Wenn das Herz stolpert
Eine Routineuntersuchung, eine schwere Diagnose und sechs Jahre Warten: Wolfgang Börner über Krankheit, den Verlust seines Berufslebens und seinen Kampf um die Erwerbsminderungsrente
Bochum – 4. August 2017. Ich fahre zum Hausarzt, weil mein Herz zu schnell schlägt. Mehr erwarte ich von diesem Termin eigentlich nicht. Eine Untersuchung, vielleicht ein Medikament – danach sollte mein Alltag weitergehen.
Doch dieser Tag wird zum Wendepunkt meines Lebens.
Mein Puls liegt seit einiger Zeit selbst in Ruhe bei rund 115 Schlägen pro Minute. Bis dahin bin ich kaum ernsthaft krank gewesen. Ich arbeite als Abteilungsleiter, trage Verantwortung und bin es gewohnt, dass Probleme gelöst werden.
Dann kommt das EKG.
„Herr Börner, das sieht überhaupt nicht gut aus. Sie haben einen Linksschenkelblock. Sie müssen sofort in ein Krankenhaus.“
Ich liege noch auf der Untersuchungsliege und versuche zu begreifen, was gerade passiert. Wenige Minuten zuvor war ich mit der Erwartung gekommen, nach einem kurzen Arztbesuch wieder nach Hause zu fahren. Jetzt steht plötzlich die Frage im Raum, ob mein Leben in Gefahr ist.
Ich verlasse die Praxis trotzdem zunächst und setze mich in mein Auto.
Kurz darauf klingelt mein Telefon. Meine älteste Tochter ist am Apparat.
„Ist alles in Ordnung?“
„Ja“, sage ich.
Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich lüge.
Aus einem gesunden Menschen wird ein Patient
Was danach folgt, ist keine einzelne Erkrankung, die behandelt und anschließend abgehakt werden kann. Es entwickelt sich ein langer medizinischer Weg.
Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte und schließlich die Diagnose einer schweren Herzschwäche bestimmen mein Leben. Meine Herzkranzgefäße sind frei. Die Ursache liegt an anderer Stelle: Ein ausgeprägter Linksschenkelblock führt dazu, dass meine Herzkammern nicht mehr synchron arbeiten. Die linke Herzkammer ist erheblich geschwächt.
Am 1. März 2018 werde ich im Bergmannsheil Bochum aufgenommen. Kurz darauf wird mir ein CRT-D-System implantiert – ein Herzschrittmacher mit integriertem Defibrillator.
Die Operation verläuft erfolgreich.
Doch mit dem medizinischen Eingriff beginnt gleichzeitig ein anderer Kampf: Ich muss lernen, mit einem Körper zu leben, der nicht mehr so funktioniert wie früher.
Der Versuch, ins Berufsleben zurückzukehren
2019 wage ich die Wiedereingliederung in meinen Beruf. Ich möchte zurück in mein altes Leben. Doch schon bald merke ich, dass meine Kräfte nicht mehr ausreichen.
Zu den gesundheitlichen Problemen kommen weitere Diagnosen hinzu. Schwere Veränderungen an der Lendenwirbelsäule, Schlafapnoe und zunehmende Hörprobleme schränken mich zusätzlich ein.
Mehr als drei Jahrzehnte habe ich gearbeitet. Verantwortung zu tragen und gebraucht zu werden, war für mich selbstverständlich.
Jetzt sitze ich teilweise an meinem Schreibtisch und habe keine sinnvolle Aufgabe.
Für andere mag das nach einem ruhigen Arbeitsplatz klingen.
Für mich fühlt es sich an, als würde mir Schritt für Schritt meine berufliche Identität genommen.
Im August 2019 kommt es schließlich zum Personalgespräch. Mir wird ein Aufhebungsvertrag angeboten. Alternativ steht eine betriebsbedingte Kündigung im Raum.
Ich unterschreibe schließlich.
