein Anlass zur Verachtung. Ein Präsident schuldet seinem Volk keine letzte heldenhafte Aufnahme vor einer brennenden Hauptstadt.
Allerdings darf meine Sehnsucht nach einem Ende der Bombardierungen nicht zur nächsten ideologischen Abkürzung werden. Eine Kapitulation bietet von sich aus keine Garantie gegen Verfolgung und Gewalt. Eine Diktatur kann Menschen auch ohne Raketen zerstören. Der Satz, es sei gleichgültig, welche Herrschaft danach komme, wäre deshalb zu leicht über die Lippen gegangen. Für diejenigen, die ihr ausgeliefert wären, könnte er furchtbar schwer werden.
Ich sitze in Hattingen. Das verpflichtet mich zur Bescheidenheit gegenüber denen, die in der Ukraine entscheiden und die Folgen tragen müssen. Es verpflichtet mich aber nicht zum Schweigen gegenüber einer Politik, die Opferbereitschaft verlangt und den Schutz der Opfer zur veränderlichen Größe macht.
Vielleicht wäre der mutigste Satz eines Präsidenten eines Tages dieser: Ich werde euch nicht länger bitten, für Versprechen zu sterben, deren Einlösung andere sich vorbehalten.
P.S.:
Dieser Artikel ist auch in meinem alphabetisch sortierten Glossen-Archiv aufbewahrt: Kapitulation
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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