Merz und die Kinderärztin
„Nutznießer“? Dieser Satz von Merz bleibt bei mir hängen

Symbolbild

Ich habe mir den Auftritt von Friedrich Merz mit der Kinderärztin Bea Merscher noch einmal angesehen und an einer Stelle bin ich hängen geblieben. Nicht unbedingt an dem Streit über den Amtseid und auch nicht einmal an dem doch ziemlich scharfen Ton der Ärztin. Es war ein einziges Wort, das bei mir hängen geblieben ist: „Nutznießer“.

Merz hatte erklärt, die ärztlichen Budgets seien in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen und Deutschland gebe mehr als 500 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem aus. Dann sagte er zu der Kinderärztin: "Da sind Sie als Teil des Gesundheitssystems auch Nutznießer. Sie als Ärztin könnten ohne dieses Gesundheitssystem nicht leben."

Natürlich kann man sagen - eine Ärztin wird für ihre Arbeit bezahlt. Natürlich verdient eine Kinderärztin mit ihrer Praxis Geld. Und natürlich kommt dieses Geld aus unserem Gesundheitssystem. Aber muss man deshalb eine Ärztin, die gerade über die Probleme dieses Systems spricht, als "Nutznießerin" bezeichnen? Ich finde, das hat einen ziemlich schalen Beigeschmack. Denn wer sitzt da eigentlich vor ihm? Eine Kinderärztin. Keine Investmentbankerin, keine Spekulantin und auch keine Lobbyistin. Eine Ärztin, die Kinder behandelt.

Und wer einmal erlebt hat, wie es heute in vielen Arztpraxen aussieht, der weiß doch, dass der Alltag dort mit einem gemütlichen Dasein als "Nutznießer" nicht viel zu tun hat. Volle bis überlaufende Wartezimmer, ständig klingelnde Telefone, Eltern mit kranken Kindern, Mitarbeiterinnen, die versuchen, alles gleichzeitig zu organisieren. Dazu kommen Dokumentation, Abrechnung, Anträge, neue Vorschriften und, was ich aus der Sicht als Ottilie-Normalpatientin richtig krass finde, immer mehr Bürokratie. Und trotzdem versuchen die Menschen in diesen Praxen, ihre Patienten vernünftig zu versorgen.

Das sind doch nicht alles Kranken-Scheinkranke. Ein Krankenschein macht aus einem Kranken schließlich noch lange keinen Schein-Kranken. Genauso wenig sind schwangere Frauen, die zur Kontrolle beim Frauenarzt gehen,  Schein-Schwangere. Menschen gehen zum Arzt, weil sie krank sind, Schmerzen haben, Angst haben oder einfach eine Untersuchung brauchen. Und Eltern gehen mit ihren Kindern zum Kinderarzt, weil sie sich Sorgen um ihr Kind machen. Das ist nun einmal der Sinn eines Gesundheitssystems. Man könnte fast meinen, wir müssten uns dafür rechtfertigen, dass wir überhaupt krank werden.

Das Beispiel mit den Kindern finde ich dabei besonders wichtig. Ein Kind, das beim Kinderarzt sitzt, ist schließlich keine Zahl in einer Statistik. Da sitzt ein Mensch, Menschenskinder - und dahinter stehen Eltern, die wissen wollen, ob mit ihrem Kind alles in Ordnung ist.
Bea Merscher hat Friedrich Merz ziemlich frontal angegriffen. Sie sprach von "menschenverachtenden" und "zerstörerischen" Gesetzen und fragte ihn, warum er seinen Amtseid breche. Das war hart formuliert, sehr hart sogar - und man kann durchaus sagen, dass sie damit zu weit gegangen ist. Merz hat sich dagegen gewehrt und die Äußerungen als persönliche Herabsetzung zurückgewiesen.
Das kann ich verstehen. Aber Kritik an der Wortwahl beantwortet noch lange nicht die eigentliche Frage, die dahintersteht: Was passiert mit unserem Gesundheitssystem, wenn an der falschen Stelle gespart wird?

