Pisa-Studie Düsseldorf
Niedrig-IQ-Region NRW - Diskussion im Landtag
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Nordrhein-Westfalen hat ein Bildungsproblem. Seit der jüngsten Landtagsdebatte wissen wir: Es reicht bis ans Rednerpult. Schlechte Schülerleistungen, besorgniserregende PISA-Befunde, dazu der vorletzte Platz im Bereich Schulqualität des Bildungsmonitors 2026. Eigentlich genug Anlass, über Unterricht und Förderung zu sprechen. Über die Frage, was Kinder brauchen, damit sie etwas lernen. Der AfD-Abgeordnete Christian Blex hat jedoch etwas ganz anderes entdeckt: einen rosa Elefanten. Der stehe mitten im Klassenzimmer und werde von den anderen Parteien nicht beim Namen genannt. Gemeint sei die Zuwanderung aus „Niedrig-IQ-Regionen“. Blex ist promovierter Mathematiker und Oberstudienrat. Man darf von ihm also etwas mehr verlangen als ein Vorurteil mit akademischem Briefkopf. Ein promovierter Mathematiker müsste eigentlich wissen: Wer sämtliche Unbekannten durch das Wort „Ausländer“ ersetzt, hat keine Gleichung gelöst. Er hat bloß das gewünschte Ergebnis hineingeschrieben.
Als ehemaliger Grundschullehrer staune ich über diese neue pädagogische Methode. Ich hätte bei einem Kind, das eine Aufgabe nicht versteht, zunächst nachgesehen, was es schon kann. Herr Blex schaut offenbar lieber auf die Weltkarte. Da muss irgendwo eine Grenze eingezeichnet sein: links davon begabt, rechts davon bedauerlicherweise geboren. Das spart natürlich Arbeit. Man braucht keine Unterrichtsvorbereitung mehr. Ein Globus genügt. Nun sind fehlende Deutschkenntnisse ein wirkliches Problem, wenn der Unterricht auf Deutsch stattfindet. Setzte man mich morgen in eine Schule, in der sämtliche Aufgaben auf Finnisch erklärt werden, sähe mein Zeugnis vermutlich trostlos aus. Ich würde trotzdem darum bitten, mit dem Urteil über die geistige Verfassung des gesamten Ruhrgebiets noch einen Augenblick zu warten. Ein Kind, das ein Wort noch lernen muss, braucht jemanden, der es ihm erklärt. Es braucht keinen Abgeordneten, der ihm erklärt, aus welcher Gegend der Welt es besser nicht gekommen wäre.
Übrigens steht im Bildungsmonitor auch etwas, das einen Mathematiker interessieren könnte: 2024 lagen die Ausgaben je Grundschulkind in NRW bei 8.100 Euro, im Bundesdurchschnitt bei 9.000 Euro. Macht 900 Euro Unterschied. Trotz gestiegener Ausgaben blieb diese Lücke bestehen. Vielleicht könnte Herr Blex zur Abwechslung einmal ausrechnen, was man mit diesem Geld anfangen könnte. Sein rosa Elefant müsste dafür allerdings ein wenig zur Seite treten. Er verdeckt die Haushaltstabelle. Blex fordert stattdessen einen Zuwanderungsstopp aus armen und bildungsfernen Regionen sowie die Rückführung von Menschen ohne Integrationsperspektive. Das ist eine bemerkenswerte Vorstellung von Bildungspolitik: Man verbessert das Klassenzimmer, indem man an der Ausgangstür arbeitet.
Sein Fraktionskollege Christian Loose verlangte separate Klassen für Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen und reagierte auf Zwischenrufe mit einer lautstarken Schimpftirade. Offenbar kann auch jemand, der ausreichend Deutsch spricht, noch erheblichen Förderbedarf beim Gesprächsverhalten haben.
Die Grünen widersprachen deutlich. Gönül Eglence sprach von „Rassenlehre in reinster Form“, Lena Zingsheim-Zobel warf Blex Rassismus und Diskriminierung vor. CDU, SPD, FDP und Schulministerin Dorothee Feller gingen laut dpa in ihren Reden nicht direkt auf die AfD ein. Feller lobte allerdings ausdrücklich die Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund. Das war richtig. Sie verwies außerdem auf bereits eingeleitete Verbesserungen und die begonnene „Aufholjagd“. Bei dem Wort stelle ich mir immer vor, wie Ministerien in Turnschuhen hinter einer Schulklasse herlaufen. Vorne werden die Kinder älter. Hinten wird noch das Konzept abgestimmt.
Zum Lob der Kinder hätte gut ein unmissverständlicher Satz an den Oberstudienrat gepasst. Wer Menschen nach ihrer Herkunft intellektuell abwertet, muss mit Widerspruch rechnen. Gerade in einem Parlament, das darüber berät, was Kinder lernen sollen. Die schauen schließlich auch zu.
Niedrig-IQ-Region NRW? Ich wäre vorsichtig mit solchen Gebietsdiagnosen. Nach dieser Debatte scheint mir eine gezielte Förderung einzelner Erwachsener zunächst dringlicher.
Als ehemaliger Lehrer würde ich Herrn Blex gern eine kleine Nachhilfe anbieten. Sie bestünde aus einer einzigen Frage: Wenn ein Kind etwas noch nicht kann – wozu ist dann eigentlich die Schule da? Der rosa Elefant darf mitkommen. Vielleicht kann er vorsagen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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