Wenn Nachbars Kater vor der Tür steht
„Der rote Freigänger und die Sache mit dem Fressinäpfchen“
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Warum Kater Jota seinem Dauergast endlich die Meinung sagen musste
Es gibt Nachbarn, die kommen mal auf einen Kaffee vorbei. Und es gibt Nachbars Kater. Im Fall von Jota heißt dieser Nachbar Erich - ein wunderschöner roter Kater, schon etwas in die Jahre gekommen. Mit dem würdevollen Blick eines Gentleman, der vermutlich längst vergessen hat, wem welches Grundstück eigentlich gehört - und vielleicht auch, wo er eigentlich zuhause ist -, bettelt er mehrmals täglich um Einlass. Warum auch? Grenzen sind schließlich eher etwas für Menschen. Katzen regeln so etwas bekanntlich auf ihre ganz eigene Weise.
Jota, unser grau-weißer Hausphilosoph auf vier Pfoten, saß an der Terrassentür und beobachtete an diesem Nachmittag aufmerksam den Garten. Drinnen gemütlich, draußen sonnig - eigentlich beste Voraussetzungen für einen entspannten Katzentag. Wäre da nicht Erich gewesen.
Der rote Senior saß vor der Tür. Einfach so .. macht er oft so. Mit dieser selbstverständlichen Gelassenheit, die nur Katzen besitzen, die seit Jahren erfolgreich das Leben anderer organisieren, ohne offiziell dort zu wohnen. Er schaute hinein, als wolle er sagen: „Na, macht mal auf. Ich bin schließlich da.“
Jota dagegen schien an diesem Tag beschlossen zu haben, endlich einmal Klartext zu miauen.
Man konnte ihm förmlich ansehen, wie sich all die kleinen Ungerechtigkeiten der vergangenen Jahre in seinem Katzenkopf sammelten. Denn, ich sage es so wie es ist, Erich lebt seit Langem nach dem Prinzip „Zu Hause ist da, wo andere füttern“. Mein Frauchen und Herrchen -so hätte Jota vermutlich gesagt- behandeln ihn eigentlich schon lange wie ihr eigenes Katzen-Kind. Und zwar nicht irgendeins, sondern eher die etwas verwöhnte Bonus-Ausgabe.
Seit Jahren wird Erich mitversorgt. Zweimal täglich frisches Wasser. Hier ein Schälchen Futter, dort ein freundliches Wort. Fast könnte man meinen, er hätte still und heimlich einen Pflegevertrag abgeschlossen. Nicht mit Samtpfote, sondern mit Krallen.
Doch Dankbarkeit? Weit gefehlt.
Aus Jotas Sicht sieht die Bilanz eher so aus. Erich spaziert hinein, wann immer ihm danach ist, marschiert schnurstracks zum Wassernapf, bedient sich am Fressinäpfchen, als hätte er persönlich den Einkauf erledigt, übernachtet spontan, wann es ihm gefällt - und verschwindet ebenso spontan wieder durch die Haustür, die er erstaunlich routiniert selbst öffnet. Ganz so, als würde ein pensionierter Hotelgast selbst entscheiden, wann die Rezeption Feierabend hat.
Und spielen? Fehlanzeige. Mit Jota beschäftigen? Eher nicht. Aber Jotas Spielzeug? Offenbar genau Erichs Geschmack.
Manchmal scheint es fast, als hätte der rote Senior das Konzept perfektioniert - keine Verpflichtungen, volle Versorgung und dazu kostenloses Entertainment.
Während Erich also draußen saß und geduldig Richtung Wohnzimmer blickte, wirkte Jota drinnen wie ein kleiner pelziger Gewerkschaftsvertreter für Katzenrechte. Wahrscheinlich dachte er etwas in der Art: „Jetzt reicht's. Heute bleibt die Terrasse geschlossen. Du kannst nicht einfach kommen, mein Fressi wegmampfen, mein Wasser testen, mein Bett belegen und mein Spielzeug adoptieren, nur weil du diese charmante Opa-Ausstrahlung hast.“
Doch genau darin liegt vermutlich Erichs geheime Superkraft. Denn wer könnte diesem roten Kater wirklich böse sein? Mit seinem leicht gealterten Gesicht, seiner Ruhe und dieser Mischung aus Würde und Frechheit wirkt er wie ein Senior, der längst beschlossen hat, dass Regeln eher Empfehlungen sind.
Und Jota? Nun, vermutlich würde er es niemals offen zugeben. Aber wahrscheinlich gehört Erich inzwischen einfach dazu. Vielleicht ist Familie manchmal genau das .. jemand, der ungefragt auftaucht, den Napf leer frisst, das Spielzeug zweckentfremdet und trotzdem irgendwie einen festen Platz im Herzen bekommt.
Die Terrassentür ging übrigens später doch noch auf ..
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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