Natürlich muss auch im Gesundheitswesen über Geld gesprochen werden .. niemand kann ernsthaft behaupten, dass jeder Euro dort automatisch sinnvoll ausgegeben wird. Natürlich gibt es auch im Gesundheitswesen Stellen, an denen man Geld sparen kann und selbstverständlich muss man darüber reden, wie Beiträge bezahlbar bleiben und wie unser Gesundheitssystem langfristig finanziert werden kann. Wenn Politiker über Milliarden und Einsparungen sprechen, darf man trotzdem nicht vergessen, dass hinter diesen Zahlen Menschen stehen. Der Patient mit seinen Rückenschmerzen. Die Mutter mit ihrem fiebernden Kind. Der ältere Mensch, der dringend einen Termin braucht. Die medizinische Fachangestellte, die seit Stunden am Telefon sitzt. Und nicht zu vergessen die Ärztin, die schließlich auch nur ein Mensch ist. 

Und genau deshalb stört mich das Wort "Nutznießer". Ein Nutznießer ist jemand, der aus einer Sache einen Vorteil zieht. Aber Ärzte, Pflegekräfte, medizinische Fachangestellte und all die anderen Menschen im Gesundheitswesen halten dieses System doch überhaupt erst am Laufen. Und natürlich werden sie dafür bezahlt, schließlich ist das keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Ärzte sollen und müssen mit ihrer Arbeit Geld verdienen können. Niemand erwartet, dass eine Kinderärztin ihre Praxis aus reiner Nächstenliebe betreibt. Aber genauso wenig kann man so tun, als würden Ärzte einfach irgendwo sitzen und sich aus einem großen Topf bedienen. Sie arbeiten dafür - und viele von ihnen arbeiten unter Bedingungen, die mit dem Bild vom bequemen "Nutznießer" herzlich wenig zu tun haben.
Vielleicht wäre deshalb ein anderes Wort besser gewesen - Mitwirkende, Leistungserbringer, Teil des Systems oder ganz einfach Menschen, die ihre Arbeit machen.
Was mich an der ganzen Geschichte ebenfalls beschäftigt, ist diese ständige Betrachtung des Gesundheitswesens als Kostenfaktor. Da geht es um Milliarden, um Budgets, Beiträge und Einsparungen. Alles wichtige Themen, keine Frage. Aber irgendwo zwischen diesen Zahlen verschwinden die Menschen, um die es eigentlich gehen sollte. Ja - ich weiß, ich wiederhole mich....

Vielleicht hat die Kinderärztin deshalb so laut gesprochen. Okay, vielleicht war ihr Ton zu scharf. Sie hätte sie ihre Kritik tatsächlich anders formulieren können. Aber ich finde, man sollte deshalb nicht automatisch alles wegwischen, was sie zu sagen hatte. Und ich finde auch, dass ein Bundeskanzler solche Kritik aushalten muss. Gerade dann, wenn sie aus einem Bereich kommt, in dem jeden Tag sichtbar wird, welche Folgen politische Entscheidungen haben.
Mich würde jedenfalls interessieren, was andere Menschen darüber denken. Ist Bea Merscher tatsächlich nur eine "Wutärztin", wie sie teilweise dargestellt wird? Oder ist sie eine Ärztin, der irgendwann einfach die Hutschnur gerissen ist und der die Entwicklung Sorgen macht?

Also noch einmal - wer zum Arzt geht, ist nicht automatisch ein Kostenfaktor. Und wer als Arzt behandelt, ist nicht automatisch ein Nutznießer. Vielleicht sind beide Seiten einfach Teil desselben Systems.
Und vielleicht wäre genau das der Punkt, an dem eine "vernünftige Diskussion" anfangen sollte.

Bürgerreporter:in:

Hildegard Grygierek aus Essen

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