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Christopher-Street-Day in Hattingen

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Thinking 5.5
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Die gefährlichste Flagge: die mit den Regenbogen-Streifen - Positive Kommentare in den sozialen Medien machen mir Mut, auch weiterhin politische Themen anzuknabbern. Wobei „anknabbern“ ein recht harmloses Wort ist. Man stellt sich ein Kaninchen vor, das vorsichtig an einer Möhre nagt. Tatsächlich fühlt man sich nach der Veröffentlichung eines politischen Textes eher wie jemand, der freiwillig in eine Schlangengrube gesprungen ist und sich dort erkundigt, ob vielleicht noch ein Platz neben der Kobra frei sei.

Manchmal denke ich deshalb: Lass die Finger von der Politik. Schreibe lieber über Urlaubsreisen. Über einen bequemen Sessel unter einem Kirschbaum. Über ein Hotel, in dem das Frühstücksei weich genug und der Zimmernachbar leise genug ist. Beim Thema Urlaub wird man höchstens beschimpft, weil man lieber an die Nordsee fährt als nach Mallorca. Das ist überschaubarer Hass.

Heute allerdings findet nur wenige Meter von unserem Haus entfernt der erste Christopher Street Day in Hattingen statt. Eine Demonstration zieht durch die Innenstadt, anschließend gibt es am Holschentor beim Hillschen Garten ein Fest mit Reden, Poetry-Slam und Musik. Hattingen zeigt Farbe – was insofern bemerkenswert ist, als unsere Stadt sonst vor allem die Farbtöne Ruhrsandstein, Fachwerkbraun und Sparkassenrot pflegt. Meine Tochter organisiert das Bühnenprogramm. Nicht, weil sie selbst queer ist. Das wäre allerdings auch kein Makel, sondern lediglich eine biografische Information, ungefähr so aufregend wie die Mitteilung, jemand spiele Cello oder esse gern Spaghetti.

Sie engagiert sich, weil sie rücksichtsvolles und demokratisches Zusammenleben für eine gute Idee hält. Sie möchte Menschen über jene Grenzen hinweg zusammenbringen, die weniger durch Länder verlaufen als durch Köpfe. Als Mutter eines musikalischen Sohnes, der selbst auf Bühnen steht, weiß sie außerdem, wie viel Mut es kostet, vor anderen Menschen etwas Eigenes zu zeigen. Einen Song. Einen Text. Eine Haltung. Manchmal sogar sich selbst.

Nun könnte man meinen, gegen ein friedliches Fest mit Musik, Poetry-Slam und Regenbogen-Fahnen könne niemand ernsthaft etwas einzuwenden haben. Aber das wäre naiv. Eine rechte Gegenkundgebung ist angekündigt. Offenbar gibt es Menschen, die beim Anblick eines Regenbogens nicht an die Schönheit nach einem Gewitter denken, sondern sofort ein Abendland untergehen sehen. Die AfD ist empört. Das gehört inzwischen zu ihrem politischen Grundservice. Wo Menschen lachen, tanzen oder ohne Genehmigung verschieden sind, muss zuverlässig jemand erscheinen und erklären, dass dies nun wirklich zu weit gehe.

Eine Partei, die sich „Alternative“ nennt, reagiert erstaunlich gereizt auf alternative Lebensentwürfe. Vermutlich bevorzugt sie Alternativen, bei denen das Ergebnis vorher feststeht.

Besonders ärgerlich findet sie offenbar, dass der Landrat zur Eröffnung spricht. 5 Minuten lang! Ein Landrat soll schließlich Straßen verwalten, Haushaltspläne unterschreiben und bei Schützenfesten so tun, als könne er den Vogel erkennen. Dass er öffentlich für Menschenwürde und respektvolles Zusammenleben eintritt, überschreitet aus Sicht mancher bereits die Zuständigkeitsordnung. Als der Landrat hört, dass die AfD nicht dulden will, ihn 5 Minuten reden zu hören, antwortet er: "Nun gut, dann rede ich zehn Minuten!"

Deshalb aber sind Polizei, Sicherheitsdienste und der Malteser-Hilfsdienst organisiert worden. Man muss sich diesen Satz langsam auf der Zunge zergehen lassen: Menschen wollen Poetry-Slam vortragen, Musik machen und friedlich sichtbar sein – und vorsichtshalber stehen Sanitäter bereit. 

Die einen bringen Gitarren mit.

Die anderen bringen Hass mit.

Und der Staat bringt Verbandskästen.

Ich würde meine Tochter gern bei ihrer Bühnenarbeit beobachten. Ich möchte sehen, wie sie Künstlerinnen und Künstler ankündigt, Kabel sortiert, Zeitpläne rettet und wahrscheinlich gleichzeitig an fünf Stellen gebraucht wird. Ich möchte darüber schreiben, weil Demokratie nicht nur in Bundestagsreden stattfindet. Manchmal steht sie auf einer kleinen Bühne in einem Hattinger Park und hofft, dass das Mikrofon funktioniert.

Aber soll ich mich dafür hasserfüllten Attacken aussetzen?

Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Mit achtzig Jahren muss man nicht mehr so tun, als habe man vor nichts Angst. Mut ist keine angeborene Schmerzfreiheit. Mut ist die etwas lächerliche, aber notwendige Entscheidung, trotz zitternder Knie ein paar Schritte vor die Haustür zu setzen.

Vielleicht ist genau das der Zweck solcher Einschüchterungen: dass Menschen zu Hause bleiben. Dass Väter ihre Töchter nicht besuchen. Dass Zuschauer die Plätze räumen, bevor die Störer überhaupt angekommen sind. Der Hass müsste dann gar nichts mehr tun. Wir hätten seine Arbeit freiwillig übernommen.

Darum werde ich ganz sicher mit meinem Rollator zum Parkfest erscheinen. Erst dachte ich, das Fest ist nicht für mich gemacht, mit meinen 80 Jahren, Familienvater. Aber dann dachte ich: Vielleicht doch? Und Immanuel Kant fiel mir ein mit seinem Satz: "Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird!" Amazon hat mal eine Rezension von mir zensiert wegen dieses Satzes, er grenze an Volksverhetzung. Seitdem zitiere ich ihn immer gerne wieder.

Also ich rolle hin, trotz 31 Grad Celsius, schwachem Herzen und schlechten Blutwerten. Nicht mit einer Ritterrüstung. Nicht mit einem Megafon. Vielleicht nur mit einem Notizbuch und dem altersgemäßen Luxus, dass mein Rollator, den mir meine Tochter besorgt hat, auch eine bequeme Sitzfläche hat.

Ich werde meiner Tochter bei der Arbeit zusehen. Ich werde Musik hören und Menschen beobachten, die nicht mehr verlangen, als ohne Angst sie selbst sein zu dürfen.

Und sollte mir jemand vorwerfen, damit politische Propaganda zu unterstützen, werde ich ihm zustimmen.

Ja, Rücksicht ist politisch.

Anstand ist politisch.

Und manchmal ist sogar die Anwesenheit eines alten Mannes im Hillschen Garten ein politischer Akt.

Vielleicht schreibe ich morgen wieder über Urlaub.

Heute aber beginnt die Reise ein paar Meter vor meiner Haustür.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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