Damit endet nach mehr als 30 Jahren mein Berufsleben.
Ein Rentenantrag wird zum jahrelangen Rechtsstreit
Im August 2020 stelle ich einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente. Ich gehe davon aus, dass die umfangreichen medizinischen Unterlagen meine Situation eindeutig dokumentieren.
Doch die Deutsche Rentenversicherung lehnt den Antrag ab.
Ich entschließe mich, den Rechtsweg zu gehen.
Was ich damals nicht weiß: Aus meinem Rentenantrag wird ein Verfahren, das mich über Jahre begleiten wird.
Aus Monaten werden Jahre.
Währenddessen verschlechtert sich mein Gesundheitszustand weiter. Meine Beweglichkeit nimmt ab, ich bin auf verschiedene Hilfsmittel angewiesen. Gleichzeitig wächst die psychische Belastung.
Meine Frau und meine Familie werden in dieser Zeit zu meinem wichtigsten Rückhalt.
„Ich wollte nie etwas geschenkt bekommen“
Ich habe nie den Eindruck gehabt, einen besonderen Vorteil zu verlangen. Ich wollte lediglich, dass meine gesundheitliche Situation vollständig und gerecht beurteilt wird.
Im Berufungsverfahren wird schließlich ein weiterer medizinischer Sachverständiger hinzugezogen. Seine Einschätzung fällt deutlich aus: Aufgrund der Vielzahl und Schwere meiner Erkrankungen sei meine tägliche Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt. In der Gesamtbeurteilung wird sie sogar mit unter zwei Stunden täglich eingeschätzt.
Für mich ist dieses Gutachten ein wichtiger Moment.
Nicht, weil ich plötzlich gesünder wäre.
Sondern weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl habe, dass jemand tatsächlich sieht, wie mein Alltag aussieht.
Doch eine endgültige Entscheidung lässt weiter auf sich warten.
Sechs Jahre Ungewissheit
Während das Verfahren weiterläuft, verändern sich auch meine finanziellen Möglichkeiten. Krankengeld und Arbeitslosengeld laufen aus. Schließlich bin ich auf staatliche Unterstützung angewiesen.
Ich habe mein gesamtes Berufsleben gearbeitet.
Nun muss ich mit einer Situation umgehen, die ich mir früher niemals hätte vorstellen können.
2026 ziehe ich schließlich die Konsequenz. Zum 1. September trete ich die Altersrente für schwerbehinderte Menschen an.
Damit endet mein Berufsleben endgültig.
Der Rechtsstreit um meinen bereits 2020 gestellten Antrag auf Erwerbsminderungsrente ist damit jedoch nicht automatisch beendet.
Was hinter einer Akte steht
Wenn ich heute auf die vergangenen Jahre zurückblicke, geht es mir nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen.
Ich weiß, dass Behörden und Gerichte Entscheidungen sorgfältig prüfen müssen.
Aber ich weiß inzwischen auch, was sechs Jahre Ungewissheit mit einem Menschen machen können.
Hinter einer Gerichtsakte stehen nicht nur Diagnosen und Gutachten.
Dahinter stehen schlaflose Nächte.
Schmerzen.
Existenzängste.
Eine Familie, die mit betroffen ist.
Und ein Mensch, dessen Lebenszeit weiterläuft, während er auf eine Entscheidung wartet.
Meine Geschichte ist deshalb für mich mehr als ein persönlicher Rückblick. Sie ist auch ein Wunsch an diejenigen, die über solche Fälle entscheiden:
Seht bei aller notwendigen Bürokratie und allen gesetzlichen Vorgaben immer auch den Menschen hinter der Akte.
Denn Zeit ist für einen schwer erkrankten Menschen kein unbegrenztes Gut.
Und trotz allem, was passiert ist, gilt für mich bis heute:
Aufgeben war für mich niemals eine Option.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Börner aus Bochum |
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