Klimawandel
„Der letzte Sommer des Eises“
- hochgeladen von Thomas Ruszkowski
Als er diesem Morgen die Hütte verließ, lag ein ungewohnt warmer Wind über dem Tal. Früher hatte er hier oben immer eine Jacke gebraucht, selbst im Juli. Heute reichte ein T‑Shirt.
Er blieb stehen und blickte hinauf zur Felswand, wo einst der Gletscher gelegen hatte. Sein Großvater hatte ihm erzählt, wie er als Kind über das blaue Eis gelaufen war, wie es geknackt und gesungen hatte. Jetzt war dort nur noch grauer Stein, scharf und brüchig, als hätte jemand die Haut der Berge abgezogen.
Unten im Tal hörte er das Rauschen des Flusses, ein Geräusch, das in den letzten Jahren leiser geworden war. Im Sommer führte er kaum noch Wasser. Die Bauern klagten, die Turbinen des kleinen Kraftwerks standen oft still.
Er setzte seinen Rucksack auf und ging den Pfad entlang. Seit der Gletscher verschwunden war, hatte sich der Weg verändert. Der Boden war instabil, Geröll lag überall. Einmal war ein ganzer Hang abgerutscht und hatte die alte Brücke mitgerissen. Die Dorfbewohner sagten, der Berg sei „nervös“ geworden.
Als er die Stelle erreichte, an der früher das Gletscherbecken lag, blieb er stehen. Ein neuer See hatte sich gebildet, milchig, still, unheimlich tief. Er war schön, aber auf eine Art, die ihn frösteln ließ. Die Alten im Dorf warnten vor ihm. „Der See ist jung“, sagten sie. „Junge Seen sind unberechenbar.“
Er kniete sich hin und tauchte die Hand ins Wasser. Es war kalt, aber nicht so kalt, wie es sein sollte.
„Du bist das letzte, was von ihm übrig ist“, flüsterte er.
Ein Windstoß fuhr über die Wasseroberfläche, als würde der Berg antworten wollen.
Er stand auf und wusste, dass die Alpen sich veränderten, schneller, als die Menschen es wahrhaben wollten. Aber er wusste auch, dass Geschichten wie diese wichtig waren. Geschichten, die erinnerten. Geschichten, die mahnten.
Er war nicht hier, um zu trauern.
Er war hier, um zu erzählen.
Bürgerreporter:in:Thomas Ruszkowski aus Essen |
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